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  • Nachruf

»Vorsätzlich und wohlwissend« im Dienst der guten Sache

Wir trauern um unseren langjährigen Gewerkschaftsautor und Länderkorrespondenten Hans-Gerd Öfinger

  • Von Kurt Stenger
  • Lesedauer: 4 Min.

Es war alles andere als ein Zufall, dass der erste Artikel von Hans-Gerd Öfinger im ND von einem Streik handelte. Beim Zigarettenverpackungshersteller MM Graphia in Trier waren im Mai 2004 die Beschäftigten in den unbefristeten Ausstand für Einkommenserhöhungen und die Wiedereinsetzung des Manteltarifvertrags getreten. Über den Streik berichtete sonst nur die lokale Presse, doch Hans-Gerd erkannte darin mehr als andere: das Lebenszeichen einer potenziell gesellschaftsverändernden Arbeiterbewegung. »Er hatte einen scharfen Verstand und ein fundiertes Wissen der marxistischen Theorie«, schreibt ein politischer Weggefährte über ihn.

Fast 17 Jahre und einige hundert Artikel später trauern wir um unseren lieben Kollegen. Hans-Gerd war vor einigen Wochen an Covid-19 erkrankt, aber eigentlich auf dem Wege der Besserung und längst wieder am Schreibtisch. In der Nacht zum Freitag verstarb er im Alter von 65 Jahren überraschend, vermutlich an den Spätfolgen der Infektion.

Über viele Jahre gehörte Hans-Gerd zu den wichtigsten Gewerkschaftsautoren unserer Zeitung, eng vernetzt vor allem mit Aktivisten an der Basis. Doch der Diplom-Dolmetscher wusste auch aus eigener Anschauung sehr genau, worüber er schrieb, denn er war selbst in der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi aktiv, zeitweilig als stellvertretender Bezirksvorsitzender in seiner hessischen Heimatstadt Wiesbaden. Seine Sache war aber nicht die Funktionärstätigkeit, sondern die praktische Tat mit allen Konsequenzen: 2003 erhielt er vom Ordnungsamt eine Geldbuße aufgebrummt, da er, Aktivist der Initiative »Gewerkschafter gegen den Krieg«, »vorsätzlich und wohlwissend« eine nicht angemeldete Kundgebung vor dem Landtag abhielt.

Solche Dinge bestärkten ihn aber nur in seiner Überzeugung, das Richtige zu tun. Das galt auch für Grabenkämpfe in den eigenen Reihen. Er kam aus der trotzkistischen Bewegung, war in ganz jungen Jahren Mitgründer der deutschen Sektion des Komitees für eine Arbeiterinternationale. Später gehörte er zur Gruppe Voran rund um die gleichnamige Zeitschrift, die in den 1970er Jahren das Ziel ausgab, innerhalb der ebenfalls schlummernden Arbeiterpartei SPD personelle und programmatische Alternativen zur Führung zu bilden und die Partei zu verändern. Anfang der 90er Jahre spaltete sich die Gruppe, Hans-Gerd und viele andere wurden ausgeschlossen.

Auch solches ihm völlig fremde Sektierertum warf ihn nie aus der Bahn. Mit Gerhard Schröders neoliberaler Veränderung war die Strategie der Gruppe Voran gescheitert. Wie viele andere trat Hans-Gerd später in die Linkspartei ein, für die er bis zu seinem Tod aktiv war. Natürlich vor allem im Arbeitskreis Betrieb und Gewerkschaft.

Gleichzeitig war er ein an vielen Themen interessierter »Allrounder«, politisch wie journalistisch. Sei es der Kampf gegen Kriege, gegen Rechts, gegen Umweltzerstörungen. Und so war es für uns mehr als nahliegend, vor gut zehn Jahren, als das »nd« stärker den Westen Deutschlands in den Blick nahm, den bis dato freien Autoren zum Korrespondenten für Hessen und Rheinland-Pfalz zu machen. Aus einer linken Perspektive bereitete er auch die Landesthemen auf, behielt dabei den Blick für die wichtigen und weniger wichtigen Dinge. Wahlen seien nur eine »Momentaufnahme«, wie er zu den jüngsten Wahlen in Rheinland-Pfalz schrieb.

Nachruf: »Vorsätzlich und wohlwissend« im Dienst der guten Sache

Journalistisch arbeitete er außer zu Gewerkschaftsthemen von Anfang an auch zur Bahn, was wohl auch an seiner Frau Maria Clara Roque-Öfinger lag, einer aktiven Eisenbahngewerkschafterin. Und daran, dass er sich daran erinnerte, wie viel besser vieles einst bei der Bundesbahn lief, die während der neoliberalen Wende zum Buhmann gemacht wurde. Anders als andere Bahnexperten nahm Hans-Gerd den Blickwinkel der Beschäftigten ein. Aktiv in der Initiative Bahn von unten, war der passionierte Bahnfahrer einer der profiliertesten Kritiker jeglicher Privatisierungsbestrebungen, mit denen aus seiner Sicht die ganze Misere bei der Deutschen Bahn erst begonnen hatte. Seine engen Kontakte zu aktivistischeren Bahngewerkschaften in Großbritannien zeigten ihm auch, dass trotz Sympathien mit der DGB-Gewerkschaft EVG deutlich mehr geht. Als im Zuge der Finanzkrise der geplante Börsengang der Bahn abgesagt wurde, warnte er aber auch vor verfrühter Freude. Zumal viele Baustellen bei dem Staatskonzern blieben. In seinem letzten nd-Artikel mahnte er denn auch vor neuen Bestrebungen der Grünen mit den Worten: »Mit einer möglichen schwarz-grünen Bundesregierung, mit oder ohne die FDP, rückt ein derartiger ernsthafter Vorstoß Richtung Filetierung, Fragmentierung und Privatisierung näher.«

Dass er den Beitrag noch wenige Stunden vor seinem Tod fertigstellte, zeigt auch: Hans-Gerd war eigentlich immer im Dienst der guten Sache unterwegs. Daher litt er auch nicht unter der verbreiteten Journalistenkrankheit, an allem herumzumäkeln und irgendwann in Sarkasmus zu verfallen. Trotz mancher politischer Niederlagen verlor er nie seinen Optimismus, aus dem er auch die Kraft zog, weit mehr zu tun als andere. Im Gespräch kam immer seine Ungeduld durch, das und das noch unbedingt aufschreiben zu müssen, er wollte einfach seinen Beitrag dazu leisten, möglichst alle Missstände auf einmal zu beheben.

Zumal ja auch immer wieder kleine Siege seinen Optimismus bestärkten. Wie damals im Jahr 2004 bei MM Graphia: Nach acht Tagen Streik musste der scheinbar übermächtige neue Besitzer des Werks, der Konzern Reynolds Tobacco, kleinbeigeben: Der Tarifvertrag wurde wieder in Kraft gesetzt, die Arbeiter erstritten dank ihres Kampfes spürbare Einkommenserhöhungen.

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