Zwischen Heilen und Töten

JEJA NERVT: Über das Mobilisierungspotenzial der Corona-Leugner*innen unter Heilpraktiker*innen.

  • Von Jeja Klein
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Bundesanwaltschaft hat in der vergangenen Woche Anklage gegen eine Neonazi-Aktivistin aus Franken erhoben. Die Heilpraktikerin Susanne G. soll unter anderem scharfe Munition in Drohschreiben verschickt und einen Anschlag auf Politiker*innen und Muslime geplant haben. In den PR-Abteilungen der verschiedenen Heilpraktiker*innenverbände dürfte man dieser Tage not amused sein: seit eine weitere Kollegin im August mit der erfundenen Behauptung, Trump sei in Berlin gelandet, eine Menge von Corona-Leugner*innen zum Reichstagssturm aufgerufen hatte, ist das alte Imageproblem der Branche wieder da.

Um mehr über Susanne G. herauszufinden, habe ich nach Heilpraktiker*innen mit dem Namen »Susanne« im fränkischen Umland gesucht. Die Suche erschwerte, dass es vor Ort gleich 15 Heilpraktikerinnen gibt, die, OK Boomer, Susanne heißen. In ihrer Praxis bot G. unter anderem Homöopathie an, das Schröpfen (auch bei Salafist*innen sehr beliebt) sowie die »Diagnostik« durch Begutachtung des Antlitzes. Zur Zeit, als das bis heute gültige Heilpraktikergesetz erlassen wurde, hieß letzteres übrigens noch »Rassenkunde«.

Es ist eigentlich überhaupt nicht lustig, aber Susanne G. wurde erwischt, weil sie für ihre Drohschreiben an Muslime im örtlichen DM gekaufte Grußkarten mit Schweinemotiven nutzte. Als die Polizei über die Ermittlung des Drogeriemarktes auf die Nazi-Aktivistin kam, fand sie in ihrer Wohnung die Sprühschablone, mit der sie auf die Karten ausgerechnet den Spruch »Ihr werdet niemals sicher sein!« gebracht hatte. Susanne G. fühlte sich ihrerseits also so sicher, dass sie nicht einmal einfachste Vorsichtsmaßnahmen in der Tatbegehung befolgte oder auch nur die Schablone vernichtete.

Ist es vermessen, anzunehmen, dass die trügerische Sicherheit, die Susanne G. bei der stümperhaften Tat empfunden hat, im Zusammenhang stehen könnte mit ihrem Berufsethos? Wir haben gesehen, dass ein zentrales Prinzip rechter Mobilisierung die Zurückweisung einer grundlegenden Demütigung menschlicher Existenz überhaupt ist: dass die Welt um uns prinzipiell zu verstehen ist. Daraus erwächst der Anspruch, sie begreifen zu sollen, will man in ihr erfolgreich handeln - ein mitunter mühsames Unterfangen. Was Faschist*innen, Heilpraktiker*innen, Alternative Medizin und diesen ganzen, ’tschuldigung, Scheiß, eint, ist, dass fundamental gar nicht wahr sein soll, was gesagt wird. Es soll sich nur gut anfühlen. Die religiöse Erhöhung Trumps zum Heiland, der in Berlin landet, um die Deutschen zu befreien?

Doch in der Zunft wehrt man sich auch. Also nicht wirklich gegen Rechts, sondern dagegen, dass Heilpraktiker*innen in Aufzählungen über das Mobilisierungspotenzial der Corona-Leugner*innen erwähnt werden. Das hatte nämlich der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung gewagt. Der Bund Deutscher Heilpraktiker erwiderte, weder sei die »Nennung eines Berufsstands« in diesem Zusammenhang angemessen, noch die »Diffamierung von Friedensaktivisten«. Dass der Verband hier nicht nur eine Berufsgruppe, sondern auch eine politische Bewegung verteidigt, darf nicht verwundern. Die 47 000 Praktiker*innen in Deutschland sind nichts anderes als eine Bewegung - gegen den Wahrheitsanspruch, und zwar nicht nur in der Medizin. Von hier bis zur Forderung nach einem Friedensvertrag mit dem deutschen Reich - ein wichtiges Element im Verschwörungspantheon der Corona-Leugner*innen-Bewegung - ist es eben nicht besonders weit.

In Österreich ist der Beruf des Heilpraktikers übrigens verboten. Im Münsteraner Kreis haben sich Ärzt*innen, Philosoph*innen und andere Wissenschaftler*innen zusammengeschlossen, um mit den unhaltbaren Zuständen der Branche auch in Deutschland aufzuräumen. Sie fordern entweder die Abschaffung des Berufs, oder dass er auf eine wissenschaftliche Basis gestellt wird - was das Gleiche ist. Wenn Sie mich also als Antifaschist*in danach fragen: Weg mit dem gefährlichen Dreck!

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