Mehr Hilfe nötig

Fast die Hälfte der Geflüchteten fühlt sich diskriminiert

»Geduld« war eines derjenigen Wörter, die am Mittwoch bei der Vorstellung der Zwischenbilanz des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zur Integration Geflüchteter häufiger fiel. Die gebe es zwar in vielen Bereichen der Gesellschaft. »Wir wollen aber auch darauf aufmerksam machen, dass Integration Zeit braucht«, betonte Katharina Spieß, Professorin und Mitautorin der Studie. Fünf Jahre nach Angela Merkels »Wir schaffen das«-Rede zogen die Autorinnen der Untersuchung auf Grundlage einer Längsschnittbefragung von Geflüchteten insgesamt eine positive Bilanz.

So arbeiteten sie auf Basis von vier Studien heraus, dass die Bildungsabschlüsse der Geflüchteten im Vergleich zum bundesdeutschen Durchschnitt zwar formal niedriger sind. Die Soziologieprofessorin Cornelia Kristen erklärte jedoch, ein mittlerer Bildungsabschluss könne in einer Gesellschaft, in der nur sehr wenige einen solchen erwerben, »relativ gesehen mehr wert sein als in einer Gesellschaft wie der Bundesrepublik, wo sehr viele einen mittleren Bildungsabschluss haben«. So erreichten drei Viertel der Syrer, die größte Gruppe der Geflüchteten in Deutschland, das gleiche oder ein höheres Bildungsniveau als der Durchschnitt der Menschen in Syrien.

Für gelungen halten die Wissenschaftlerinnen auch die Integration von Kindern und Jugendlichen. Nach Angaben von Spieß zeigen diese eine überdurchschnittlich hohe Identifikation mit der Schule. Darüber hinaus sprechen 90 Prozent der Zwölfjährigen und 70 Prozent der 14- bis 17-Jährigen in ihren Freundeskreisen überwiegend Deutsch. Andererseits sind geflüchtete Minderjährige um 18 Prozent seltener Mitglieder in Sportvereinen als Gleichaltrige ohne Migrationsgeschichte.

Eine weitere Studie befasste sich mit der Integration am Arbeitsmarkt bzw. mit den diesbezüglichen Erwartungen der Geflüchteten. 2016 schätzten zwei von drei Befragten ihre Chancen, zwei Jahre später erwerbstätig zu sein, als hoch ein. Bei einem Drittel dieser Gruppe erfüllte sich diese Hoffnung nicht. Am schwersten falle Frauen die Integration in den Arbeitsmarkt, vor allem, wenn sie für kleine Kinder sorgen müssen und in Gemeinschaftsunterkünften leben. Dafür gebe es verschiedene Ursachen, resümierte die wissenschaftliche Mitarbeiterin Felicitas Schikora. Diese Integration nehme »mit den Jahren aber auch zu«. Ein wichtiger Schlüssel sei der Ausbau von Kitaplätzen. Diese würden nicht nur die Mütter entlasten, sondern auch die Eingliederung der Kinder ins deutsche Bildungssystem begünstigen.

Gefragt nach Integrationshemmnissen betonten die Wissenschaftlerinnen, es gebe zwar ein großes Vertrauen der Geflüchteten in Polizei und Justiz. Bei der öffentlichen Verwaltung »könnte jedoch nachjustiert werden«, so Doktorandin Katja Schmidt. Laut Spieß kann man dieses Misstrauen »als leichte Hinweise auf subjektiv wahrgenommene Hürden« ansehen. Das sei »ein Stück weit Interpretationssache«. Dabei dürften es gerade Behörden wie das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge sein, mit denen Geflüchtete unmittelbar nach Ankunft in Deutschland ihre ersten Erfahrungen machten.

Nach Angaben der Autorinnen ist unterdessen der Anteil der wegen der Zuwanderung besorgten Deutschen mittlerweile wieder auf ein Drittel gefallen. Auf dem Höhepunkt der Einwanderung war er mit 46 Prozent, die sich »große Sorgen« machten, besonders hoch. Gegenüber 2012 ist die Zahl derer, die Befürchtungen haben, aber immer noch hoch. Umgekehrt ist die Zahl der Geflüchteten, die sich diskriminiert fühlen und Angst vor Fremdenfeindlichkeit haben, gestiegen. Nur etwas mehr als die Hälfte gibt an, sich nicht diskriminiert zu fühlen.

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