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Die Genossin als »Püppchen«

Sachsens Linke berät über einen Antrag gegen Sexismus in den eigenen Reihen

Die Linke versteht sich als feministische Partei. Wahllisten werden quotiert besetzt, Anträge und Publikationen in gendergerechter Sprache verfasst, Spitzenposten regelmäßig mit Frauen besetzt. Dennoch kann es Genossinnen passieren, dass sie von arrivierten Parteifreunden abschätzig als »kleines Püppchen« tituliert werden, dem man zeigen werde, »wo der Hase langläuft«. Oder dass sie Nachrichten mit sexuellen Anspielungen auf ihr Handy geschickt bekommen. Oder gar, dass ihnen ein Genosse monatelang auflauert, sie mit Nachrichten bombardiert - und ein Hilferuf der Betroffenen an den Stadtverband mit der Bitte quittiert wird, nicht an die Öffentlichkeit zu gehen, weil das Image der Partei darunter leiden könnte.

All diese Fälle haben sich in der Linken in Sachsen zugetragen. Das geht aus einem Artikel für die aktuelle Ausgabe der Parteizeitung »Sachsens Linke!« hervor, der »nd« vorliegt. Er basiert auf Interviews, deren Inhalte »zum Schutz der befragten Personen« anonymisiert wiedergegeben werden. Die meisten der Vorfälle, ist zu erfahren, hätten sich in jüngerer Zeit zugetragen. Der Tenor des Beitrags: Auch die Linke hat ein Problem mit Sexismus. Wolle sie glaubwürdig sein, fordern die drei Autorinnen des Beitrags, zu denen mit Sarah Buddeberg die parlamentarische Geschäftsführerin im Landtag gehört, müsse sie »gegen toxische Männlichkeit vorgehen«.

Gelegenheit dazu bietet sich auf einem Parteitag am Samstag in Plauen. Dort wird ein Antrag behandelt, dessen Titel lautet: »Sexismus in den eigenen Reihen entschieden entgegen treten!«. Miteinreicher ist Landeschef Stefan Hartmann, zu den UnterstützerInnen gehören seine Co-Vorsitzende Susanne Schaper und mehrere Abgeordnete in Land- und Bundestag sowie Europaparlament. Gefordert wird zum einen die Erarbeitung einer Richtlinie, laut derer niemand in der Partei »aufgrund seines Geschlechts oder der sexuellen Orientierung anders beziehungsweise schlechter bewertet oder behandelt wird«. Zudem soll die Position einer Vertrauensperson in der Landespartei geschaffen werden, an die sich Betroffene wenden können. Sie soll »Anlaufstelle für sexistische Vorfälle im linken Kontext« sein, externe Hilfe organisieren und Fälle dokumentieren.

Landeschef Hartmann überraschen konkrete Fälle, wie sie in dem Artikel zitiert werden, nicht. »Praktisch alle Probleme der Gesellschaft finden sich auch in der Partei«, sagt er; Vorstellungen, dass der programmatische Anspruch der Geschlechtergerechtigkeit von jedem Mitglied verinnerlicht worden sei und Parteimitglieder der Linken per se anders mit dem Thema umgingen, halte er für »anmaßend«. Die Richtlinie und die Bestellung einer Vertrauensperson sieht er als Ausdruck einer »progressiven Fehlerkultur«: Man wolle »Strukturen schaffen, an die sich Opfer wenden könnten«. Dies beziehe sich auch auf Mitglieder, die sich zu Unrecht an einen Pranger gestellt sähen.

Im Antrag werden grundsätzliche Argumente für die Maßnahmen genannt. Die Linke wolle eine Gesellschaft, die von gegenseitigem Respekt geprägt und in der »gewaltfreies Leben für alle« möglich sein sollten. Dem Anspruch müsse auch das Parteileben gerecht werden. Das sei bisher nicht der Fall: »Auf allen Ebenen unserer Parteistruktur gibt es Sexismus.« Der »Klaps auf den Po« sei »leider kein Relikt vergangener Zeiten oder nur ein Problem konservativer, chauvinistisch geprägter Organisationen«. Die Autorinnen des Zeitungsartikels sehen das neben Faktoren wie der zeitlichen Belastung und familienunfreundlichen Zeiten von Sitzungen als mögliche Erklärung für eine unzureichende Attraktivität der Partei für Frauen. Deren Anteil liege in der Linken bei 36,4 Prozent, Tendenz sinkend; bei den Neumitgliedern sind unter 35 Prozent Frauen. In Sachsen waren von 7548 Mitgliedern (Juni 2020) zuletzt 42 Prozent weiblich.

Sollte sich der Parteitag für Richtlinie und Vertrauensperson aussprechen, würde die sächsische Linke zu den Vorreitern gehören; bisher hat nur die Landespartei in Bremen im November 2019 einen Antrag zur Stärkung anti-sexistischer Kultur in der Partei angenommen, der auch die Schaffung einer Anlaufstelle vorsieht.

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