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»Wir sind kein modernes Land«

In ihrem Podcast »Die Neuen Zwanziger« blicken Wolfgang M. Schmitt und Stefan Schulz auf das kommende Jahrzehnt: Ein Gespräch über das erste Jahr der Dekade - und des Podcasts - in der Krise

  • Von Tom Wohlfarth
  • Lesedauer: 7 Min.

Sie haben vor einem Jahr den Podcast »Die Neuen Zwanziger« gestartet, der über zehn Jahre laufen soll. Ist das Megalomanie oder einfach eine Möglichkeit, im immer härter umkämpften Podcast-Markt auf sich aufmerksam zu machen?

Schmitt: Man legt durch eine solche größere Perspektive einen anderen Rahmen auf die täglichen Ereignisse. Man blickt dann auf vieles gelassener, und manche Details erscheinen einem wichtiger, weil man denkt, das könnte in sieben, acht Jahren eine enorme Entwicklung sein. So bringt diese Neujustierung einer ansonsten sehr gegenwartsfixierten medialen Aufmerksamkeit ganz neue Perspektiven mit sich.

Schulz: Außerdem ist das Medium Podcast einfach noch nicht ausgeschöpft, weder inhaltlich noch formal. Auch neue Plattformen wie Clubhouse bieten eigentlich nur das, was es sowieso schon überall gibt: Laberpodcasts. Aber was unterscheidet dann noch einen Podcast von einem normalen Gespräch unter Kumpels, zu dem man sich als Hörer dazusetzen darf? Da ist eine Formatvorgabe wie unsere schon etwas anderes.

Schmitt: Aber zugleich reicht unser Horizont ja nicht nur nach vorne auf das kommende Jahrzehnt, sondern auch hundert Jahre zurück zu den »alten«, also den 1920ern, die bei allen Unterschieden vieles von der »neuen Unübersichtlichkeit« und Heterogenität unserer Gegenwart vorwegnehmen.

Können Sie kurz beschreiben, worum es in »Die Neuen Zwanziger« geht?

Schulz: Wir historisieren spontan die aktuelle Nachrichtenlage, denn das ist etwas, das sonst niemand macht. Üblicherweise beschränken sich Medien darauf, dem Publikum zu erzählen, was ein*e Politiker*in gesagt hat. Aber ist das wirklich relevant? Man könnte diese Aussagen stattdessen auch sofort in die große Geschichte einbetten. Dadurch kann man erst einmal schon viel Unbedeutendes aussortieren. In »Die Neuen Zwanziger« fragen wir uns am Ende jedes Monats, was ist denn auch aus der ersten Woche des Monats noch wichtig und was davon wird auch in den nächsten Monaten und Jahren wichtig bleiben. Daneben gibt es aber auch noch unseren kostenpflichtigen »Salon«, hier besprechen wir Bücher und andere Texte, die nicht zwingend aus dem laufenden Monat stammen müssen, die aber für die Ereignisse des Monats relevant sind.

Schmitt: Darüber hinaus ist der Podcast ein Blick auf das Politische, der nicht nur auf Politik im engeren Sinne schaut, sondern auf alles, was politisch bedeutsam ist. Wir haben etwa einen starken Schwerpunkt auf Technik, weil wir finden, dass das Politische zunehmend in diesem Bereich stattfindet. Oder in der Ökonomie. Wir machen also einen politischen Podcast auch in der Hinsicht, dass wir viele Themen, die ansonsten in wenig beachtete Unterressorts wandern, politisieren.

Was trägt denn die Konstellation zwischen Ihnen beiden zum Charakter des Podcasts bei?

Schmitt: Für mich ist es ein kleines Podcast-Wunder, dass hier mit Stefan und mir ein Systemtheoretiker und ein Ideologiekritiker ohne großen Disput zusammenfinden. Das lässt sich am Ende vielleicht darauf zurückführen, dass beide Ansätze systemisch denken und weniger einzelne Akteure betrachten. Was uns aber außerdem bei allen ideologischen Unterschieden verbindet, ist ein sehr pragmatischer Politikansatz: Wenn die Stunde schlägt, muss gehandelt werden.

Schulz: Man könnte den Unterschied aber auch zuspitzen: Mir gegenüber sitzt ein Marxist, während ich selbst mich inzwischen durchaus als Kapitalisten verstehe, in dem Sinne, wie die linke US-Präsidentschaftskanditatin Elizabeth Warren es beschreibt: Es gibt einen bestimmten Korridor, in dem Kapitalismus stattfindet; darunter wird Mindestlohn gezahlt, darüber wird Vermögen abgeschöpft. Davon würde ich gerne dieses Jahr noch etwas mehr sehen.

Sie starten also einen Zehn-Jahres-Podcast zum Zustand der Welt, und dann ist bereits in Folge 3 diese Welt plötzlich eine ganz andere. Wie hat die Coronakrise Ihr Projekt beeinflusst?

Schmitt: Natürlich hätten wir am Anfang des Jahres nicht gedacht, dass wir uns auf einmal intensiv mit Viren beschäftigen würden. Aber auch hier müssen wir immer fragen, was ist davon wirklich relevant für die neuen Zwanziger? Und da wird man womöglich schon in fünf Jahren sagen müssen, Corona war vielleicht gar nicht so schlimm, aber irgendein neues Virus ist jetzt richtig heftig. Entscheidend wird am Ende sein, welche Lehren politisch aus der jetzigen Pandemie gezogen werden, etwa was Vorsorge oder auch überhaupt die Handlungsfähigkeit der Politik, auch gegenüber Marktkräften, angeht.

Schulz: Wir werden als Folge der Coronakrise ein ganz neues Verhältnis von Staat und Individuum erleben: Waren die Deutschen bislang immer sehr gut auf den Staat zu sprechen, bricht dieses Verhältnis langsam auf. Umgekehrt ist es bei der Technik: Gab es in Deutschland als Nachwehe der Friedensbewegung eine ziemlich pauschale Technikskepsis, sehen wir jetzt, dass nicht nur unser volkswirtschaftliches Überleben von der Technik abhängt. Außerdem müssen wir inzwischen einsehen: Wir sind kein modernes Land. Wir sind zwar noch ziemlich reich und können uns die Modernität aus dem Silicon Valley einkaufen, aber das ist alter Reichtum. In Wahrheit haben wir kaum eigene Substanz mehr und können nicht auf eigenen Füßen stehen.

Was war denn außer Corona besonders wichtig in diesem Jahr und was davon wird uns auch in Zukunft beschäftigen?

Schulz: Weiterhin natürlich der Medienwandel, die scheinbare Eroberung der Öffentlichkeit durch Einzelne, die aber in Wirklichkeit völlig bedeutungslos ist. Denn die Zugangsregeln zum Parlament und die Arten seiner Entscheidungsfindung sind weiterhin dieselben. Ein zweites Thema ist die neue Geldpolitik: Die Europäische Zentralbank hat zur Pandemiehilfe 1,8 Billionen Euro gedruckt, das ist mehr als alle Euro-Staaten zusammen aus demselben Grund an Schulden aufgenommen haben. Diese Politik der Geldschöpfung haben wir im Land der Schwarzen Null noch überhaupt nicht verstanden. Wir denken hier immer noch, dass irgendjemand dieses Geld am Ende auch wieder eintreiben muss - was allerdings nicht der Fall sein wird.

Schmitt: Ein drittes Thema ist das Erkennen von Menschen durch Maschinen, das betrifft Drohnen, Gesichtserkennung, Überwachung. Da haben wir uns die Dimensionen noch nicht annähernd klargemacht. Das wird in Zukunft auch die gesamte Gesundheitsindustrie betreffen. Die Selektion von Menschen wird sich hier nicht nur etwa auf Racial Profiling beschränken, sondern auch auf soziale oder finanzielle Merkmale beziehen. Diese Aussortierung von Menschen wird das große Thema des Jahrzehnts sein, denn die Technik macht hier rasante Fortschritte, die sozial gesehen, sicher Rückschritte sein werden. Und spätestens dann kommt wohl der Punkt, an dem auch Stefan zum Marxisten werden wird.

Schulz (lacht): Ja, wahrscheinlich.

Apropos soziale Rückschritte: Trotz deutlichem Versagen der Bundesregierung in der Coronakrise sieht es derzeit nicht so aus, als würde uns ein baldiges Ende bestenfalls bürgerlicher Politik bevorstehen. Was muss passieren, damit dieses Jahrzehnt möglichst bald eine wirklich progressive Bundesregierung bekommt?

Schulz: Das wird leider nicht passieren, denn es gibt einfach zu viele alte Menschen und zu viel Trägheit in unserer Bevölkerung. Das ist in den USA ein bisschen anders, da gibt es genug junge Wähler, die ein Progressiver wie Bernie Sanders mobilisieren kann. In Deutschland werden wir auf eine progressive Politik lange warten müssen, da bin ich sehr pessimistisch.

Schmitt: Ich auch. Ein Blick etwa in das Abendprogramm der dritten Sender verrät, wohin es geht: in ein Revival der alten Bundesrepublik. Daran orientieren sich erfolgreiche Konservative wie Armin Laschet, und ich sehe da in naher Zukunft keine Programmänderung. Zugleich darf man hier nicht den Fehler machen, einen jungen Menschen per se für progressiver zu halten. Ein 90-jähriger SPD-Grande wird vermutlich fortschrittlicher sein als eine 30-jährige Jungliberale.

Schulz: Sehr gut, da war Wolfgang jetzt mehr Systemtheoretiker als ich. Es geht letztlich nicht um das individuelle Alter, sondern um die Einstellungen einer Person. Und man muss natürlich auch solche generationenübergreifenden Schulterschlüsse suchen, dann kann man vielleicht auch in unserer Rentnerrepublik noch was erreichen.

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