Immer schön weiter plattmachen

Brachial laut und in Zeitlupengeschwindigkeit: Drei Doom-Metal-Alben, ideal für den Lockdown-Tauchgang geeignet

  • Von Benjamin moldenhauer
  • Lesedauer: 4 Min.

Noiselastiger Doom Metal - Noise im weitesten Sinne: Musik, deren Basis sich aus strukturiertem Lärm, Zeitlupengeschwindigkeit und Schalldruck zusammensetzt - wird meist unter den Maßgaben einer extremistischen Ästhetik verstanden. Da geht es dann in der Rezeption um Lautstärke. Transgression und Hör-mit-Schmerzen. Das ist schon richtig, da liegt der primäre Reiz: Man wird, gerade live, von der Musik schön plattgemacht. Von da aus aber entfalten sich erst alle weiteren Potenziale, und das Bügeln von Hörerin und Hörer ist im besten Falle nur der erste Schritt.

Das amerikanisch-australische Duo Divide and Dissolve etwa hat auf inzwischen drei Alben einen instrumentalen Zeitlupen-Metal entwickelt, der von einem Punkt irgendwo zwischen Black Sabbath und Sunn O))) aus massive Druckwellen aussendet. Gitarre und Schlagzeug schlieren mit minimaler Variationsbreite durch die Stücke. Alles soll einen an die Wand drücken. Politisch aufgeladen wird die Musik durch die Titel einiger Stücke (»Black Resistance« und »Black Vengeance« auf dem Debüt »Basic« zum Beispiel), durch Spoken-Word-Passagen und durch die Musikerinnen selbst; Metal ist weiß und männlich, Gitarristin und Saxofonistin Takiaya Reed und Schlagzeugerin Sylvie Nehill sind nicht weiß und männlich.

Instrumentaler Metal mit Black-Power-Slogans ist an sich schon eine sehr gute Idee. Unabhängig von der - Zitat Deutschlandfunk Kultur - »politischen Dimension« aber überzeugt das aktuelle Divide-and-Dissolve-Album »Gas Lit« auch auf der materialästhetischen Ebene. Die Mischung aus brachialen, aber irgendwie immer in der Schwebe gehaltenen Drones, Boller-Schlagzeug und nicht ohne Weiteres zuzuordnenden Tönen (das Musikmagazin NME hörte »desolaten Jazz«, auch gut) kriegt einen ganz unmittelbar, auch ohne den Überbau.

Wesentlich düster-romantischer geht es die Sludge-Band Thou aus Baton Rouge, Louisiana auf ihrem gemeinsam mit der Gitarristin und Sängerin Emma Ruth Rundle eingespielten Album »May Our Chambers Be Full« an. Das Prinzip ist einfach: zwei Pole, Brachial-Metal auf der einen Seite, der durch die Post-Rock-Schule gegangene dunkle Folk von Rundle auf der anderen - und das Ganze findet dann auf eine selbstverständliche, aber auch nicht allzu aufregende Weise zusammen. Meist ist die dunkle, warme Stimme Rundles in den Vordergrund gemischt, über schweren, melodischen Shoegaze-Metal, der nicht wehtut, sondern, im Vergleich zum übrigen Werk von Thou, sehr melodisch ausfällt. Im Hintergrund kreischt Thou-Sänger Bryan Funck rum, als hätte sich der Teufel selbst in seiner Wade verbissen. Gegensätze (Distortion/ Melodie, laut/leise, männliche Stimme/ weibliche Stimme) sollen Spannung erzeugen. Das ist als Idee seit etwa 35 Jahren nicht mehr originell, resultiert hier aber in sehr hübschen Songs.

2015 haben Thou mit dem Duo The Body aus Providence, Rhode Island die Platte »You, Whom I Always Hated« aufgenommen (2019 gefolgt von dem brachialen Live-Mitschnitt »Everyday, Things Are Getting Worse«). The Body haben mit »I’ve Seen All I Need To See« nun im Vergleich mit »Gas Lit« und »May Our Chambers Be Full« das forderndste der Alben aufgenommen. Musik, die sich jeder Zugänglichkeit verweigert, aber trotzdem gerade noch als Metal rezipiert werden kann.

Der Sound übersteuert immer wieder, es schürfbollert und ranzt, und der Gesang ist nur noch schrilles Kreischen. Der Versuch, ausnahmslos alles, woraus der Sound sich zusammensetzt, so nervenzehrend und maximal übersteuert zu gestalten, ohne dabei vollkommen in atonale Gefilde abzudriften, sondern immer im Doom-Metal-Koordinatensystem zu verbleiben, hat eines der konsequentesten Alben des Genres zum Ergebnis.

Musik, die radikal sperrig sein will, immer wieder droht in weißes Rauschen zu kippen und gerade immer noch die Kurve kriegt. »I’ve Seen All I Need To See« schlägt in der radikalen Negation und im völlig unironischen Versuch, Klänge und Songstrukturen zu finden, die dem Gefühl einer sehr ausgeprägten Verzweiflung adäquat sind, immer wieder um in einen auch wieder befremdlichen Eindruck von mit großem Nachdruck kommunizierter Lebensbejahung. Was, formal weniger radikal, auch für die anderem beiden hier erwähnten Alben und vielleicht überhaupt für das Genre Doom Metal in seinen gelungenen Momenten gilt.

»Der destruktive Charakter ist (…) heiter«, um mal ein Zitat von Walter Benjamin zweckzuentfremden. »Sein Bedürfnis nach frischer Luft und freiem Raum ist stärker als jeder Hass.« Damit wäre dann grob eine potenzielle Qualität des brachial lauten Zeitlupen-Metals bestimmt, die in der Idee, es gehe primär ums Aushalten, nicht enthalten ist. Die Räume werden mit diesen drei Alben nicht enger, sondern weiter.

Divide and Dissolve: Gas Lit (Pias/Invada Records)

Emma Ruth Rundle & Thou: May Our Chambers Be Full (Sacred Bones/Cargo)

The Body: I’ve Seen All I Need To See (Thrill Jockey/Indigo)

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