Bloß kein Dach überm Kopf

Friedrichshain-Kreuzberg möchte keine festen Obdachlosen-Behausungen

  • Von Yannic Walther
  • Lesedauer: 4 Min.
Zusammen mit dem Straßen- und Grünflächenamt laden Mitarbeiter der Berliner Stadtreinigung (BSR) Bretter, Kleidungsstücke und Kochutensilien auf einen Anhänger. Eine kleine Behausung in den Grünflächen am Paul-Lincke-Ufer auf der Höhe der Manteuffelstraße wird geräumt. Die drei Obdachlosen, die dort noch die Nacht verbracht haben, sitzen unweit des Geschehens mit Schlafsack, Isomatte und den wenigen Sachen, die sie retten konnten. Passiert ist das bereits am 25. Februar gegen halb neun am Morgen. Eine Anwohnerin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will, hat die Aktion gefilmt. »Die Sachen der Menschen wurden einfach umhergeschmissen, als ob sie Müll wären«, sagt die Frau.

Kein Einzelfall wie es scheint. Aus Sicht des zuständigen Bezirksamtes Friedrichshain-Kreuzberg gehen »wilde Camps« von Obdachlosen oftmals mit einer Vermüllung von Grünanlagen einher. Weil das Straßen- und Grünflächenamt dafür sorgen soll, dass diese sauber gehalten werden, hat der Bezirk im vergangenen Jahr eine Vorgehensweise für jene Grünflächen erdacht, auf denen die Obdachlosen campieren. Die Bewohner werden demnach aufgefordert, ihr Camp für die Dauer der Reinigungsarbeiten kurzzeitig abzubrechen. Ihr Hab und Gut können sie mitnehmen und anschließend wieder zurückkehren.

Das betrifft nicht nur Orte, »bei denen eine starke Vermüllung im Umfeld von wilden Camps festgestellt wird«, sondern auch Camps, die »Verfestigungstendenzen« beispielsweise in Form von Bretterverschlägen aufweisen, wie ein Sprecher des Bezirksamtes auf nd-Anfrage mitteilt. Die betreffenden Orte werden seit vergangenem Herbst wöchentlich kontrolliert. Mit im Einsatz seien dabei auch Sozialarbeiter, die auf Hilfsangebote hinweisen. Vor der Reinigung würden die Bewohner in der Regel mindestens eine Woche zuvor über die Maßnahme informiert, versichert das Bezirksamt.

So sei es auch am Paul-Lincke-Ufer abgelaufen. Bereits im Dezember hätte ein Mitarbeiter des Straßen- und Grünflächenamtes vor Ort erklärt, dass das Ausmaß der Behausung zeitlich befristet sei und nach der Kälteperiode eine Reinigung stattfinden werde. In der Woche vor der Beräumung hätte es zweimal die Ansprache gegeben, dass diese in der Folgewoche stattfinden werde.

Der Anwohnerin, die nachfragte, was es mit der Aktion auf sich habe, erklärte man das vor Ort ebenfalls. Dabei hätte sich der Mitarbeiter vom Straßen- und Grünflächenamt aber widersprochen, erzählt sie. »Er hat selbst gesagt, dass zwei von denen erst seit zwei Nächten da sind.« Die Bewohner hingegen hätten ihr berichtet, dass sie von der Aktion überrascht wurden. Die Anwohnerin kritisiert, dass die Obdachlosen theoretisch zwar all ihr Hab und Gut für die Dauer der Reinigung vom Paul-Lincke-Ufer entfernen können, aber das, was sie zurücklassen müssen, als aufgegeben gilt. »Die Obdachlosen haben ja kein Fahrzeug in das sie ihre Sachen einladen können«, sagt sie.

Vor allem das unsensible Verhalten eines Mitarbeiters vom Straßen- und Grünflächenamt vor Ort hat die Anwohnerin fassungslos gemacht. Dieser hätte sich damit gebrüstet, ganz allein dafür gesorgt zu haben, dass die Behausung geräumt wird. Auch soll er sich lustig gemacht haben. Beispielsweise beim Heraustragen eines Computer-Bildschirms aus der Behausung, was er mit den Worten, »das ist ja fast schon ein Homeoffice« kommentiert haben soll. »Das ist wirklich krass, wie jemand dabei lachen kann, wenn er andere Menschen aus ihrem Zuhause holt«, zeigt sich die Anwohnerin bestürzt.

Bei ihr hat die ganze Aktion den Eindruck erweckt, als würde beim Thema Sauberkeit von Grünflächen mit zweierlei Maß gemessen. »Überall am Paul-Lincke-Ufer liegt viel Müll, aber ausgerechnet bei der Behausung der Obdachlosen ist er ein Problem«, kritisiert sie. Der Bezirk widerspricht der Darstellung, dass sich die Reinigungsarbeiten lediglich auf den Standort der Behausung beschränkt haben. »Die BSR reinigt regelmäßig die gesamte Anlage«, sagt der Sprecher.

Die Obdachlosen hatten der Anwohnerin bereits am Tag der Räumung angekündigt, dort wieder ein Zelt aufschlagen zu wollen. »nd« konnte die Bewohner leider nicht antreffen, das Zelt steht aber an gleicher Stelle – zumindest bis zu den nächsten »Verfestigungstendenzen«.

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