Der Spekulationsmotor stottert

Über ein Drittel weniger Mietshäuser im ersten Halbjahr 2020 verkauft

  • Von Nicolas Šustr
  • Lesedauer: 3 Min.

Es ist ein regelrechter Absturz, den der Immobilienmarktbericht des Gutachterausschusses für Grundstückswerte für das erste Halbjahr 2020 in Berlin beschreibt. Für nur noch 149 reine Mietshäuser wurden in dem Zeitraum Kaufverträge notariell beurkundet, 35 Prozent weniger als im ersten Halbjahr 2019. Der Geldumsatz ging sogar um 48 Prozent zurück. Allerdings waren die Häuser im Durchschnitt auch etwas kleiner. Bei für die Innenstadt typischen Wohnhäusern, die auch über Gewerberäume verfügen, sank die Anzahl sogar um 44 Prozent, der Geldumsatz um 48 Prozent. Hier waren die gehandelten Häuser im Durchschnitt etwas größer als im Vorjahreszeitraum. Beide Gruppen zusammengenommen ging der durchschnittliche Kaufpreis um elf Prozent zurück.

»Von einer Beruhigung auf dem Wohnungsmarkt zu sprechen wäre verfrüht, aber wir vermuten, dass der Mietendeckel wie auch die Corona-Pandemie erste Spuren auf dem Berliner Immobilienmarkt hinterlassen haben«, sagt Reiner Wild, Geschäftsführer des Berliner Mietervereins, zu »nd«.

»Dass mit dem Wohnungsmarkt so viel Geld verdient wird, ist schlecht für Mieter. Es ist ein gutes Zeichen für sie, wenn dieser Markt an Attraktivität verliert«, erklärt Linke-Wohnungspolitikerin Gaby Gottwald. »Hausverkäufe schaffen schließlich keine einzige neue Wohnung.« Auch die Grünen-Mietenpolitikerin Katrin Schmidberger sieht die Entwicklung positiv. »Am Ende helfen nur ein gesamtstädtisches Umwandlungsverbot, ein Mietkataster, ein öffentliches Preisrecht und ein effektiver Wohnraumschutz in Kombination, um den Berliner Wohnungsmarkt nachhaltig gemeinwohlorientiert umzubauen«, gibt sie zu bedenken.

Immobilienportale dokumentieren seit Inkrafttreten des Mietendeckels eine regelrechte Flucht von Eigentümern aus der Vermietung in den Verkauf der Wohnungen als Eigentum. »Das Risiko einer nicht zum Höchstpreis erfolgenden Vermietung soll auf die Käufer abgewälzt werden, doch die Bereitschaft zum Kauf ist offensichtlich nicht so ausgeprägt«, sagt der Stadtsoziologe Andrej Holm zu »nd«. Denn auch in diesem Segment sind die Verkäufe im ersten Halbjahr um 21 Prozent eingebrochen, bei den vermieteten Eigentumswohnungen setzte der Trend bereits zur Jahreshälfte 2019 ein. Die Preise kletterten allerdings weiter, um sechs Prozent. »Im ersten Halbjahr gab es auf allen Portalen zusammengenommen 30 000 Verkaufsangebote von Eigentumswohnungen in Berlin. Die tatsächlich realisierte Zahl der Verkäufe liegt bei nur einem Fünftel«, erläutert Holm. »Am Ende wird den Eigentümern nichts anderes übrig bleiben als doch zu vermieten. Vielleicht müssen die Bezirke mit dem Zweckentfremdungsverbot aber noch nachhelfen«, so Wild.

Mit einem Rückgang von nur drei Prozent zeigt sich nur der Bereich der Ein- und Zweifamilienhäuser recht stabil, der mittlere Kaufpreis ging um sieben Prozent nach oben.

Um ein Drittel eingebrochen ist auch der Handel mit Bauland für Geschosswohnungsbau, die verkaufte Fläche ging um zwei Drittel zurück, die Erlöse daraus um 70 Prozent.

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