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Hubba-Bubba-Presse

Jan Böhmermann gibt ein eigenes Klatschmagazin heraus. Natürlich ist das nur satirisch gemeint. Oder?

  • Von Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 4 Min.

Sie liegen in den Wartezimmern von Arztpraxen, in Friseursalons und auf Omas Beistelltisch: Klatschmagazine, die Regenbogenpresse, die Yellow Press. Auf der Straße danach gefragt, ob man mit Begeisterung so illustre wie austauschbare Titel namens »Die Aktuelle«, »Freizeit Revue« oder »Neue Welt« liest, würde vermutlich kaum jemand wahrheitsgemäß mit »Ja.« antworten. Boulevard ist im Gegensatz zu einem »Zeit«-Abo nichts, womit Leser*innen ihren bildungsbürgerlichen Status betonen könnten.

Das ist natürlich ein bisschen Selbstbetrug, denn die für Tratsch reservierten Regalmeter in den Bahnhofskiosken dieser Republik liefern einen unmissverständlichen Hinweis dafür, dass sich sehr vielen Menschen liebend gerne an den Schicksalen, Dramen und dem Selbstdarstellertum von mal mehr, mal weniger bekannten Leuten ergötzen. In Zahlen ausgedrückt: Jede Woche werden 2,5 Millionen Exemplare von Heften verkauft, die ihr Geschäft auf dem Prinzip »Mal schauen, ob es stimmt« aufgebaut haben. Diesen Anspruch erhebt das »Freizeit Magazin Royale« für sich erst gar nicht, denn im Gegensatz zu seiner 99-Cent-Konkurrenz wird mitnichten suggeriert, über die Wahrheit berichten zu wollen. Damit ist das vom Satiriker Jan Böhmermann erdachte Heftchen ehrlicher als die gesamte Regenbogenpressewelt.

Das seit vergangenen Samstag theoretisch erhältliche Magazin – vielerorts war es bereits am Erscheinungstag ausverkauft – ist ein interessantes Experiment: Es ist das Praxisbeispiel dafür, worüber Böhmermann in der letzten Ausgabe seines »ZDF Magazin Royale« referierte. Anstatt um Prominente drehen sich die ausgedachten Geschichten um die Verleger*innen und Herausgeber*innen der Regenbogenpresse. Die Titelseite füllt dann auch »Verleger-König Hubert Burda« samt der Schlagzeile »Wie er mit Intrigen, Inzucht und Inkontinenz Millionen machte«.

Zur Liga der unbekannteren B-Promis dürfte dagegen der Burda-Manager Philipp Welte gehören, über den es auf dem Cover reißerisch heißt »Horror-Diagnose Krebs!«, nur um dann in deutlich kleinerer Schrift darunter aufzulösen: »Oder ist er Jungfrau oder Steinbock?«. Na klar, es geht einzig und allein um Weltes Sternzeichen. Oder was haben Sie im ersten Moment etwa gedacht? Eben, genauso funktioniert Boulevard. Meist ist dieser bei den realen Vorbildern des »Freizeit Magazin Royale« noch perfider, die Auflösung des winzigen Körnchens Wahrheit erfolgt erst im Innenteil des Heftes. Schließlich sollen Leser*innen kaufen und nicht nur Titelseiten anschauen.

Dass es Böhmermann nicht ganz so auf die Spitze treibt, dürfte auch damit zusammenhängen, es den in erster Linien kritisierten Verlagshäusern Bauer und Burda nicht allzu leicht mit einer möglichen Klage gegen das Heft zu machen. In der Öffentlichkeit gibt man sich betont gelassen. »Satire finden wir richtig und wichtig. Und als Publisher Nummer 1 werten wir es als ein positives Zeichen, wenn Verlage neue Zeitschriften auf den Markt bringen und kreative Magazin-Konzepte möglichst viele Menschen erreichen«, erklärte die Bauer Media Group gegenüber der Deutschen Presse-Agentur.

So betont gelassen ist der Verlag dann aber doch nicht, wenn es ums Geschäft geht. »Allerdings finden wir es besorgniserregend, dass das ZDF offensichtlich die rechtlichen Grenzen seines Rundfunkauftrags verlassen hat, indem es mit Rundfunkgebühren eine neue Print-Zeitschrift publiziert.« Wer das liest, könnte vermuten, bei Bauer würden sie tatsächlich denken, Böhmermann würde die ernsthafte Absicht hegen, ein regelmäßiges Satireklatschheft herauszubringen. Das dürfte er unter der Flagge des öffentlich-rechtlichen ZDF tatsächlich nicht, war aber auch nie geplant. Das Magazin ist lediglich als einmalige begleitende Printpublikation zur Sendung gedacht. Auf dem Mainzer Lerchenberg und in Köln-Ehrenfeld (Hier produziert Böhmermann das »ZDF Magazin Royale«) kennen sie den Medienstaatsvertrag genau.

Den Pressekodex wie einen Kaugummi aufblasen (Böhmermann nennt Verleger Hubert Burda in seiner Sendung Hubba Bubba) und regelmäßig zum Platzen bringen, tun sie auch beim Burda-Verlag. Der Medienblog uebermedien.de, der dem Böhmermann-Team bei seinen Recherchen half, zitiert aus einer verlagsinternen Stellungnahme der Leitung an die Mitarbeiter*innen. Darin ist von einer Attacke »auf die unterhaltenden Magazine« die Rede, »die Grenzen des guten Geschmacks« seien überschritten worden. Wohlgemerkt handelt es sich dabei um keine Burda-Selbstkritik.

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