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  • »Generation Beleidigt«

Wem gehört die Pizza?

Die Feministin Caroline Fourest kritisiert die »Generation Beleidigt«

  • Von Tilmann Ziegenhain
  • Lesedauer: 5 Min.

Caroline Fourest hat einen Traum - sie träumt von der Universität als einem »Safe Space« für geistige Auseinandersetzungen, als einem Ort, an dem kontrovers und rücksichtsvoll zugleich debattiert wird. Glaubt man der Journalistin und Filmemacherin, dann sind die Hochschulen der westlichen Hemisphäre nämlich zunehmend hilflos der Sprach- und Gedankenpolizei »linker Identitärer« ausgeliefert - die zwar meinen, gegen Rassismus und Sexismus zu kämpfen, aber für Fourest de facto nichts anderes als Zensur betreiben. Hinter jedem intellektuellen Widerspruch witterten sie eine »Mikroaggression«, forderten sie »sichere Räume«, in denen sie vor vermeintlicher Diskriminierung geschützt seien, und beurteilten Argumente anhand der demografischen Merkmale des Urhebers, so die französische Feministin, die sich zur »Charlie-Hebdo-Linken« zählt und für ebenjene Satirezeitschrift auch gearbeitet hat.

Fourests nun in deutscher Übersetzung erschienenes »Generation Beleidigt« ist ein leidenschaftliches Plädoyer für die Freiheit von Kultur und Wissenschaft - und ein buntes Sammelsurium der absurden Auswüchse linker »Cancel Culture«. Ein paar Beispiele? Behinderte Studierende erhalten in Kanada Yogaunterricht - Aktivisten fordern das Ende dieser »kulturellen Aneignung«, schließlich »gehöre« Yoga den Indern. Andere versuchen »Asiatische Menüs« aus den Mensen zu verbannen. Popstar Katy Perry posiert auf Instagram mit geflochtenen Zöpfen, die zwar eher an Julia Timoschenko als an eine verbreitete afroamerikanische Haarmode erinnern, den digitalen Mob aber nicht davon abhalten, den Gang nach Canossa zu verlangen - den Perry schließlich auch reumütig in einem Interview antritt: Ihr als privilegierter weißer Frau stehe es nicht zu, solche Zöpfe zu tragen.

Dürfen, treibt es Fourest auf die Spitze, jetzt nur noch Italiener Pizza backen? Schlussendlich ginge es um nichts weniger als die Frage, wem »die Kultur« gehöre. Den identitären Ideologen, deren Aktionsradius sich allzu oft auf die anonymen sozialen Netzwerke beschränke, hält sie eine nüchterne Definition des Englisch-Oxford-Wörterbuchs entgegen: Kulturelle Aneignung sei »die Wiederaufnahme von Formen, Themen oder kreativen oder künstlerischen Praktiken durch eine kulturelle Gruppe zum Nachteil einer anderen«. Betonung auf: zum Nachteil. Aber ging es schwarzen Musikern schlechter, als die Rolling Stones sich am Repertoire des Blues bedienten? Muddy Waters formulierte es so: »Sie haben mir meine Musik gestohlen, aber mir meinen Namen gegeben.«

Kompakt zeichnet »Generation Beleidigt« nach, wann, wo und warum ein Teil der Linken rechts abgebogen ist - und benennt mit dem »Combahee River Collective« und ihrem Manifest aus dem Jahre 1977 den Urknall linker Identitätspolitik. Damals hatte eine Gruppe schwarzer lesbischer Frauen aus Boston »Identität« zum Ausgangspunkt von Politik gemacht: »Wir glauben, dass die tiefste und möglicherweise radikalste Politik direkt unserer Identität entspringt und nicht der Aufgabe, der Unterdrückung von jemand anderem ein Ende zu setzen«, heißt es in einem Aufruf, mit dem die Gruppe eine Diskussion über Rassismus in der feministischen Bewegung anstoßen wollte. Letztendlich sei das eine Form des Separatismus gewesen, die vielleicht als persönliche Therapie, nicht aber als politische Praxis tauge, so Fourest, die selbst aufgrund ihrer Homosexualität diskriminiert und angegriffen wurde. Allgemein glaubt Fourest, dass sich Minderheiten immer lauter als Opfer inszenierten, um Aufmerksamkeit buhlten und so zwangsläufig miteinander konkurrierten. Das ist für sie nur gut gemeint, aber schlecht gemacht, denn statt festgeschriebene Identitäten aufzulösen, würden diese von den Aktivisten nur noch mehr verfestigt.

Insgesamt kommt aber das Warum, also ein genauerer Blick auf die Ursachen für das Erstarken der Identitätspolitik, in »Generation Beleidigt« zu kurz: Mit der Krise der Gewerkschaften, dem Reimport französischer Poststrukturalisten wie Michel Foucault aus den USA nach Europa und dem vermeintlichen Ende der Ideologien benennt Fourest zwar einige Umbrüche in der Gesellschaft und im akademischen Diskurs, an denen vor allem die Linke zu knabbern hat, doch ihr kleines Büchlein ist eher ein kurzweiliger Ausflug ins Gruselkabinett statt umfassende Analyse, was bei gut 140 Seiten wohl auch kaum ihr Anspruch gewesen sein dürfte.

Beispiele aus Deutschland sucht man übrigens vergeblich - was die Frage aufwirft, warum es überhaupt eine deutsche Ausgabe braucht. Verleger Klaus Bittermann beantwortet sie so: »Auch hierzulande gewinnt linke Identitätspolitik an Einfluss an Unis, in Redaktionen und in der öffentlichen Meinung - also überall dort, wo man auf keinen Fall auf der falschen Seite stehen will.« Die Amerikaner und Franzosen seien uns in solchen Entwicklungen in der Regel nur um einige Jahre voraus, glaubt Bittermann, man könne dort bereits die Folgen einer Entwicklung erkennen, die auch nach Deutschland kommen werde.

In der Tat ist es ein schmaler Grat, auf dem sich nicht nur Fourest bewegt, sondern jeder, der sich für eine Gleichheit im Namen des Universalismus einsetzt, statt eine besondere Behandlung unter Berufung auf bestimmte Identitäten einzufordern. Denn die sind nun mal nicht naturgegeben und damit ist es zwangsläufig immer auch umstritten, wer überhaupt das Recht hat, für »die Schwulen«, »die Schwarzen« oder »die Muslime« zu sprechen. Allzu oft finden sich kritische Stimmen der antiautoritären Linken deswegen mittlerweile Seite an Seite mit Ewiggestrigen - die haben Political Correctness zwar schon immer lächerlich gemacht, können sich inzwischen aber auch in Deutschland immer öfter als Bewahrer der Rede- und Meinungsfreiheit inszenieren.

Auch wenn Fourest glaubhaft betont, sie wolle diesen Kräften, die statt einer konstruktiven Kritik an Identitätspolitik nur das Rad der Geschichte zurückdrehen möchten, nicht das Feld überlassen: Dass das konservative deutschsprachige Feuilleton »Generation Beleidigt« überaus wohlwollend besprochen hat, zwischen den Zeilen aber kritisierte, dass Fourest die größte Gefahr für die Demokratie immer noch rechts verorte, war nicht wirklich überraschend.

Caroline Fourest: Generation Beleidigt. Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei. A. d. Franz. v. Alexander Carstiuc, Mark Feldon, Christoph Hesse. Edition Tiamat, 144 S., br., 18 €.

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