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  • Capitol Hill Autonomous Zone

Die linke »Zone« von Seattle

Aktivisten haben die Straßen eines Viertels besetzt und organisieren dort Straßenfestatmosphäre - ohne Polizei

  • Von John Dyer, Boston
  • Lesedauer: 4 Min.

»Die Revolution ist im Gang«, sagt Adam Ott, ein Anwohner, der das CHAZ mehrfach besucht hat, um seine Solidarität auszudrücken. Kleine und große Fragen kreisen um die Capital Hill Autonomous Zone (CHAZ), um die sechs Blöcke in Seattle, die von Demonstranten besetzt wurden, seit sich die lokale Polizei vor rund zwei Wochen aus einer Polizeiwache und dem Stadtviertel zurückgezogen hat. Aktivisten streiten im Internet etwa, ob die Sperrholzbarrikaden am Eingang der »Zone« die Polizei wirklich abhalten könnten, wenn diese räumen wolle. Trotz solcher Detailfragen: Viele sehen das »befreite Viertel« als anarchistisches Symbol.

Auf der Straßenebene ähnelt die CHAZ stark einem Straßenfest. Anstatt jedoch Geld anzunehmen, verschenken die Verkäufer Wasser und Lebensmittel, die andere gespendet oder zubereitet haben. Anstatt Waren zu verkaufen, diskutieren Aktivistinnen und Aktivisten Themen, organisieren Veranstaltungen und vernetzen sich mit ihren gleichgesinnten Nachbarn. Tauschhandel ist die bevorzugte Methode zum Austausch von Dingen.

Jeder kann die CHAZ betreten. Familien kommen mit ihren Kindern. Obdachlose versammeln sich, um ein kostenloses Essen bei der »No Cop Co-Op« zu bekommen und den Rednern zuzuhören. Es gibt Straßenkunst, Musikshows, Gemeinschaftsgärten und andere Gruppenaktivitäten. Spontane Gesänge, Happenings und Demonstrationen sind an der Tagesordnung.

Die Stimmung ist entspannt und sicher, auch wenn rechte Medien anderes suggerieren. Fox News veröffentlichte Fotos von bewaffneten Männern und Plünderern in der CHAZ, aber die »Seattle Times« entlarvte diese Fotos als gefälschte Versuche, den Ort falsch darzustellen. Polizeigewerkschafter suggerieren, einzelne Gewaltvorfälle zeigten das Scheitern eines Projekts linker Selbstorganisation. Nach dem Motto: Ohne Polizei geht es einfach nicht.

Anwohner sehen es differenzierter: »Die Ladenbesitzer freuen sich über den Fußgängerverkehr, befürchten aber, dass irgendein Verrückter jeden Moment Chaos verursachen könnte«, sagte Ott, der für ein multinationales Beratungsunternehmen arbeitet. Es gab vereinzelt Gewalt, doch die kommt vermutlich vor allem von rechts und von außen. Am Samstagabend wurden in der »Zone« zwei Männer niedergeschossen. Beide wurden von Aktivisten, die sonst relativ erfolgreich selbst für Sicherheit sorgen, in ein Krankenhaus gebracht.

Die Polizei wurde von Protestierenden daran gehindert, zum Tatort zu gelangen, wie Videos von Polizei-Bodycams zeigen. Ein Opfer starb kurz nach der Einlieferung ins Krankenhaus, eine weitere Person befindet sich laut Lokalmedien immer noch in »kritischem Zustand«. Kshama Sawant, sozialistische Stadtverordnete aus Seattle, erklärte in einer Mitteilung das Opfer sei schwarz und es gebe »Hinweise, auch dies könne ein rechtsextremistischer Angriff sein - nicht der erste«. Sie verwies sie auf den schwarzen Aktivisten Dan Gregory, der am 8. Juni angeschossen wurde, als er sich einem Auto in den Weg stellte, das am 8. Juni in eine Black-Lives-Matter-Demonstration in die CHAZ-Zone fuhr.

Die anhaltende Existenz der CHAZ ist wohl der größte Sieg der Linken bei den Black-Lives-Matter-Protesten nach der Ermordung von George Floyd. Nach einer Reihe von Zusammenstößen mit Demonstranten verließ die Polizei von Seattle am 8. Juni ihr Hauptquartier im Ostteil der Stadt. Vor ihrer Abreise schredderten die Beamten wichtige Dokumente. Die Demonstranten wollen laut einer Forderungsliste die Abschaffung des Polizeidepartments, die Degentrifizierung von Seattle, aber auch, dass mehr schwarzes Gesundheitspersonal eingestellt wird.

Am Montag kündigte die Bürgermeisterin von Seattle man wolle die »Zone« auflösen, »friedlich« und »in Kürze«. »Es ist Zeit das die Leute nach Hause gehen«, erklärte Jenny Durkan bei einer Pressekonferenz. Sie hatte die Zone bisher geduldet. Man wolle Protest zulassen, aber die Folgen für Geschäfte und Anwohner seien »zu groß«.

Seattle sei »bereit gewesen« für die CHAZ, sagt Ott. Die Stadt habe eine lange linke Tradition, sei ein liberales Bollwerk im Bundesstaat Washington, der von Tech-Firmen in den Vororten von Seattle und auf dem Land von Konservativen dominiert wird. In den vergangenen Jahren hat der Aufstieg von Amazon zum größten Konzern der Welt für gestiegene Lebenshaltungskosten und mehr Obdachlosigkeit in der Stadt gesorgt.

Versuche dagegen mit neuen Steuern vorzugehen, hat Amazon bisher erfolgreich mit Lobbyarbeit verhindert. Vor kurzem hat Kshama Sawant einen neuen Vorschlag für eine Extrasteuer für Großunternehmen mit über 500 Millionen Dollar Umsatz, vorgestellt. Damit soll einkommensschwachen Familien bei der Bewältigung der Coronakrise geholfen werden.

Audioreportage von USA-Korrespondent Max Böhnel zu den Protesten gegen Polizeigewalt und Rassismus

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