Baustelle Corona-Warn-App

Trotz Nachbesserungen und neuer Funktionen: Die Kritik bleibt

  • Von Daniel Lücking
  • Lesedauer: 3 Min.

»Diese App ist etwas, an das viel Hoffnung geknüpft worden ist, die aber in vielerlei Hinsicht nicht erfüllt wurde«, konstatiert die Bundestagsabgeordnete der Grünen Katrin Göring-Eckhardt anlässlich einer Onlineveranstaltung zur Corona-Warn-App am Dienstag.

Trotz der mittlerweile 22,5 Millionen Downloads zeigen Umfragen, dass sich rund 44 Prozent der Befragten nicht für den Download der App entschieden haben und rund 60 Prozent einen positiven Coronatest nicht über die App teilen. Insbesondere dieser Schritt wäre aber notwendig, damit mögliche Kontaktpersonen gewarnt werden können. Kritiker der App bemängeln, der Datenschutz mache die App ineffektiv. »Ganz im Gegenteil«, sagt Göring-Eckhardt im Gespräch mit IT-Experten und Gesundheitsexpert*innen aus der Zivilgesellschaft. »Wenn etwas hilft, ein Vertrauen in die App zu schaffen, dann ist das der Schutz der personengebundenen Daten.« Jutta Gurkmann, die beim Verbrauerzentrale Bundesverband tätig ist, pflichtet bei: »Deutsche Verbraucher sind eben kritische Verbraucher, die nicht einfach etwas nutzen, ohne es zu hinterfragen.«

Der Nachbesserungsbedarf bei der Corona-Warn-App ist überdeutlich. Noch bis zum vergangenen Sonntag prüfte die App nur einmal täglich auf mögliche Risikobegegnungen. Nach einem Update und der Anpassung der Server, sind nun sechs Aufrufe der App pro Tag möglich, bei denen die Begegnungsdaten abgeglichen werden. Kritik gab es auch an den Informationen, die die App liefert. Zwar ist die Anzeige »Niedriges Risiko« auf einem grünen Hintergrund zunächst ein recht plakativer Indikator, dass keine relevanten Gefährdungen vorliegen. Liegen Risikobegegnungen vor, ist die App nicht mehr so eindeutig. So kommt es teilweise zu einer zweistelligen Zahl an Risikobegegnungen, die weiterhin aber als »niedriges Risiko« angezeigt werden. Eine Erklärung, wie sich dieses Risiko auswirkt, sei aber für Laien schwer zu verstehen, bemängelt Ansgar Gerhardus, der an der Universität Bremen im Bereich der Pflege forscht.

Linus Neumann, Sprecher des Chaos Computer Clubs, wünscht sich vor allem eine bessere Nutzung der digitalen Möglichkeiten. »Überall dort, wo eine Beschleunigung erreicht werden kann, sollte diese auf digitale Weise umgesetzt werden«, sagt Neumann. Er fordert vor allem eine »Clustererkennung«, bei der die App Zusammenkünfte erfasst. Aktuell kann die App beim Austausch von Informationen nicht erkennen, ob ein höheres Infektionsrisiko vorliegt, wenn beispielsweise ein Kontakt in geschlossenen Räumen stattfindet. Mit einer Clustererkennung könnten Nutzer*innen kennzeichnen, wenn sie in einer Sitzung oder einem Restaurant in einer schlecht belüfteten Umgebung einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt sind als unter freiem Himmel. Dazu müsste ein QR-Code eingescannt werden, der nur im Fall einer Infektion mit den anderen anwesenden App-Nutzer*innen geteilt werden würde. So wäre es möglich, auch Nutzer*innen zu benachrichtigen, die mehr als 1,5 Meter von der infizierten Person entfernt, aber immer noch im selben Raum und einem höheren Ansteckungsrisiko ausgesetzt waren.

Das wohl größte Manko dürfte aber aktuell darin liegen, dass eine Warnung der Corona-App weitgehend folgenlos bleibt. Vermeldet die App einen Risikokontakt, der erst wenige Tage zurückliegt, ist dies derzeit noch kein Grund für einen Coronatest oder eine Krankschreibung, um vorsorglich auch ohne Symptome in Quarantäne zu gehen. Zu den absehbaren Neuerungen der Corona-Warn-App, die nach »Spiegel«-Informationen in den kommenden Wochen hinzugefügt werden sollen, zählt eine Erinnerungsfunktion für das Hochladen positiver Test, sowie aktuelle Informationen zu Pandemiezahlen.

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