Gabel im Hirn und grüne Tinkturen

Florin Ianu stromert mit Surrealistenbrille durch den rumänischen Alltag

  • Lesedauer: 9 Min.

Die Gabel

Die Gabel ist ein kleines bisschen neben der Spur. Sie dreht sich lässig durch die langen Nudeln, so als ob sie Ski fahren wollte.

»Wo ist nur dein Kopf geblieben? Sie haben dich verarscht. Sie haben dich reingelegt, du Dummkopf! Das sollen Kartoffeln sein? Und das soll Blumenkohl sein? Fast hätte ich dir gesagt, was es ist! Blumenkotze! Wie schaffst du das immer? Was steckt in deiner großen Birne? Heu? Stroh? Kannst du dich denn nicht mal konzentrieren?«

Die Gabel durchquert das Rote Meer, das Tote Meer und das Meer der Bitterkeit. Sie sticht in ein Stück Käse. »Warum wundere ich mich überhaupt? Du bist ein Volltrottel. Eine Flachpfeife. Du bist ein Weib mit Hosen, das muss dir mal jemand sagen. Nichts von dem Kleinkram, den du gekauft oder repariert hast, läuft, wie er sollte, hier in diesem Haus. Als ob du verflucht wärest! Eine Niete bist du!« Die Gabel greift zu einem Knäuel Pasta und führt sie hoch, vom Teller zum Mund. »Mit wem rede ich hier, du taube Nuss? Du oder ein Koffer am Bahnhof - kein Unterschied!« Die Gabel stolpert und lässt die Beute auf die Hose fallen. »Ich kann es nicht glauben! Das machst du extra! Du veräppelst mich. Ich bin nicht dein Diener, du Pappnase! Wie fühlt sich es an, sich wie ein Tier zu bekleckern? Wie eine Kuh in Stiefeln. Säße das Vieh am Tisch, es würde sich zivilisierter benehmen. Wo gehst du hin? Bist du fertig? Dafür habe ich geschuftet …? Nimm gefälligst eine Serviette und lege sie dir auf den Schoß.« Von zwei blassen Fingern unterstützt sammelt die Gabel den Schlamassel auf und begrenzt das Desaster.

»Zu nichts taugst du. Außer essen und fernsehen. Du würdest nicht mal wie andere unter Freunde gehen, aber was rede ich da, du hast gar keine Freunde, du liebst ja niemanden. Wenn du stirbst, wird nicht mal eine Ameise wissen, dass du durchs Leben gegangen bist. Dann werde ich atmen können, denn du hast mein Leben vergiftet!« Die Gabel gräbt tief im Teller. Keiner sieht das leichte Zittern der Zähne, die sich aussichtslos bemühen, einen Bezugspunkt, einen festen Punkt zu finden, um die Welt aus den Angeln zu heben. »Du tust mir leid. Aber du widerst mich. Wenn du schon keinen Charakter hast, hättest du das mit etwas anderem ausgleichen können! Antonias Sebastian ist deine treue Kopie. Er hat aber zumindest ein Gehalt. Und noch einer: Garabet. Von Elvira der Mann. Wie, welche Elvira, Gott!? Du fängst an zu verkalken. Ich hörte, dass Männer schnell verfallen. Alzheimer, Alter! Garabet, derjenige, der Sachen aus dem Ausland mitbringt. Immerhin. Wenn ich darüber nachdenke, dass du kurz vor dem Rentenantritt stehst - sicher wirst du mir jeden Tag ordentlich auf die Nerven gehen. Du bist der langweiligste Mann auf der Welt, wie konnte ich bloß so verrückt sein und genau dich nehmen … pampig bist du auch noch!«

Der Gabel geht eine Idee durch den Kopf. Idee ist zu viel gesagt, aber nah dran. Es ist eher eine Vision ihrer selbst, mit allen Zähnen mitten im feindlichen Gehirn zu stecken. Das Blut zeichnet lebendige, rote Spaghetti, die sich über den Schoß ergießen. In dem Augenblick hebt sie den Mund zum Himmel und ihre Zähne suchen nach einem Bezugspunkt, einem lebendigen Ziel. »Habe ich schon erwähnt, dass du ein Waschlappen bist? Ich sage es dir noch mal. Waschlappen im Bett, Waschlappen auch im Leben. Waschlappen, Waschlappen, Waschlappen. Du hast Glück mit mir, sonst wärest du schon lange in einem Graben verrottet.« Die Gabel lässt locker und liegt nun neben dem Teller. Sie steckt ein. Bis zum bitteren Ende. Das ist das Leben.

Die grünen Brüste

Obwohl sie erst fünfzehn ist, ein Alter, in dem man sich für alles Mögliche begeistern kann, leidet Adela fürchterlich. Tatsächlich, sagt sie. Für Adela ist das Wort tatsächlich wie das Leben, und zwar weil Gott gemein und ungerecht war. Wie jedes Mädchen in ihrem Alter sieht und bewertet sich Adela nur durch die Augen der Jungs. Sie könnte die Dümmste der Dummen, die Doofste der Doofen sein, aber wenn die gierigen Blicke der Jungs sie ins Visier nehmen und der Reihe nach ausziehen, ist der Kampf verloren. Deswegen versinkt sie in Selbsthass. Sie wird sich selbst nie mit Liebe betrachten können. Davon ist sie fest überzeugt.

Nennen wir also das Kind beim Namen. Was ihr wehtut: Adela hat kleine Brüste. Sehr kleine. Nur wenn sie ihre Brüste hochschiebt und ihren BH mit Watte ausfüllt, kann sie behaupten, dass sich ihre Bluse wölbt. Jeden Morgen betrachtet sie sie im Spiegel. Sie redet ihnen gut zu, fleht sie an: »Na kommt schon!« Umsonst! Immerhin ist sie schon fünfzehn und weiß, dass sie, von allein und sich selbst überlassen, niemals wachsen werden. Das Wort »niemals« treibt ihr Tränen in die Augen. Sie versteckt sich auf dem Dachboden, bis die Mutter mit dem garstigen Mann von der Bank fertig wird. Ein garstiger Mann mit Ledertasche, der schreit, wenn er redet. Sobald sie sich von der Tyrannei ihres kleinen Bruders befreit, ist Adela kampfbereit. Sie hat mühsam Dill gesammelt und eine Wunder wirkende Tinktur vorbereitet. Vor der Realität auf den Dachboden entflohen, macht sie jetzt den Oberkörper frei und legt sich vorsichtig die grünen Kompressen auf. Der Dill wirkt und die Tinktur scheint das Wundermittel schlechthin zu sein. Danach nimmt sie ein Buch und liest. Was kann man denn sonst tun, wenn man allein auf der Welt ist? Beim Lesen vergeht die Zeit sogar schneller. Das unangenehme Gefühl verschwindet rasch, weil Adela eine leidenschaftliche Leserin ist. Sie steigt in das Buch ein wie in eine Badewanne und taucht in die fremde Welt als wäre es Badeschaum. Ab und zu erwischt sie sich dabei, dass sie sich mit lauter Stimme fragt, ob Mr. Darcy jemals in Elizabeth Bennets Dekolleté geguckt hat und ob es da was Sehenswertes gab. Im Film konnte man es sehen, aber der Film zählt nicht − da kann man sich alles aussuchen! − weil man nämlich sagt, dass die Engländerinnen wie Bretter seien. Danach schaut sie sich ihre Kompressen an und spürt, oh Gott, das Wunder wird vollzogen! Es juckt, es brennt, also passiert etwas! Nach zwei Stunden Träumerei kehrt sie zurück auf die Erde. Sie entfernt die Wickel und spürt im gleichen Augenblick ihren Tod. Die Brüste sind nicht gewachsen, aber sie brennen sehr und sind grün-lila. Die Farbe ist in die Haut eingezogen wie ein Tattoo.

Vom Regen in die Traufe! Sie zieht sich an, knöpft alles bis zum Hals zu und rennt ins Badezimmer. Verzweiflung breitet sich aus. Jetzt ist es kein Spaß mehr. Sie zieht sich wieder aus und guckt in den Spiegel. Das kalte Licht lässt ihre Brüste grausam aussehen. Sie seift sich ein. Nichts. Sie nimmt den rauen Duschhandschuh und fühlt, dass sich ihre Haut ablöst. Das Grün gibt nicht nach. Die Verzweiflung steigt ihr den Hals empor. Mit Waschlauge versucht sie es auch. Das Grüne hält. Heißes Wasser - so heiß wie sie es nur ertragen kann. Ergebnis: null. Diese unglücklichen Kleinen, die sie nur mit großer Mühe Brüste nennen kann, tun ihr weh, als ob sie enthäutet wären.

Sie fängt an, lautlos zu heulen, weil sonst ihre Oma, die nebenan mit dem Hörrohr an der Wand lauscht, beginnt, sie auszufragen. Der befreiende Gedanke des Selbstmordes geht ihr plötzlich durch den Kopf. Ihr Leben hat keinen Sinn mehr: Sie ist die Loserin der Loserinnen. Die schreckliche Vorstellung von sich selbst in fliederblauer Farbe, mit weit aufgerissenen, hervorstehenden Augen, heraushängender Zunge, vollgepinkelt und vor allem mit den grünen Brüsten, der Gaffer-Menge von der Gerichtsmedizin ausgeliefert, bringt sie allerdings dazu, sich schaudernd zu schütteln. Es gibt keinen Ausweg. Keinen Ausweg. Was für ein Scheißleben!

Genau in diesem Augenblick stürmt die Unverschämtheit in Form ihres Bruders, ohne an die Tür zu klopfen, ins Badezimmer. Das Mädchen versucht umsonst, ihre winzigen Brüste zu bedecken. Der unerwartete Gast sieht sie, bleibt einen Augenblick mit aufgerissenen Augen stehen, und dann hechtet er zur Tür: »Adela hat grüne Titten! Adela hat grüne Titten!« Seine Stimme schallt wie eine Trompete. Ihre Mutter hört es, ihr Vater hört es, das ganze Haus hört es. Bis zum Abend weiß das ganze Viertel, dass die Streberin der Familie Protopopesti ein perverses Flittchen ist. Adela geht eine Woche lang nicht aus dem Haus und ihre Mutter, die ein Monster zu sein schien (und bis zu diesem Zeitpunkt auch war), besorgt ihr ein Attest für eine Woche, bleibt bei ihr, streichelt ihren Kopf und quatscht sie mit allem Möglichen voll. Adelas Unglück ist nun einigermaßen verbunden, eitert aber aus allen Narben.

Nach einer Woche fasst sie sich ein Herz und geht zur Schule. Jeder weiß es, prustet und spaßt. Adela versteht, dass ihr Leidensweg lang und schmerzhaft sein wird. Sie ist entschlossen durchzuhalten. Sie wird die Zähne zusammenbeißen. Bis zum Sommer ist es nicht mehr lange. Sie besteht die Prüfung, kommt aufs Gymnasium und fertig. Es wird zu Ende gehen.

Aber die Einsamkeit ist schwer. Keiner will ihr eine Chance geben. Nicht mal die dicke Sorina, der die Unterhose im Chemie-Unterricht runtergerutscht war, wurde so verstoßen. Auch nicht Cornel, der auf dem Klo mit einer Porno-Zeitschrift in der linken Hand fotografiert wurde, erlitt so eine Behandlung! Adela erfährt es genau jetzt, am eigenen Leib, wie die Blicke der anderen brennen können. Ah, verdammte kleine Brüste!

Nach der Schule kehrt sie allein und betrübt nach Hause zurück. Und gerade, weil sie allein ist, denkt sie, dass sie in Ruhe heulen kann. In dem Moment, in dem sie ihr Taschentuch herausnimmt, tippt jemand auf ihre Schulter. Es ist Andrei, der Sohn des Bürgermeisters. Der reichste Sohn der Stadt und wahrscheinlich auch der reichste des Universums. Adela beißt die Zähne zusammen. Alle wissen, wie arrogant und eingebildet er ist. Aber er lacht nicht und stellt ihr auch kein Bein. Er sagt bloß: »Ich find’s cool, was dir passiert ist«, und tritt an ihre Seite, ohne Faxen zu machen, wie sonst in der Schule.

Adela schweigt, auf das Schlimmste gefasst, widersetzt sich ihm aber nicht. Kein Mädchen der Welt würde den Märchenprinzen wegstoßen.

»Möchtest du nicht mit mir reden?«, fragt er nach einer peinlichen Minute, in der sie planlos herumlaufen. »Doch, aber du wirst mich auslachen und das ist unerträglich.«

»Komm schon … grüne Brüste! Kannst du dir vorstellen, dass du das stärkste Mädel im Universum bist? Ich würde mein Leben geben, um ein paar grüne Brüste zu sehen.« Adela bleibt stehen, starrt ihn lange an und sucht in Gedanken, mit Blitzgeschwindigkeit, nach einem abgeschiedenen, dunklen Platz, den niemand kennt, wo der gut aussehende junge Mann tatsächlich sein Leben für sie geben kann.

Florin Iaru:
Die grünen Brüste. Erzählungen
Aus dem Rumänischen von Manuela Klenke
Danube Books
184 S., geb., 18,50 €

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