Linke stimmt für Generationswechsel

»Rebell« gegen »alten Hasen«: Der 46-jährige Pascal Meiser gewinnt Listenaufstellung gegen Udo Wolf

Es war denkbar knapp. Pascal Meiser, Bundestagsabgeordneter der Linkspartei aus Friedrichshain-Kreuzberg, gewann am Samstag mit 51,4 Prozent seine in der vergangenen Woche angekündigte Kampfkandidatur um Platz 2 der Liste der Landes-Linken für die Bundestagswahl. Er steht damit direkt hinter der ein weiteres Mal souverän auf Platz 1 gewählten Petra Pau - mit 125 Stimmen von 140 Wahlbeteiligten.

Der Kreuzberger hatte Udo Wolf aus Pankow herausgefordert, von 2009 bis 2020 Fraktionschef der Linken, davon die letzten vier Jahre zusammen mit Carola Bluhm. Mit seinem neuen Listenplatz steht Meiser damit auch vor Gesine Lötzsch aus Lichtenberg, die ebenso eindeutig wie Pau (Marzahn-Hellersdorf) auf Platz 3 der Liste gewählt wurde.

Auch wenn es nicht explizit ausgesprochen wurde: Listenplatz 2 ist eine sichere Angelegenheit, wer auf Platz 4 steht, zieht unter Umständen im September nicht in den Bundestag ein. Meiser will dorthin einen »wohltuend rebellischen Geist tragen« und einen »historischen Sieg« auf Landesebene, wie er bei seiner Vorstellung kundtat. Sein knapper Sieg war offenbar für einige Genoss*innen im Neuköllner Estrel-Hotel eine Überraschung, denn auf der Präsenzveranstaltung mit einem perfekt choreografierten Hygienekonzept für über 150 Menschen war es bemerkenswert still, als die Stimmverteilung bekanntgegeben wurde. Dabei hatten die Fürsprachen für den 46-Jährigen, der als kämpferischer Gewerkschaftspolitiker und Experte für Mietenpolitik gilt und seit 2017 im Bundestag sitzt, zuvor deutlichen Applaus hervorgerufen. Meisers Bezirkskollegin Gaby Gottwald rief in seinem Namen dazu auf, »das Soziale nach vorn« zu holen und den Grünen so »den Rang abzulaufen«. Das gilt auch für ihren Bezirk, denn in Friedrichshain-Kreuzberg lag die Linke zuletzt knapp, aber doch mit 1,5 Prozent hinter der grünen Partei.

Von daher ist die Wahl Meisers ein Traditionsbruch. Denn wie Stefan Liebich aus Pankow, der in diesem Jahr nicht mehr für den Bundestag kandidiert, erinnerte: »Die gewonnenen Wahlbezirke müssen an die Spitze«, mahnte der außenpolitischer Sprecher der Fraktion - auch im Namen seines Nachfolgers Udo Wolf. Unter Liebich war der große Ostbezirk immer an die Linke gegangen. Dass wenigstens diese Tradition im September fortgesetzt wird, dafür steht der 58-jährige Udo Wolf unbesehen seiner Niederlage an diesem Wochenende. Er empfahl sich seinen Genoss*innen gelassen mit Regierungserfahrung und politischen Erfolgen wie der Einführung des Mietendeckels und erhielt dafür Unterstützung von Kultursenator Klaus Lederer und Dagmar Pohle, der Bürgermeisterin von Marzahn-Hellersdorf. »Regieren ist kein Selbstzweck«, so Wolf. Rot-rot-grün sei »anstrengend«, die Verhandlungen um den Mietendeckel »eine Quälerei« gewesen. Die Linke beweise in seinen Augen aber, dass es möglich sei, »die richtigen Schritte in die richtige Richtung zu machen«. Sein Appell, es sei »vernünftig, wenn einer in der Bundestagsfraktion ist, der es schon mal gemacht hat«, und die Beteuerung, »ihr wisst, was ihr an mir habt«, reichten trotzdem nicht.

Auf Meiser, dem gar nicht mehr so »jungen Wilden«, liegt nun einiger Druck. Aber das trifft auf die gesamte Berliner Linke zu. Vor zwei Wochen noch Online-Marathon mit Neuwahl der Parteispitze, am vergangenen Wochenende Fraktionsklausur, am Freitag Vorstellung des Wahlkampfprogramms. Das gibt den Takt für dieses Jahr vor, in dem es für die Linke um vieles geht.

Ihm gebe das Ergebnis »kräftigen Rückenwind bei dem Versuch, erstmals für die Linke einen Wahlkreis direkt zu gewinnen, der nicht vollständig auf dem Staatsgebiet der ehemaligen DDR liegt«, erklärt Meiser dem »nd«.

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