Kreuzkröte wird Chefsache

Regierender Bürgermeister identifiziert ein neues Wohnungsbauproblem

  • Von Nicolas Šustr
  • Lesedauer: 4 Min.

»Es müssen jetzt die Genehmigungen erfolgen für die nächste Legislatur«, sagt der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) am Ende der Neubautour der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften. Das, was die Unternehmen an sechs Stationen von Johannisthal bis zum Märkischen Viertel am Montag dem Pressetross und den Senatsvertretern vorgeführt haben, sei das Ergebnis von Baugenehmigungen von vor drei, vier, fünf oder gar sechs Jahren, sagt der Regierende.

Der frisch gebackene Stadtentwicklungssenator Sebastian Scheel (Linke) ist derzeit nicht das Ziel von Müllers Kritik, sondern es ist nun Umweltsenatorin Regine Günther (Grüne), die aus Termingründen nicht mehr an der Endstation Märkisches Viertel dabei ist. Das aktuelle Reizthema des SPD-Politikers ist das Entwicklungsgebiet Pankower Tor, die riesige Fläche des ehemaligen Güterbahnhofs, die sich parallel der Eisenbahn zwischen den Bahnhöfen Pankow und Pankow-Heinersdorf erstreckt. »Aus dem Weg räumen« müsse man die Probleme dort, fordert Müller.

Es handelt sich um Kreuzkröten, die sich auf der inzwischen seit über einem Jahrzehnt brach liegenden Fläche angesiedelt haben. Regine Günther ahnte schon, dass der Regierende Bürgermeister später auf diesen Punkt zu sprechen kommen würde, immerhin war am Nachmittag wieder ein Spitzengespräch zum Wohnungsbau mit ihr, Bausenator Scheel, Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) und eben Müller angesetzt. »Wir wissen, dass die Kröten wegmüssen«, sagt Günther zu »nd«. Denn der mögliche zur Verfügung stehende Platz reiche nicht für einen Lebensraum der streng geschützten Art auf dem Gelände, dafür müssten es zehn Hektar sein - es misst insgesamt 34 Hektar. Schon länger würden in ihrem Haus Überlegungen angestellt, wie die Umsiedlung vonstatten gehen könnte. Wegen des trockenen Hitzesommers habe es bereits eine Rettungsaktion gegeben, berichtet sie. »Angesichts des weltweiten Artensterbens kann aber nicht die Devise sein: Wir bauen und der Artenschutz stört«, so Günther. »Wir tun, was wir können, um eine Umsiedlung vor Ende 2021 zu ermöglichen«, sagt die Senatorin. Wenn die Kreuzkrötenpopulation schon seit vielen Jahren bekannt sei, frage sie sich, warum die Umsiedlung nicht schon viel früher angeleiert worden sei. In dem Thema ist noch viel Musik drin, denn immerhin sollen auf der Fläche 2000 Wohnungen gebaut werden.

Zwar liegt die Fläche außerhalb des S-Bahnrings, doch die Nachfrage dürfte für die zentral in Pankow gelegenen Wohnungen, von denen ein Großteil zu bezahlbaren Mieten auf den Markt kommen soll, enorm sein. »Wir hatten 1300 Interessenten für 19 Wohnungen in einem Neubau in Wilmersdorf«, berichtet Gesobau-Vorstandschef Jörg Franzen. Für 52 neu gebauten Wohnungen der Degewo auf der Weddinger Seite des Mauerparks gab es rund 3000 Anfragen, ist auf der Tour zu erfahren.

Mit solchen Zahlen kann WBM-Geschäftsführerin Christina Geib für 191 Wohnungen an der Friedenstraße 85-90 in Friedrichshain nicht aufwarten. Denn das Unternehmen schließt die Angebote spätestens, wenn 60 Interessenten zusammengekommen sind. Sieben Jahre hat das Projekt von der Idee bis zur Realisierung gebraucht, inklusive Einschaltung der Wohnungsbau-Leitstelle, um Unstimmigkeiten aus dem Weg zu räumen. Nach Ansicht der landeseigenen Unternehmen ein realistischer Zeitraum, der allerdings oft überschritten werde.

Fast jungfräulich sind noch die Buckower Felder, auf denen die Stadt und Land 900 Wohnungen zusammen mit zwei gemeinwohlorientierten Partnern entwickeln will. Wie bei allen neuen Projekten liegt der Anteil geförderten Wohnraums bei 50 Prozent. Rund 20 Prozent der Wohnungen sollen von den Partnern errichtet werden, denen das Gelände im Erbbaurecht zur Verfügung gestellt werden.

»Obwohl hier noch nicht viel Baugeschehen zu sehen ist, haben wir den internen Aufwand bereits zu 30 Prozent erfüllt«, sagt Geschäftsführer Ingo Malter bei der Visite auf dem Stoppelfeld am südlichen Neuköllner Stadtrand. Das Baugrundstück ist vom Land eingebracht worden und die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hat das Verfahren an sich gezogen. »Das hat die Genehmigungen für uns vereinfacht, weil wir weniger Ansprechpartner hatten«, so Malter.

Corona, so die übereinstimmende Aussage aller Beteiligten, hatte bisher auf die Neubau-Fertigstellungen bis auf wenige Ausnahmen keinen Einfluss. Allerdings sind viele Baugenehmigungsverfahren über Monate praktisch zum Erliegen gekommen, berichtet einer der Unternehmenschefs. Er glaube daher nicht, dass die geplanten Baubeginne für 10 000 Wohnungen dieses Jahr zu halten seien.

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