Sehnsucht nach der Haustechnik

SONNTAGMORGEN

Donnerstagmorgen, die Operation steht an. Ein Pfleger kommt herein. »Das mit der Mehrfachsteckdose geht aber nicht«, sagt er zu mir.

Sie liegt auf dem Beistelltisch. Das nützlichste Mitbringsel von zu Hause, um all die mitgebrachte Technik aufladen zu können bzw. mit Strom zu versorgen.

»Sie können die hier nicht anschließen«, erklärt er. »Das geht nur, wenn sie von der Haustechnik für den hiesigen Einsatz zertifiziert wurde. Einfach eine Steckdosenleiste von zu Hause mitbringen! Ich fasse es nicht!«

»Könnten Sie die Haustechnik anrufen?«, frage ich zurück. »Damit einer vorbeikommt, der die Zertifizierung durchführt?«

»Das mache ich, Herr Rescue. Machen Sie sich keine Sorgen. Haben Sie eine gute OP. Aber erst räumen Sie dieses Ding da weg!«

Stunden später liege ich im Aufwachraum. Ich nehme Stimmen wahr, die mal über mich reden oder über Kollegen. Eine Schwester und eine Ärztin tauchen an meinem Bett auf.

Ich wende mich an die Ärztin: »War die Haustechnik schon wegen meiner Steckdosenleiste da?«

Die Ärztin schüttelt den Kopf und beide verlassen mein Bett.

Den Pfleger sehe ich später nicht wieder. Die zwei einzigen Steckdosen befinden sich in Bodennähe und die Ladekabel sind zu kurz. Wenn ich mich bücke, schmerzt es. Außerdem muss ich abwägen, ob ich das Handy auflade oder das Laptop oder die Spielkonsole anschließe. Den Fernseher stelle ich inzwischen auf den Boden und hänge halb aus dem Bett, wenn ich spiele. Wenn ich mich nämlich schleppend um das Bett herumbewege, um vom Fensterbrett den Ultra-4K-92-Zoll- Fernseher auf die Ausziehplatte vom Beistelltisch zu stemmen, fällt wegen des Gewichts vom Bildschirm der ganze Beistelltisch um. Natürlich könnte ich den Krankenhaus-Fernseher nutzen, aber der hat nur 30 Zoll, da sieht man ja gar nichts drauf.

Am Entlassungstag packe ich meine Sachen. Es klopft an der Tür.

Ein Typ im Blaumann kommt herein: »Tachchen, Kasulke mein Name, Haustechnik.« Er nimmt mir die Steckdosenleiste aus der Hand, die ich gerade einstecken will. »Die sieht doch jut aus«, sagt er kurz darauf. »Scheint alles dran zu sein, was dran sein muss. Kabel, Gehäuse und ein Aufkleber ›Made in Germany‹. Ich habe manchmal so ausländische Leute, die haben so komische Stecker. Da sage ich denen immer: Da brauchen Sie einen Adapter für. Aber kommen Sie mir nicht mit denen von Amazon und ›Made in China‹. Da kriege ich einen Hals. Da nehme ich denen die Dinger ab und schmeiß die aus dem Fenster. Also diese Steckdosenleiste ist toppi. Die können Sie benutzen. Warten Sie, ich klebe noch unser Siegel ans Gehäuse und jut is.« Dann geht er wieder.

Ich packe die Steckdosenleiste ein. Gut, denke ich mir, dann ist die für das nächste Mal. Wann auch immer und wo auch immer.

Nein, Moment - was ist, wenn die nur für dieses Krankenhaus zertifiziert ist? Ich packe sie wieder aus und lege sie auf den Beistelltisch. Für meinen Nachfolger. Er wird es mir danken. Robert Rescue

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