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Gesunde Schärfe

Meerrettich und Kresse wirken antiviral, werden von den Krankenkassen aber nicht finanziert

  • Von Anke Nussbücker
  • Lesedauer: 4 Min.

Gut 16 Jahre ist es mittlerweile her, da schloss das oberste Gremium der Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen vornehmlich pflanzliche Erkältungsmittel von der Erstattungsfähigkeit der Krankenkassen aus. Ein Schnupfen galt in dieser Zeit der Einsparungen als Bagatellerkrankung.

Es gibt jedoch Pflanzen, die eine Vermehrung von Viren bremsen und so zumindest einen milderen Krankheitsverlauf bewirken können. In diesem Reigen steht die Heilpflanze des Jahres 2021 weit vorn: Meerrettich. Die Zeitschrift »Natur und Heilen« empfiehlt zur gesundheitlichen Eigenverantwortung sogar »ca. 20 Gramm der Wurzel täglich frisch«. Mit dieser Menge der rohen und frisch geriebenen Wurzel erreicht man eine therapeutische Dosis der scharf durch die Nase ziehenden Inhaltsstoffe. Meerrettich aus dem Glas hat dagegen weniger Kraft, weil meist hitzebehandelt. Bei einer Temperatur ab 40 Grad Celsius werden die wertvollen Inhaltsstoffe zum großen Teil zerstört.

Bekannt ist Meerrettich als Gewürz für Rote Bete, gekochtes Fleisch oder Fisch sowie als scharfe Wasabi-Paste für Sushi. Schon aus seinem Namen lässt sich die lange beobachtete Heilwirkung ablesen: Im Englischen heißt er horse-radish, im Deutschen lautete eine frühere Schreibweise »Mährrettich«, wobei man mit Mähre ein weibliches Pferd bezeichnete. Schon vor Jahrhunderten nahmen Pferde instinktiv große Mengen Meerrettichwurzeln aus ihrem Futter auf, wenn sie an einer Infektionskrankheit litten.

Meerrettich mit der botanischen Bezeichnung Armoracia rusticana enthält besonders in seiner langen winterharten Pfahlwurzel hohe Mengen von Glukosinolaten. Diese für die medizinische Wirkung verantwortlichen Senföle binden sich an Proteine von Bakterien, Pilzen oder Viren und verhindern so Angriffe auf Zellen des Körpers. Diese antivirale Wirkung der Glukosinolate ist seit den 1950er Jahren belegt. In einer neueren Studie der Universität Gießen wurde gezeigt, dass eine Kombination von Meerrettich und Kapuzinerkresse die Vermehrung des »Schweinegrippe«-Virus H1N1 in Lungenzellkulturen um bis zu 90 Prozent hemmt.

Ob die Inhaltsstoffe der Kreuzblütler, zu denen der Meerrettich gehört, und die chemisch ganz ähnlichen Inhaltstoffe der Kapuzinerkressegewächse auch so gut gegen das aktuelle Coronavirus helfen könnten, ist bislang aber nicht Gegenstand der Forschung. Dabei werden sie bereits bei Bronchitis und zur Behandlung unkomplizierter Erkrankungen der Atemwege eingesetzt. In verschiedenen Studien wurde beobachtet, dass die Senföle einerseits über die Harnblase ausgeschieden, andererseits über die Lunge ausgeatmet werden. Demnach sind sie bis zu 24 Stunden nach dem Verzehr in der Lunge vorhanden, wo das Virus angreift.

Die Ernte der Meerrettichwurzel erfolgt traditionell im Herbst oder sobald der Schnee geschmolzen ist. Damit steht sie im Frühling zur Verfügung, wenn der Organismus nach Sonne und Vitaminen lechzt. Frischer Meerrettich hat etwa 7 Milligramm Vitamin C pro 100 Gramm, was bei einer Verzehrsmenge von 10 bis 40 Gramm pro Tag recht wenig ist. Daher sind verwandte Pflanzen wie Radieschen, Brunnen- oder Gartenkresse als Vitaminspender besser geeignet. Sie enthalten ebenfalls die antimikrobiellen und antientzündlichen Stoffe.

Die Heilpflanzen Meerrettich und Kapuzinerkresse sind ganzjährig auch als Tinktur, Pflanzensaft, getrocknet oder als Tablette in der Apotheke erhältlich. Dafür entstehen Kosten von circa 2 Euro pro Tag, zum Ausheilen einer akuten Blasenentzündung sind es 20 Euro, die von der Krankenkasse nicht mehr übernommen werden.

Beim ersten Anzeichen einer Erkältung dem Körper mit Meerrettich oder Kresse zu helfen, ist zwar empfehlenswert. Bei einem Magen-/Darmgeschwür oder einer Nierenentzündung sind beide jedoch ungeeignet. Auch zur längeren Prophylaxe sind pflanzliche Mittel mit Senfölglykosiden nicht für jeden geeignet. Bei Schilddrüsenunterfunktion sollte aber nicht allzu oft von Meerrettich Gebrauch gemacht werden, weil die enthaltenen Glukosinolate die Jodaufnahme in die Schilddrüse hemmen. Bei Anwendung über einen langen Zeitraum von mehr als sechs Wochen und gleichzeitig zu niedriger Jodzufuhr kann sich eine Unterfunktion der Schilddrüse verschlimmern, bei jungen Mädchen zu einer Kropfbildung führen. Bei Schwangeren und Stillenden kann sich eine übermäßige Aufnahme dieser Stoffe zudem schädigend auf das Kind auswirken. Hier wären sanftere Pflanzen wie Melisse, Zitronenverbene oder Fenchel besser.

Die therapeutische Dosis von Meerrettich bringt leider eine Wechselwirkung mit Blutverdünnern mit sich, die ältere Menschen recht häufig verordnet bekommen. Hier sollte man vorher den behandelnden Arzt befragen. Bei gelegentlicher Nutzung als Gewürz braucht man aber nichts zu befürchten. Dann bewirkt Meerrettich eine bessere Verdauung fetthaltiger Speisen.

Die anregende, heilsame Wirkung auf Leber und Gallefluss kann ab einer bestimmten Dosis aber umschlagen. In Tierstudien wurde unter anderem eine Vergrößerung der Leber durch hohe Mengen von Glukosinolaten beobachtet. Vermutlich wirkt hier eine indirekte Rückkopplung mit der Schilddrüse, wie der Mediziner Datis Kharrazian erläutert: »In der Leber werden weniger aktive in die aktiven Schilddrüsenhormone umgewandelt. Bei einer Schilddrüsenunterfunktion stagniert dieser ganze Vorgang. Die Leberfunktion wird behindert.«

Eine verbesserte Verträglichkeit des stechend riechenden Meerrettichs für Magen und Darm kann im Übrigen mit einfachen Mitteln bewerkstelligt werden: durch Beigabe von Honig, Quark, geriebenem Apfel oder etwas Sahne.

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