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»Es ist alles sehr viel politischer in diesem Jahr«

CSD-Vorständin Dana Wetzel über den Christopher Street Day

  • Marie Hecht
  • Lesedauer: 4 Min.

Warum wurde entschieden, den Christopher Street Day in diesem Jahr digital zu veranstalten? Demonstrationen sind ja jetzt wieder möglich.

Der CSD hat eine große Sogwirkung und die Leute reisen von überall her an. Im letzten Jahr waren es eine Million Menschen. Wenn nur fünf Prozent davon kommen, sind wir bei 50.000. Und ich denke nicht, dass das zu händeln ist. Man kann das nicht vergleichen mit anderen Demonstrationen. Der CSD ist 50 Prozent Party und 50 Prozent Politik. Die Leute kommen da auch hin, um sich zu feiern, um den Tag zu feiern. Das wäre einfach nicht sicher gewesen.

Der Partyaspekt des CSD wird immer wieder kritisiert. Was sagen Sie zu den Vorwürfen der Kommerzialisierung?

Bei so einer großen Demonstration brauchen wir Security, Rettungskräfte, Toiletten, alles, was dazugehört. Miete, Versicherungen, wir müssen unsere Büromitarbeiter*innen bezahlen. Das kostet in normalen Jahren ungefähr eine halbe Million Euro - und das Geld muss irgendwo herkommen. Und da haben wir drei Säulen: die Truckumlagen, die Gastronomie und die Sponsorleistungen. Und das kann man blöd finden, aber wenn das Geld nicht da ist, kann man keinen CSD machen.

Es geht beim CSD also nicht nur um Party.

Ich finde die Kombination aus beidem wichtig. Zum einen, dass wir auf die politischen Missstände hinweisen, die es ja immer noch gibt. Aber ich finde, man darf an dem Tag auch das Erreichte feiern, weil im Gegensatz zu anderen Ländern, gerade auch in Europa, geht es uns hier richtig gut.

Was erwartet die Teilnehmer*innen des Online-Pride?

Wir haben uns am normalen CSD orientiert. Es wird eine Art Demo-Teil geben und eine Art Bühnenprogramm-Teil. Das fängt an mit der Vorstellung von Vereinen, Initiativen und Organisationen aus dem queeren Spektrum. Dann geht es über in Show-Acts und Live-Beiträge, Gesang, Tanz und solche Sachen.

Aber es ist auch was los auf der Straße?

Genau. Wir haben eine große Aktion im Nollendorfkiez. Dort werden - es ist alles sehr viel politischer in diesem Jahr - politische Reden gehalten. Das ist dieses Jahr ein CSD für Aktivist*innen. Dann haben wir noch eine Aktion vor den russischen und polnischen Botschaften Unter den Linden. Und eine Live-Schalte ins Strandbad Grünau zu einer queeren Rudergruppe.

Was sind derzeit die größten Herausforderungen für die LGBTQI-Community?

Die Herausforderung ist, dass noch mehr Zusammenhalt entsteht. Wir sind alle Teil der queeren Community, egal ob nun trans, inter, schwul, lesbisch, bi, pan oder auf eine andere Art und Weise queer. Gerade jetzt, wo so viele queere Zentren und Schutzräume in Gefahr sind, sollten wir es schaffen, an einem Strang zu ziehen, und gucken, dass unsere Szene nicht den Bach runtergeht. Was, wenn es keinen CSD mehr gibt? Kein schwul-lesbisches Stadtfest, kein Parkfest mehr im Volkspark Friedrichshain? Die Stadt hat so viele tolle Sachen zu bieten, aber die Vereine sind durch Corona echt gebeutelt.

Gibt es auch etwas Positives, das aus der Corona-Pandemie hervorgegangen ist?

Ich habe in der Community unglaublich viele kreative Menschen erlebt. Nicht nur der CSD, viele Orte haben angefangen, Online-Streams zu machen. Wir wollen das als zusätzliches Element in Zukunft beibehalten. Für Menschen, die sich nicht trauen, in Menschenmassen zu gehen oder die auf sonstige Art und Weise eingeschränkt sind. Oder einfach ungeoutete Menschen. Ich kenne unglaublich viele Menschen, die sich nicht trauen, auf den CSD zu gehen, auch heute noch.

Welche politischen Kämpfe sind der Community besonders wichtig?

Wir haben Mitte Februar dazu aufgerufen, uns Inhalte zu nennen, die die Community beschäftigt, und daraus sind sechs Forderungen entstanden. Auf jeden Fall muss dieses fürchterliche Transsexuellengesetz endlich weg. Wer man ist und welche Identität man hat, kann nur jeder für sich entscheiden und nicht irgendwelche Richter, Psychologen, Ärzte oder wer sonst nötig ist, um einen Personenstand zu ändern. Dann müssen Regenbogenfamilien endlich anerkannt und gleichgestellt werden. Wir fordern von der EU und der Bundesregierung eine klare Haltung gegen die Kriminalisierung und Diskriminierung von LGBTQI-Lebensweisen in Ungarn und Polen. Und wir unterstützen ausdrücklich die Forderungen von Fridays for Future und der Black-Lives-Matter-Bewegung. Und wir müssen »Hate Speech« bekämpfen, das wird immer schlimmer.

Interview: Marie Hecht

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