Schulbücher vom Plagiator

Russlands Ex-Kulturminister und Präsidentenberater Wladimir Medinski legt Geschichtsbücher vor

  • Von Ewgeniy Kasakow
  • Lesedauer: 3 Min.

Lehrbücher reißen für gewöhnlich nicht besonders viele Menschen vom Hocker. Doch auf der Moskauer Buchmesse Nonfiction war das Interesse an einer Reihe neuer Geschichtsbücher für russische Schüler kürzlich überraschend groß. Journalisten drängten sich neugierig vor dem Messestand, Fotoapparate klickten, Aufnahmegeräte surrten bei dem Pressetermin Ende März.

Der Grund für den Andrang ist der Herausgeber der Buchreihe: Wladimir Medinski. Der 50-Jährige war acht Jahre lang Russlands Kulturminister. Seit 2020 arbeitet der umstrittene Politiker als Präsidentenberater. Seine äußerst konservativen Vorstellungen zu Russlands Kultur und Geistesgeschichte besitzen nach wie vor viel Gewicht im Land.

Medinskis Lehrwerke wenden sich an Schüler der Klassen 6 bis 10. Thematisch behandeln sie die russische und internationale Geschichte und sind mit zahlreichen Illustrationen und Querverweisen zu Websites, nationalen Kunstwerken und Gedächtnisorte versehen. Die behandelte Zeitspanne reicht vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Unter den Autoren sind auch bekannte Historiker. So hat beispielsweise der Geschichtswissenschaftler Alexander Schubin, zu Perestroikazeit noch als Anarchosyndikalist aktiv, einen Abschnitt über die Coronapandemie und ihre langfristigen Folgen beigesteuert.

Doch auf die Buchreihe fällt ein Schatten: Denn das Verhältnis ihres prominenten Herausgebers zur Historikerzunft ist gespannt. Geschichtswissenschaftlern gilt der frühere Minister als fachlich inkompetent. Wladimir Medinski ist nicht vom Fach, studierte Journalistik und verteidigte dennoch 2011 eine Habilitationsschrift im Fach Geschichte über die »Probleme der Objektivität bei der Darstellung der Geschichte Russlands im 15. bis 17. Jahrhundert«.

Aber Medinski hatte betrogen: Schon in seiner Promotion fanden sich auf 87 von 120 Seiten Plagiate aus Arbeiten seines Doktorvaters. Dies deckte die Antiplagiatsinitiative Dissernet 2016 auf. Zudem sind etliche Bücher seiner Veröffentlichungsliste nie erschienen. Besonders viel Kritik erntete jedoch seine Habilitationsschrift, welche durch zahlreiche hanebüchene Fehler glänzt. In ihr zerpflückt Medinski jede negative Äußerung von Kritikern Russlands und zeichnet das Idealbild eines von Sittlichkeit und Tugend durchdrungenen Landes. In der Einleitung stellt er den antisemitischen Verschwörungstheoretiker Oleg Platonow kurzerhand als »bekannten russischen Wissenschaftler und Denker« vor.

Dass die Geschichtswissenschaft parteilich sein muss, gehörte schon immer zum Credo des Ex-Ministers. Historiker dürften dem Ansehen ihres Landes nicht schaden, die Beschäftigung mit der Vergangenheit solle vor allem die Identifikation mit dem eigenen Staat stärken. Dafür müssten moderne Geschichtsschreiber ganz klassisch Daten, Heldennamen und Details der Kriegsgeschichte sammeln - zur Verteidigung der historischen Wahrheit.

Doch Medinski lässt sich nicht nur von Fakten lenken. So spricht der 50-Jährige unverhohlen von heiligen nationalen Mythen, die den Fakten ebenbürtig seien, eben weil an sie geglaubt werde. Kritische Ansätze verunglimpft er dagegen als negative Mythen, denen man positive Sichtweisen entgegenhalten müsse.

Besonders verhasst sind Medinski die Perestroika und die 1990er Jahre, als russische Historiker sich kritisch mit der sowjetischen Geschichte auseinandersetzten und die Länder des früheren Ostblocks einen eigenen Blick auf die kommunistische Epoche entwickelten. Empört erinnert Medinski daran, wie in manchen Staaten unter der Flagge der Totalitarismustheorie Kollaborateure rehabilitiert wurden oder die eigene Rolle im Zweiten Weltkrieg schöngefärbt wurde.

Medinskis postmoderner Patriotismus passt gut zu Moskaus neuem Geschichtsbild, in dem das russische Reich, Stalins Sowjetunion und das heutige Russland eine mythische Einheit bilden und alles, was zum Erfolg des Staates beiträgt, als positiv angesehen wird.

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