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Im Sumpf stecken geblieben

Guatemala leidet noch immer an den Folgen des Bürgerkriegs

Die Bevölkerung Guatemalas ist seit Jahrhunderten daran gewohnt, dass fremde Mächte ihr Leben bestimmen. So auch bei der jüngsten Corona-Pandemie: Ohne Unterstützung durch das Covax-Impfprogramm der Weltgesundheitsorganisation wird die guatemaltekische Regierung die Pandemie nicht unter Kontrolle bekommen. Das Land befindet sich in einem desolaten Zustand. Den Regierungen ist es noch nicht gelungen, die strukturellen Defizite nach dem Ende des Bürgerkriegs (1960-1996) zu beheben.

Aber der Reigen der Abhängigkeiten begann vor einem halben Jahrtausend mit der Eroberung durch die Spanier, die viele Maya-Völker nahezu ausgerottet haben. 400 Jahre später übernahm die US-amerikanische United Fruit Company fast das gesamte Transportwesen des Landes. In den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts förderte der Diktator Jorge Ubico die rasche Expansion des Bananenkonzerns. Nach 14 Jahren Tyrannei musste Ubico den Protesten von progressiven Unternehmern, Studierenden und jungen Militärs nachgeben und das Land verlassen. Dieser Sieg der Opposition ist als »Revolution von 1944« in die guatemaltekischen Geschichtsbücher eingegangen.

Der erste demokratisch gewählte Präsident Juan José Arevalo setzte 1945 weitreichende Sozialreformen um. Gesetze zum Schutz der Arbeitnehmerrechte und der Meinungsfreiheit wurden verabschiedet. Arevalos Nachfolger, Jacobo Arbenz, ging noch energischer vor. Doch die von ihm begonnene Landreform führte zu einem offenen Konflikt mit der weiterhin mächtigen United Fruit Company. 1954 beendete ein Militärputsch die Reformen.

Es begann eine Epoche mehrerer aufeinanderfolgender und von den USA unterstützter Militärdiktaturen. Die Opposition wurde unterdrückt, Gewerkschafter ermordet. Daraufhin formierten sich Guerillaverbände, die in den 60er und 70er Jahren den bewaffneten Kampf gegen die Militärregierungen aufnahmen. Die Armee reagierte mit brutalen Maßnahmen zur Bekämpfung der Aufstände. Während des 36 Jahre lang andauernden Bürgerkriegs wurden mindestens 200 000 Menschen ermordet, Zehntausende sind verschwunden.

Im Dezember 1996 unterzeichneten Vertreter der Guerillaführung und der Regierung einen Friedensvertrag. Man einigte sich auf politische und gesellschaftliche Veränderungen, so zum Beispiel die Stärkung der indigenen Kultur und staatliche Unterstützung beim Landerwerb für die vielen landlosen Bauern. Doch nur wenige der Abkommen wurden umgesetzt.

Seither sind mafiöse Strukturen im Verwaltungsapparat, in der Wirtschaft und der Politik gewachsen. Gelder aus Drogengeschäften korrumpieren den Wahlkampf und die Polizei, Unternehmer bestechen den Zoll, Steuern werden hinterzogen. Die Gewalt im Land ist heute meist nicht mehr politisch motiviert, sondern kriminell. Es gibt wenig Anlass zur Hoffnung. Die Pandemie macht alles noch schlimmer. Ein großer Teil der Schulkinder verliert zwei komplette Schuljahre, womöglich sogar drei. Unterernährung nimmt zu. Die Visionen großer gesamtgesellschaftlicher Veränderungen sind längst verblasst.

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