Junge Ärzte aus dem Labor

Expertenkommission berät bei der Gründung einer Universitätsmedizin in Cottbus

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.

Ein einzelnes Medizinstudium kostet den Staat rund 200 000 Euro, andere Studienplätze deutlich weniger. Da muss in der Bundesrepublik im Schnitt nur etwa ein Drittel dieser Summe aufgewendet werden. Ist Brandenburg denn »größenwahnsinnig« geworden, in Cottbus eine eigene Universitätsmedizin aufbauen zu wollen? Da Wissenschaftsministerin Manja Schüle (SPD) die Zahlen kennt, fragt sie das am Montag lieber gleich selbst, bevor es jemand anders tut. Die Anschubfinanzierung bekommt das Land Brandenburg vom Bund. Es darf dafür etwas von den Strukturmitteln verwenden, die es zur Kompensation für den Braunkohleausstieg erhält. Aber danach muss Brandenburg immer weiter selbst bezahlen.

Am Montagnachmittag tritt in Berlin erstmals die Expertenkommission zusammen, von der sich Schüle bei dem Vorhaben beraten lassen will. Leiter ist Professor Karl Max Einhäupl, der von 2008 bis 2019 Vorstandsvorsitzender der berühmten Berliner Universitätsklinik Charité gewesen ist. Um sich geschart hat er für die Aufgabe sechs Männer und drei Frauen, darunter fünf weitere Professoren von verschiedenen Universitäten und Instituten. Auch Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts, hat sich zur Mitarbeit bereit gefunden, worauf Ministerin Schüle besonders stolz ist, da dieser wegen der Corona-Pandemie so schon alle Hände voll zu tun hat.

Mitte 2021 soll die Kommission erste Empfehlungen geben, vielleicht auch schon im Januar oder Februar, wie Einhäupl hofft. Das nächste Mal tagt das Gremium vor Ort in Cottbus. Zu klären ist, ob die Ärzte am großen Carl-Thiem-Klinikum ausgebildet werden, was naheliegt, und ob andere Krankenhäuser der Region einbezogen werden. Es stellt sich für Einhäupl auch die Frage, ob dazu eine Fakultät an der Technischen Universität Cottbus geschaffen wird oder die Medizinerausbildung durch eine extra Hochschule realisiert werden soll.

Bisher wollte sich Brandenburg von der Charité mit Absolventen versorgen lassen. Doch das hat zuletzt nicht mehr optimal funktioniert. Vor allem an Landärzten fehlt es. Für die gesamte Bundesrepublik möchte Einhäupl nicht von einem Ärztemangel sprechen. Bei den Ärzten pro Einwohner liege Deutschland unter den OECD-Staaten immerhin auf Rang vier. Das Problem sei wohl eher die regionale Verteilung - und dass junge Mediziner heute nicht mehr gewillt seien, an sieben Tagen in der Woche zwölf Stunden und mehr zu arbeiten, was ihnen gegönnt sei.

Der Professor hat bisher immer gewarnt, Hochschulen zu gründen, um Strukturpolitik zu machen. Darum sei er anfangs skeptisch gewesen, was die Universitätsmedizin in Cottbus betrifft, verrät Einhäupl. Doch dann hat er sich näher damit beschäftigt und erkennt nun eine Chance, hier etwas Neues zu versuchen und die Sache so aufzuziehen, dass sie ein Vorbild für die Zukunft der Universitätsmedizin werden könnte. Er und die Ministerin nennen die Lausitz in diesem Zusammenhang ein Labor. »Ich habe in der Vergangenheit vermieden, Projekte zu übernehmen, die scheitern«, sagt Einhäupl. »Ich bin auch diesmal zuversichtlich.« Welche jährlichen Kosten auf das Land zukommen, vermag er allerdings noch nicht genau abzuschätzen. »Das muss berechnet werden«, erklärt er.

Derzeit ist Brandenburg neben Bremen das einzige Bundesland ohne Medizinstudium an einer staatlichen Hochschule - wobei es mit der als privat eingestuften Medizinischen Hochschule »Theodor Fontane« in Neuruppin faktisch eine halbstaatliche Einrichtung gibt. Deren Träger sind die kommunalen Ruppiner Kliniken, das Städtische Klinikum Brandenburg/Havel, die Stadtwerke Neuruppin und die Sparkasse. Lange bemühte sich diese vor sechs Jahren gegründete Hochschule vergeblich um mehr Unterstützung durch das Land. Die Absicht, stattdessen in Cottbus so viel Geld einzusetzen, sorgte für Verstimmung. Doch Ministerin Schüle glaubt, dies sei erledigt, nachdem das Land hier nun noch einmal fünf Millionen Euro extra gewähren wolle.

Was der Landtagsabgeordnete Ronny Kretschmer (Linke) jedoch noch vermisst, ist eine Aussage zu einer möglichen Kooperation der Medizinerausbildung in Cottbus und Neuruppin. Da ist er gespannt auf das Konzept der Experten. »Beide Hochschulen müssen miteinander arbeiten«, sagt Kretschmer. »Darauf legen wir Wert.«

Im Sommer 2019 hatte Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) am Carl-Thiem-Klinikum informiert, dass dort künftig 1000 junge Menschen Medizin studieren sollen, die ersten 100 ab Wintersemester 2023/24. Damals war von 1,1 Milliarden Euro Anschubfinanzierung die Rede und von laufenden Betriebskosten von 50 bis 60 Millionen Euro jährlich. Doch wie zu den Summen möchte Einhäupl zum möglichen Starttermin nichts übereilt äußern, ehe nicht alles in der Kommission besprochen und geprüft ist. »Sobald als möglich«, so sagt er nur, sollte es losgehen. Kommentar Seite 9

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