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  • Cerrado-Savanne und Pantanal

Brasiliens bedrohte Galeriewälder

Corona bremste zwar die Wirtschaft, nicht aber die Brände und Rodungen.

  • Von Norbert Suchanek
  • Lesedauer: 4 Min.

Im gerade zu Ende gegangenen Jahr wüteten die seit Jahrzehnten schlimmsten Wald- und Buschbrände in der brasilianischen Cerrado-Savanne und im Pantanal. Von den Feuern im besonderen Maße betroffen sind die sogenannten Galeriewälder, die die Flussufer der Savannenlandschaft säumen. Dieses artenreiche Waldökosystem droht zu kippen. Das geht aus einer kürzlich im Fachblatt »Journal of Applied Ecology« veröffentlichten Studie hervor.

Die immergrünen Galeriewälder sind nicht nur besonders artenreich, verhindern Bodenerosion und schützen die Wasservorkommen. Sie sind auch überlebenswichtig für zahlreiche Tierarten wie den bedrohten Jaguar. Uferwälder sind sein bevorzugtes Rückzugsgebiet und wichtiger Bestandteil der Korridore zur Erhaltung der Artenvielfalt. Erstaunlicherweise schützt auch die Nähe zum Wasser die Galeriewälder nicht vor den hauptsächlich zur Ausweitung von Sojaplantagen und Rinderweiden gelegten Flächenbränden. Ein internationales Wissenschaftlerteam mit Beteiligung der Universität Hohenheim in Stuttgart hat dazu die Auswirkungen eines verheerenden Feuers im brasilianischen Nationalpark Chapada dos Veadeiros untersucht.

Im Jahr 2017 verbrannten dort 860 Quadratkilometer Cerrado. Für einen Teil des Areals wertete das Wissenschaftlerteam Satellitenbilder aus der Zeit vor und nach dem Feuer aus und nahm Feldstudien vor Ort vor. Demnach waren 2003 noch rund 90 Prozent der Uferwälder der Untersuchungsregion intakt. Nach den verheerenden Flächenbränden von 2017 allerdings war die Waldbedeckung der Flussufer auf stellenweise um 20 Prozent gesunken. »Im Schnitt waren jeder zweite erwachsene Baum und 88 Prozent der Baumschösslinge abgestorben«, so das Forscherteam.

»Zu unserer Überraschung wurden die Wälder, die während der Regenzeit überflutet wurden, am stärksten geschädigt. Einige dieser Wälder sind sogar vollständig zerstört. Fast alle Bäume sind dort abgestorben und Gräser und andere invasive Pflanzenarten haben die Flächen übernommen«, erläutert der Erstautor der Veröffentlichung, Bernardo Flores, von der Universität Campinas (Unicamp). Einen Grund dafür sehen die Wissenschaftler in der relativ dünnen Rinde der Uferbäume. Denn obwohl die Galeriewälder in einer Umgebung wachsen, in der Brände ein Teil des Ökosystems sind, erreichen die natürlichen Feuer sie selbst nur selten. In diesem Bereich verbrannte auch humusreicher Mutterboden, was zu Nährstoffverlusten und Bodenerosion führte und überdies zusätzlich CO2 freisetzte.

»Natürliche Feuer entstehen meist bei Gewittern durch Blitzeinschlag. Durch den nachfolgenden Regen werden diese Brände in der Regel auch schnell wieder gelöscht. Zudem treten Gewitter in der Regel während der Regenzeit auf, so dass der Boden und die Vegetation feucht und nicht so schnell entflammbar sind«, erläutert Forscherin Anna Abrahão von der Universität Hohenheim. Doch Soja- und Rinderfarmer legten die Feuer in der Trockenzeit, wenn die Vegetation ausgedörrt ist und sich leicht abfackeln lässt.

Darüber hinaus breiteten sich die nicht-heimischen, afrikanischen Grasarten der künstlichen Rinderweiden in die angrenzende Savanne aus und verdrängten die natürliche Vegetation. Diese gebietsfremden Gräser wiederum führten zu mehr angehäufter Biomasse und lieferten dem Feuer zusätzliches Brennmaterial. Diesen verstärkten Bränden seien die Galeriewälder nicht gewachsen. Gleichzeitig beobachteten die Forscher in den tropischen Savannen weltweit eine Verlängerung der sogenannten Brandwettersaison aufgrund des Klimawandels. Im tropischen Südamerika dauere diese Periode heute 33 Tage länger als noch vor 35 Jahren. Die Forscher sehen das ganze Ökosystem in Gefahr.

Die Ausweitung der Monokulturen habe den Cerrado und das Pantanal entflammbarer gemacht. Gleichzeitig hätte die Regierung in Brasilia in den letzten Jahren die Umweltpolitik in Brasilien geschwächt, was gleichfalls zu einer Zunahme von Flächenbränden führe, resümiert Rafael Oliveira, Unicamp-Ökologe und Co-Autor der Studie.

Der 1961 gegründete Nationalpark Chapada dos Veadeiros im Nordosten des Bundesstaates Chapada hatte ursprünglich eine Fläche von 625 000 Hektar. Auf Druck der Agrarlobby wurde er 1972 drastisch zunächst auf 171 924 Hektar und dann 1981 nochmals auf lediglich 65 500 Hektar verkleinert. 2017 schließlich erweiterte die Regierung Michel Temer den seit 2001 auch als Unesco-Weltnaturerbe »geschützten« Nationalpark wieder auf seine heutige Fläche von 235 000 Hektar, was allerdings der Agrarlobby weiterhin ein Dorn im Auge ist. Der jüngste Versuch, den Park wieder auf 65 500 Hektar zu reduzieren, scheiterte allerdings 2019 vor dem Bundesgerichtshof.

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