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Rettet das Essen

Foodsharing für Engagement gegen Lebensmittelverschwendung ausgezeichnet

  • Von Ulrike Wagener
  • Lesedauer: 3 Min.

»Stellen Sie sich einmal die Strecke von Lissabon nach St. Petersburg vor. Wenn man 480.000 Sattelschlepper hintereinander aufstellt, dann entspricht das etwa dieser Strecke«, erklärt Verbraucherschutzsenator Dirk Behrendt am Donnerstag anlässlich der Verleihung des Preises für die »Berliner Lebensmittelretter:in 2021«, der dieses Jahr erstmals verliehen wurde. Was diese 480.000 LKW an Lebensmittel laden können, lande jedes Jahr in Deutschland auf dem Müll.

Das Land Berlin will dagegen vorgehen, indem es alle zwei Jahre Initiativen, Einzelpersonen und Unternehmen mit dem mit 5000 Euro dotierten Preis auszeichnet, die etwas gegen Lebensmittelverschwendung unternehmen. Dieses Jahr verleiht die fünfkopfige Jury, in der unter anderem Stephanie Otto von der Berliner Stadtreinigung und die Gründerin und Vorstandsvorsitzende der Berliner Tafel, Sabine Werth, vertreten waren, den Preis an die seit 2012 aktive Initiative Foodsharing Berlin. Beworben hatten sich 18 Initiativen aus der Hauptstadt.

Monika Witte ist seit etwa dreieinhalb Jahren bei Foodsharing dabei. »Ich bin anfangs ausgelacht worden, dass ich Brot retten gehe«, erzählt sie. Das Projekt organisiert über eine Internetplattform rund 10.000 ehrenamtliche Essensretter*innen, die überproduzierte Lebensmittel bei Bäckereien, Supermärkten und anderen Betrieben abholen. Mit Foodsharing kooperieren in Berlin zum Beispiel Bio Company, viele inhabergeführte Bäckereien, der Wochenmarkt Steglitz und Sirplus. Besonders in Großstädten gebe es eine regelrechte »Brötchenschwemme«. Hier ist es besonders wichtig, dass die geretteten Lebensmittel schnell weiterverteilt werden. Bei Foodsharing werden diese kostenfrei im Bekanntenkreis, der Nachbarschaft, in Obdachlosenheimen, über die eigene Webseite sowie über öffentlich zugängliche Regale und Kühlschränke, die sogenannten »Fairteiler«, weitergegeben. Seit der Gründung konnten so in Berlin bereits mehr als 6000 Tonnen Lebensmittel gerettet werden. Mittlerweile ist das Projekt auch in anderen Ländern wie Österreich und der Schweiz aktiv.

Philipp Sommer von Foodsharing Berlin freut sich über den Preis. »Aber das alleine wird das Problem nicht lösen«, sagt er. Auf der Online-Preisverleihung ist man sich einig: »Wir müssen vorsichtig sein, dass wir das nicht auf die Verbraucher abwälzen und die Unternehmen in die Pflicht nehmen«, erklärt Jurymitglied und Journalistin Janna Falkenberg. Immer wieder wird dabei auf das Beispiel Frankreich verwiesen. Seit 2016 ist es dort Supermärkten ab einer bestimmten Größe verboten, Lebensmittel ungenießbar zu machen oder wegzuschmeißen. Stattdessen müssen sie gespendet werden. Auch in Deutschland arbeiten viele Supermärkte mit den Tafeln oder Initiativen wie Foodsharing zusammen. Allerdings ist das hier freiwillig.

Menschen, die weggeworfene Lebensmittel aus dem Abfall der Supermärkte »containern«, werden zudem rechtlich verfolgt. Das Land Berlin hat sich auf der Justizministerkonferenz für die Entkriminalisierung des Containerns eingesetzt - bislang erfolglos. »Ein ehrenwerter Einsatz gegen die Lebensmittelverschwendung sollte nicht kriminalisiert werden«, findet Justizsenator Behrendt.

Doch auch für die angemeldeten Lebensmittelretter*innen gibt es rechtliche Hürden. »Unsere Kühlschränke werden schnell als eigener Lebensmittelbetrieb eingeschätzt und müssen die für den Handel üblichen Vorschriften erfüllen. Dann muss eine Person die Haftungsrisiken für den Betrieb des Kühlschranks tragen. Das ist für den einzelnen ehrenamtlichen Retter zu hoch«, erklärt Sommer. Das liegt auch daran, dass die Haftung für die Qualität eines Lebensmittels nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums vom Hersteller auf den »Inverkehrbringer« wechselt. Dabei ist das Mindesthaltbarkeitsdatum nur eine Qualitätsgarantie des Herstellers, essbar sind die Produkte auch danach noch. Hinzu kommen außerdem bei Zweitverkäufen und -schenkungen steuerrechtliche Probleme.

Die Zusammenarbeit der verschiedenen Organisationen laufe indessen gut. Witte von Foodsharing erklärt: »Die Maßgabe ist: Tafel first. Alle anderen karitativen Einrichtungen stehen an erster Stelle.« Häufig werde praktikabel kommuniziert, die Tafel vermittle kleine Standorte an Foodsharing und umgekehrt. Das Preisgeld über 5.000 Euro will die Initiative nun nutzen, um das Projekt bekannter zu machen, und um Lastenfahrräder anzuschaffen - damit sie die Lebensmittel künftig auch umweltfreundlich retten kann.

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