Unerwünschter Lückenschluss

Der Dannenröder Forst in Mittelhessen rückt ins Zentrum der Umweltbewegung

  • Von Stefan Otto, Dannenrod
  • Lesedauer: 3 Min.

Eigentlich ist Dannenrod ein verschlafenes Nest. Die Ankündigungen im Glaskasten in der Dorfmitte sind schon zwei Jahre alt. Der Ort liegt etwas abseits zwischen Marburg und Bad Hersfeld. Doch jetzt gerät er mit seinen 140 Einwohner*innen in den Fokus der Öffentlichkeit; dort läuft nämlich der Protest gegen den Weiterbau der Autobahn A49 zusammen.

Rund 1000 Menschen kamen zum sonntäglichen Spaziergang in den Wald, schätzt Barbara Schlemmer vom Bündnis Keine A49. »Viele neue Gesichter haben wir gesehen.« Einige kamen von weit her - aus Münster, Leipzig oder Brandenburg an der Havel. Und längst nicht alle fuhren wieder ab. Am Ortsrand ist ein Zeltlager entstanden, manche übernachten auch in den Baumhäusern entlang der geplanten Trasse im Dannenröder Wald. Der Danni, wie die Aktivist*innen den Forst nennen, ist in den letzten Wochen zum Hotspot der Umweltbewegung geworden.

Geplant ist der Weiterbau der Autobahn von Neuntal im Schwalm-Eder-Kreis südlich von Kassel nach Gemünden im Vogelsberg. 43 Kilometer umfasst der Lückenschluss. Unweit von Dannenrod soll die Trasse durch den Wald führen, unter dem ein Wasserreservoir liegt, das eine halbe Million Menschen versorgt.

Die Städte und Gemeinden in der Region befürworten das Verkehrsprojekt, weil sie sich eine Entlastung der vielbefahrenen Bundesstraßen 3 und 62 erhoffen. Gewerbetreibende und Politiker*innen aus Mittelhessen haben sich zum Bündnis JA 49 zusammengeschlossen. Durch die Autobahn versprechen sie sich wirtschaftliche Vorteile und Arbeitsplätze. Wieder einmal stehen sich jene, die eine wirtschaftliche Entwicklung einfordern, und Umweltaktivist*innen gegenüber.

Die juristische Grundlage für die Räumung der Waldbesetzung hat der Vogelsbergkreis am vergangenen Donnerstag ausgesprochen. Drei Tage Zeit wurde den Aktivist*innen gegeben, um die Baumhäuser zu verlassen. Die Initiative »Wald statt Asphalt« hat daraufhin Alarmstufe Rot auszurufen. Jetzt sei der Moment gekommen, den Rucksack zu schnappen und in den Wald zu kommen, hieß es. Die letzte juristische Hürde fiel bereits im Juni, als das Bundesverwaltungsgericht eine Klage des Umweltschutzbundes BUND abwies, der eine Verschmutzung des Trinkwassers befürchtet.

Längst bereitet sich auch die Polizei auf die Räumung vor. Die Dorfgemeinschaftshäuser in der Umgebung hat sie schon angemietet, und in der vorigen Woche gab es erste Auseinandersetzungen, als die Rudolfswiese mitten im Dannenröder Wald mit einer Planierraupe unter Polizeischutz zerstört wurde. »Das war ein völlig überzogener Einsatz, bei dem viel Gewalt angewendet wurde«, sagt Barbara Schlemmer. »Die Wiese ist ein geschütztes Biotop, das außerhalb der Planfeststellung für den Autobahnbau liegt.« Sie vermutet, dass dort Rodungsgerät und Baufahrzeuge des Strabag-Konzerns abgestellt werden sollen, der den Zuschlag für den Autobahnbau erhalten hat.

Freiwillig wollen die Aktivist*innen keinen Schritt zurückzuweichen. »Wir suchen nicht die Auseinandersetzung mit der Polizei«, erklärt Besetzerin Marie. »Aber wir wollen, dass der Wald stehen bleibt.« Für sie ist ein weiterer Autobahnbau ein falsches Signal. Angesichts des Klimawandels sei eine Verkehrswende zwingend notwendig. »Um den CO2-Ausstoß zu senken, muss mehr Gewicht auf öffentliche Verkehrsmittel gelegt werden«, sagt sie.

Nicht wenige Sonntagsbesucher*innen bewundern den Mut und die Entschlossenheit der zumeist jungen Leute im Wald. Aus den Baumkronen ist ein stetiges Hämmern zu hören, Bretter werden an Seilen hochgezogen, neue Plattformen und Hütten entstehen teilweise in 20 Metern Höhe. Für die Polizei wird es schwierig werden, die Aktivist*innen von den Bäumen zu holen.

Und doch hat niemand Zweifel daran, dass es gelingen wird und die umstrittene Autobahn letztlich gebaut wird. Trotzdem lohnt es sich für die Besetzer*innen zu kämpfen. Denn sie trägt die Hoffnung, dass kein System in Beton gegossen ist und ein Wandel möglich ist. Sie wollen den Anfang machen. Und tatsächlich herrscht Aufbruchstimmung im Wald.

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