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Wir sind blind vor Liebe

Ballhaus Ost: Weltweite Solidarität im Corona-Würgegriff

  • Von Frank Willmann
  • Lesedauer: 3 Min.

Viele Fanklubs und Ultragruppen zeigen im Corona-Würgegriff weltweit Solidarität, sie kümmern sich um die Menschen an der Rückseite des Glücks und beweisen, welche positiven Kräfte in den putativen Flachköpfen des Fußballuniversums stecken.

Auch der ein oder andere Fußballmillionär macht sich locker und streut Almosen unters Volk. Einen Franz von Assisi, dessen Motto »Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib ihn den Armen« lautete, habe ich noch nicht entdeckt. Aber Kicker wie Cristiano Ronaldo, Leon Goretzka oder Neven Subotic bewegen sich in eine smarte Richtung.

Ein Blick in die Geschichte macht es eigentlich unmöglich, an das Gute im Menschen zu glauben, doch ein wenig Katharsis kann sich jeder leisten. He, ihr vierschrötigen Waldmenschen, ihr bizarren Hundefresser, die ihr eure Gegner bis in die Vorgärten jagt und aus ihren Eiern Fleischsalat macht: Erkennt den goldenen Pfeil der Liebe und zeigt klare Kante. The Message is Love, so pussymäßig das für euch auch klingen mag. Geigt den Dudelsack erträglich. Rote und Blaue und Bullerei gleich mit - vergrabt eure Quarzhandschuhe.

Als ich als etwa neunjähriger Knirps an der Hand meines Vaters erstmals den heiligen Rasen betrat, der im anmutigen Licht der Scheinwerfer das Jungs-Paradies illuminierte …

Nee, es war ein profaner Schlackeplatz, genährt vom Schweiß der Arbeiter, der in der hintersten Ecke des Weimarer Mähdrescherwerks, von mickrigen Funzeln beleuchtet, sein Dasein fristete. Für mich und die Jungs, mit denen ich über die Schlacke flitzte, als gäbe es kein Morgen, war dieser Platz der Anfang unseres Traums vom Fußball. Unsere ersten Trikots waren ausgeleiert, unsere Stutzen rutschten die dünnen Waden herunter, in die Hosen passten unsere kleinen Ärsche viermal rein.

Doch es waren unsere heiligen Trikots, auf denen über dem Herzen das Zeichen unserer Betriebssportgemeinschaft Motor Weimar prangte. Ich schlief in meinem Trikot, ich drückte heiße Küsse auf mein Motoremblem und verfolgte im Stadion Am Lindenberg die Spiele meines Vaters, der für Weimars Alte Herren spielte und als linker Läufer den rotnasigen und rot-äugigen Thüringer Bauern die Hacken zeigte.

Wir jungen Wänster wurden von unseren Eltern weder zum Training noch zu jedem Spiel begleitet, diese peinliche Nummer, unter der heute fast jedes kickende Kind leiden muss, blieb uns erspart. Meinen Eltern reichten meine Berichte, außerdem mussten sie hart arbeiten und sich in ihrer Freizeit um den Weltfrieden kümmern.

Wenn Vater und ich nicht selbst kickten, fuhren wir nach Jena, um den FC Carl Zeiss im Europapokal oder der DDR-Oberliga siegen zu sehen. Vater hatte die »Neue Fußballwoche« abonniert, um deren Erstlektüre wir zu Wochenbeginn harte Kämpfe ausfochten. Unsere frühen Idole waren die Jenaer Peter und Roland Ducke und ein bisschen die Dresdner Feingeister. Die westdeutschen Spieler Gerd Müller und Günter Netzer liebten wir genauso heiß und innig. 1974 waren wir für die DDR, doch das ist eine andere Geschichte.

Mein Leben als DDR-Jugendlicher kreiste um den Fußball und die Bücher der Kinder- und Jugendbibliothek, in die mich meine Oma jede Woche navigierte. Ich trug als Kind eine Lesebrille, dank des Fußballs wurde ich auf dem Schulhof als »Brillenschlange« nicht verkloppt. Der Fußball war für den Körper, die Bücher für die Seele - keine schlechte Mischung.

Vor wenigen Tagen starb mein Vater Hans-Joachim, kurz bevor er 90 Jahre alt geworden wäre. Möge immer ein Fußball in seiner Reichweite sein!

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