Die Krise ist männlich

René Engel über die Fragilität von Männlichkeit, die während der Coronakrise zum Vorschein kommt

  • Von René Engel
  • Lesedauer: 3 Min.

Wir befinden uns in einer Pandemie und einer globalen Rezession, also einer Ausnahmesituation, wie sie keine lebende Person je erlebt hat. Das heißt: Keine Blaupausen, Sicherheiten oder einfachen Antworten. Eigentlich naheliegend, jetzt so etwas wie Verunsicherung oder sogar Angst zu empfinden. Aber in einem traditionell männlich gedachten Rollenbild gilt Angst als schwach - und Schwäche ist ein wirklich schwieriges Konzept für viele Männer. Damit gepaart erleben nun einige, womöglich zum ersten Mal im Leben, ein Gefühl in nie dagewesener Ausprägung, mit dem sie offenkundig nicht umzugehen wissen: Ohnmacht.

Und die Reaktionen auf dieses Ohnmachtsgefühl sind spannend; Nicht nur bei C-Prominenten, sondern auch Politikern, die durch mangelnde Vorsicht, »Corona-Skepsis« und Fehleinschätzungen auffallen: Wolfgang Kubicki, der dem Robert Koch-Institut öffentlich politisch motivierte Zahlen vorwarf. Armin Laschet, der sich gegenüber Markus Söder zu profilieren versuchte, mit Aussagen wie »Mir sagen nicht Virologen, welche Entscheidungen ich zu treffen habe«, und nun nicht nur schlechte Umfragewerte, sondern auch hohe Infektionszahlen zu verantworten hat. Oder Friedrich Merz, der zu Beginn der Pandemie noch weitgehend unbesorgt im ganzen Land Menschen traf und schnell an Corona erkrankte. Interessant dabei: Merz twitterte ein Foto von sich, das ihn »zu Hause arbeitsfähig« zeigte.

Ein Schlüsselelement, das vor allem männliche Politiker bedienen: Stärke und Unverwundbarkeit zeigen. Dieses Phänomen zeigte sich auch bei den ebenfalls an Corona erkrankten Bolsonaro (erfolgreich), Johnson (weniger erfolgreich) und natürlich Trump, der die zur Schau gestellte Unverwundbarkeit mit einem Video seiner Rückkehr aus dem Kranken- in das Weiße Haus ins absolut Groteske trieb: Helikopterlandung, pathetisches Salutieren vor der US-Flagge, dramatische Musik. Ebenso wie Ohnmacht verträgt sich das Gefühl, keine oder nur unzureichende Antworten zu haben, nur schlecht mit toxischer Männlichkeit.

Schon einmal mit vier Männern ein Feuer gemacht und garantiert fünf Meinungen dazu bekommen? So, wie dieses Land während einer Fußball-WM Millionen Trainer hat, gegen die Joachim Löw bestenfalls Kreisklasse ist, gibt es jetzt ähnlich viele Virologen, die Christian Drosten die Irrelevanz des R-Wertes erklären. Nur ist in puncto Corona dieses Infragestellen von Expertise, während man selbst keinerlei wissenschaftliche Sachkenntnis vorzuweisen hat, nicht nur nervig, sondern schlicht gefährlich. Das ist auch der Grund, warum Drosten so ein rotes Tuch für viele Männer ist: Er korrigiert sich, räumt Unsicherheit ein und versucht nicht, Unfehlbarkeit zu suggerieren.

Denn auch Unsicherheit passt nicht in das männliche Selbstverständnis. Da viele, vor allem weiße, heterosexuelle Cis-Männer die Privilegien, die sie mit ihrer Geburt auf den Weg bekommen haben, noch nie wirklich reflektiert haben, machen sie gerade eine sehr schmerzhafte Erfahrung: Ihnen wird etwas verwehrt, das sie haben wollen. Sei das der Fußball, die Reise nach Mallorca oder das Bier in der Kneipe. Klingt erst einmal verschmerzbar, aber für jemanden, der seine Freiheit durch das Tragen einer Maske in U-Bahnen oder ein Tempolimit auf Autobahnen beschnitten sieht, ist das eine radikale Erfahrung. Eine Erfahrung, die jemand mit dem Nachnamen »Arslan« bei der Wohnungssuche, eine Frau Ende 20 bei der Jobsuche oder eine Schwarze Person an der Clubtür potenziell andauernd machen: Jemand sagt »Das geht nicht« und man kann nichts dagegen tun.

Sobald sich dieses Ohnmachtsgefühl einstellt, gehen viele Männer zum Gegenschlag über. Das lässt sich auch deutlich beim verbalen Um-sich-Schlagen zu allem, wohinter »Identitätspolitik« vermutet wird, beobachten. Hinter diesem Reflex stecken patriarchale Strukturen, die zwar (natürlich) in erster Linie alle Menschen, die keine Cis-Männer sind, benachteiligen. Aber: Auch Männer profitieren von einer Welt, die diese Strukturen hinterfragt und aufbricht. Denn Feminismus will, entgegen der Erwartung vieler Männer, diese weder unterjochen noch benachteiligen. Im Gegenteil ist eine feministische Welt eine, in der auch Männer von diesen dysfunktionalen Verhaltensmustern befreit werden. Gehen wir es an.

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