Rätselhaftes Anhängsel

Blinddarmentzündung: Gefährlich und manchmal schwer zu erkennen

  • Von Angela Stoll
  • Lesedauer: 5 Min.

Kurz nach der Ankunft in London geht es los mit dem Bauchweh. Der elfjährige Sohn mag nichts essen, krümmt sich vor Schmerzen und will sich nur noch hinlegen. Warmer Fencheltee bringt nichts. Ist es etwas Ernstes? Ein Magen-Darm-Infekt? Oder sogar eine Blinddarmentzündung, und das ausgerechnet im Urlaub? Situationen wie diese kennen sicher viele Eltern. Tatsächlich ist es völlig berechtigt, sich in solchen Fällen Sorgen zu machen: Eine Appendizitis, wie Mediziner eine Blinddarmentzündung nennen, kommt bei Kindern relativ häufig vor und ist ein Notfall. Allerdings sind die Symptome alles andere als eindeutig. Sogar für Ärzte ist die Diagnose manchmal schwierig.

Landläufig spricht man von Blinddarmentzündung, obwohl die Bezeichnung irreführend ist: Betroffen ist nämlich nicht der ganze Blinddarm, also der erste Abschnitt des Dickdarms, sondern nur der Wurmfortsatz, ein etwa acht Zentimeter langes Anhängsel. Eigentlich handelt es sich also um eine »Wurmfortsatzentzündung«.

»Bei Bauchschmerzen, typischerweise im rechten Unterleib, muss man an diese Möglichkeit denken«, sagt der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, Burkhard Rodeck. Das Problem ist aber: Bauchschmerzen können zahllose andere Ursachen haben, angefangen von Verstopfung oder Magen-Darm-Infekten über Harnwegsinfekte bis hin zu psychosomatischen Gründen. Auch weitere Symptome einer Blinddarmentzündung sind nicht sehr spezifisch: Oft leiden die Kinder zudem an Erbrechen und Durchfall, haben leichtes Fieber und sind insgesamt in einer schlechten Verfassung. Viele von ihnen haben insbesondere bei Erschütterungen Schmerzen, weshalb Ärzte sie mitunter testhalber auf der Stelle hüpfen lassen.

Eignet sich dieser Test auch für daheim? »Eltern können das zwar versuchen, eine sichere Einschätzung sollte aber ärztlich erfolgen«, meint Rodeck. Auch Micha Bahr, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendchirurgie am Klinikum Ingolstadt, hält es für fraglich, ob solche Experimente viel bringen: »Ich habe mal eine Vierjährige hüpfen lassen, die das auch ohne Zögern gemacht hat. Trotzdem hatte ich den Eindruck, dass da etwas nicht stimmt, und habe sie operiert.« Tatsächlich hatte das Mädchen eine akute Blinddarmentzündung. Gerade bei kleinen Kindern, die Schmerzen schlecht beschreiben können, ist die Lage schwer einzuschätzen. Daher appelliert Bahr an Eltern, ein Kind mit Bauchschmerzen im Zweifelsfall zum Arzt oder gleich ins Krankenhaus zu bringen: »Es ist immer besser, das einen medizinischen Experten beurteilen zu lassen.« Je weiter eine Entzündung fortschreitet, desto ernster wird die Lage. Schlimmstenfalls reißt der Wurmfortsatz auf, sodass sich eine gefährliche Bauchfellentzündung entwickeln kann.

Wie es zu einer Appendizitis kommt, ist unklar. Nur selten ist ein verschluckter Obstkern der Auslöser: »Ich habe tatsächlich schon mal einen Kirschkern gefunden«, berichtet Bahr. »Aber so etwas ist eher Zufall.« Schon in der Antike kannte man die »Seitenkrankheit«, die bis Ende des 19. Jahrhunderts meist tödlich endete, da Blinddarmoperationen noch nicht üblich waren. Heute schätzt man das Risiko eines Menschen, im Laufe seines Lebens daran zu erkranken, auf sieben bis acht Prozent. Am häufigsten betroffen sind größere Kinder und Jugendliche. »In manchen Familien kommen Blinddarmentzündungen häufiger vor als in anderen«, sagt Bahr. »Warum, weiß niemand.«

Auch Mediziner tun sich bei der Diagnose oft nicht leicht. »Es gibt verschiedene Kriterien, die man wie ein Mosaik zusammensetzen muss«, erklärt Rodeck. Eine wesentliche Rolle spielt dabei das sorgfältige Abtasten des Bauches: Drückt der Arzt an bestimmten Punkten im rechten Unterleib, ist das bei einer Appendizitis in der Regel schmerzhaft. Drückt er links unten, löst das Schmerzen auf der gegenüberliegenden Seite aus. Aufschlussreich kann auch ein Muskeltest sein: Dazu muss das Kind das rechte Bein anheben, und der Arzt drückt dabei gegen den Oberschenkel - auch das macht sich im rechten Unterbauch oft unangenehm bemerkbar. Weitere wichtige Hinweise liefern Ultraschall und eine Blutuntersuchung. »Entscheidend ist das Zusammenspiel all dieser Befunde«, sagt Bahr. Ist die Situation nicht eindeutig, warten Chirurgen oft eine Weile ab und beobachten den Patienten. »Schließlich kann jede Operation Komplikationen haben.« Abgesehen davon ist der Wurmfortsatz keineswegs so nutzlos, wie man früher glaubte. »Er ist wichtig für ein gesundes Mikrobiom«, erklärt der Kinderchirurg. Mediziner gehen nämlich davon aus, dass der Wurmfortsatz eine Art Reservoir für nützliche Darmkeime ist.

In den vergangenen Jahren ist die Zahl aller »Appendektomien«, also Blinddarmoperationen, in Deutschland immer weiter zurückgegangen. Nach Daten der Gesundheitsberichtserstattung des Bundes (GBE) lag sie 2005 noch bei fast 140 000, im Jahr 2019 nur noch bei rund 100 000. Das dürfte unter anderem an genaueren Untersuchungsmethoden, aber auch an der stärkeren Zurückhaltung der Operateure liegen. Kommt hinzu, dass unkomplizierte Blinddarmentzündungen inzwischen manchmal nicht gleich operiert, sondern nur mit Antibiotika behandelt werden. Auch bei Kindern ist das inzwischen ein Thema: »Dazu gibt es derzeit eine spannende Diskussion«, sagt Rodeck. »Wenn man die Patienten früh erwischt, kann die Entzündung durch Antibiotika aufgehalten werden. Bisher sind das aber nur Einzelfälle. Um so ein Vorgehen wirklich empfehlen zu können, braucht man Beweise durch große Studien.« Der Chirurg Bahr sieht die rein medikamentöse Therapie auch eher kritisch: Bei Kindern, die so behandelt würden, könnten die Beschwerden leicht wieder auftreten - sodass am Ende eben doch eine Operation nötig sei. Der entzündete Wurmfortsatz wird dabei komplett entfernt, und zwar in der Regel minimalinvasiv. Dazu sind nur kleine Schnitte nötig, für die eine Kamera und Instrumente in die Bauchhöhle eingeführt werden. Nach wenigen Tagen dürfen die Kinder meist wieder nach Hause.

Manchmal vergehen die Schmerzen aber auch von selbst, ohne dass Eltern jemals den Grund erfahren. So war es auch bei der London-Reise: Am nächsten Tag war alles wie weggeblasen - Glück gehabt.

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