Rebellion gegen die Bierdusche

Fastenbrechen, Alkoholwerbung, nackt duschen: Immer wieder kollidieren im Fußball die Normen des Islam mit denen des Profisports

  • Von Ronny Blaschke
  • Lesedauer: 6 Min.

Ende April treffen in der englischen Premier League die Vereine Leicester City und Crystal Palace aufeinander. Nach gut 30 Minuten - kurz nach Sonnenuntergang - wird das Spiel unterbrochen. An der Seitenlinie nehmen die muslimischen Spieler Wesley Fofana und Cheikhou Kouyaté Wasser und Energienahrung zu sich. Nach wenigen Minuten geht die Partie weiter. Der Ramadan ist aktuell für gläubige Muslime im Fußball eine Herausforderung, vor allem in europäischen Ländern mit späten Sonnenuntergängen. Nach 15 oder 16 Stunden Fasten am Tag sollen Profis bei Abendspielen Topleistungen erbringen. Doch auch bei anderen Themen kollidieren die Normen des Islam und die des Spitzensports: Bierbrauereien als Sponsoren, nackt duschen in der Gemeinschaftskabine: Wie finden muslimische Spieler und Vereine einen gemeinsamen Weg?

In den vergangenen Jahren haben sich Forscher mit den Auswirkungen des Fastens auf den Leistungsfußball beschäftigt. Einige argumentieren medizinisch: Eine so lange Zeit ohne Flüssigkeitsaufnahme sei für den Körper schädlich. »Andere Wissenschaftler sagen, dass das Fasten bei muslimischen Spielern spirituelle Energien freisetzen kann«, berichtet Özgür Özvatan vom Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung. »Allgemeingültige Antworten gibt es nicht. Wir werden noch viel und differenziert darüber sprechen müssen.«

Muslimische Vielfalt auf dem Platz

Im Fußball verdeutlichen muslimische Spieler die Vielfalt innerhalb des Islam. Der Franzose Marouane Chamakh, der unter anderem für Girondins Bordeaux und den FC Arsenal spielte, unterbrach das Fasten vor wichtigen Spielen, und holte die ausgefallene Zeit später nach. Sein Landsmann Nicolas Anelka fühlte sich nach dem Ramadan anfälliger für Verletzungen. In den letzten Jahren seiner Karriere verzichtete er auf die strikte Einhaltung des Fastens. Der französisch-senegalesische Spieler Demba Ba hingegen wollte keine Kompromisse eingehen. In einem Interview sagte er: »Jedes Mal, wenn ich einen Manager hatte, der damit nicht glücklich war, habe ich gesagt: Hört zu, ich werde es tun. Wenn meine Leistung noch gut ist, werde ich weiterspielen, wenn sie schlecht ist, setzt ihr mich auf die Bank, das war’s.«

Die Diskussionen um den Ramadan waren und sind kontrovers. Im Jahr 2009 verwarnte der Zweitligist FSV Frankfurt drei muslimische Spieler, weil sie mit dem Fasten angeblich ihren Vertrag verletzt hätten. Innerhalb des Islam gibt es unterschiedliche Positionen. Einige Rechtsgelehrte sagen, dass auch Muslime mit körperlich anstrengender Arbeit unbedingt fasten sollen. Andere erwidern, dass sie unter bestimmten Voraussetzungen das Fasten unterbrechen können. »Das gilt nicht für Fußballer, die ihren Sport als Hobby betrachten. Sondern nur für Spieler, die damit ihren Lebensunterhalt bestreiten«, meint der Islamwissenschaftler Uriya Shavit von der Universität Tel Aviv. »Wenn das Fasten ihre Leistung schwächt und damit ihren Beruf gefährdet, dann, so die Interpretation, können sie das Fasten unterbrechen.«

Inzwischen nehmen einige europäische Vereine Rücksicht auf ihre muslimischen Spieler: mit Ernährungshinweisen und angepassten Trainingseinheiten. Im Nahen Osten werden wichtige Spiele während des Ramadan häufig nach hinten verlegt. So trafen die Nationalteams aus Palästina und dem Oman in der Qualifikation für die Asienmeisterschaft 2019 erst um 23 Uhr aufeinander. »Beide Mannschaften hatten schon Wochen vorher ihre Trainingspläne umgestellt«, weiß der syrische Fußballexperte Nadim Rai.

Nach der Scharia sind etliche Aktivitäten für Muslime »haram«, also tabu. Dazu zählen Alkoholkonsum, Glücksspiele oder die Erhebung von Wucher. Das sind jedoch Dinge, die in vielfacher Weise zum europäischen Fußball gehören. 2006 galt der französisch-malische Stürmer Frédéric Kanouté als Hoffnungsträger beim FC Sevilla. Doch als Muslim weigerte er sich, das Trikot mit dem Logo eines neuen Sponsors zu tragen - eines Wettanbieters. 2012 lehnte der senegalesische Spieler Papiss Cissé bei Newcastle United ein Kreditunternehmen als Sponsor ab. »Nach islamischem Recht dürfen Muslime keine Sünden begehen. Doch sie dürfen auch Andersgläubige nicht zu Sünden verleiten«, sagt Uriya Shavit, der die Bedeutung des Islam für den Fußball erforscht hat. »Muslime dürfen keinen Alkohol trinken. Und sie dürfen auch keinen Alkohol verkaufen oder dafür Werbung machen.« In der Premier League erhielt der beste Spieler des Tages bis 2012 eine große Flasche Champagner. Der ivorische Profi Yaya Touré von Manchester City lehnte diese Art der Auszeichnung ab, der Ligaverband suchte daraufhin eine neue.

Alkoholfreie Weißbierdusche

In Deutschland werden viele Vereine von Bierbrauereien gesponsert, zum Beispiel der FC Bayern. Regelmäßig kommt es bei den Meisterfeiern der Münchner zu den »Weißbierduschen«. 2013 schüttete Jérôme Boateng seinem muslimischen Teamkollegen Franck Ribéry ein großes Glas Bier in den Nacken. Der Franzose war zunächst wütend, doch Boateng entschuldigte sich und sagte, dass es sich um alkoholfreies Bier gehandelt habe. »Die zwei haben sich umarmt und ein gemeinsames Foto gemacht«, erinnert sich Politikwissenschaftler Özgür Özvatan. Viele Fußballfans haben sich dadurch vermutlich erstmals mit islamischen Normen beschäftigt. So gut wie keine Informationen dringen dagegen aus Umkleidekabinen nach draußen. Nach islamischem Recht darf ein muslimischer Mann seinen Körperbereich zwischen Bauchnabel und Knie nicht vor anderen Männern entblößen. Uriya Shavit erzählt, dass einige englische Klubs darauf Rücksicht nähmen. Ihre muslimischen Spieler können mit Shorts duschen oder getrennt von ihren Kollegen. »Es gibt einige Fußballer, die auch bei Spielen etwas längere Hosen tragen, damit diese die Knie bedecken. Was man selten oder fast nie erlebt, ist, dass muslimische Spieler nach dem Abpfiff ihr Trikot mit einem Gegner tauschen«, sagt Shavit.

Vorbilder gegen Vorurteile

Bei der Gründung der Premier League 1992 war ein Spieler als Muslim bekannt, der Spanier Mohammed Amar von Tottenham Hotspur, heute sind es mehr als 40. Der bekannteste: Mohamed Salah. Mit dem Ägypter gewann der FC Liverpool 2019 die Champions League und 2020 die englische Meisterschaft. Er ist so beliebt wie kaum ein anderer Spieler. Während des sportlichen Aufstiegs Salahs analysierten Forscher der Stanford-Universität und der Technischen Hochschule Zürich Hassverbrechen in England. Demnach waren Diskriminierungen gegen Muslime in Merseyside, der Heimat des FC Liverpool, um 19 Prozent gesunken. »Wir leben in einer Welt, in der junge Leute sich Vorbilder im Fernsehen oder in den sozialen Medien suchen«, sagt der Imam Obayed Hussain, der in Birmingham den Fußball für soziale Projekte nutzt. »Mo Salah ist ein fantastischer Fußballer, er ist bescheiden und bringt Leute zusammen. Eine seiner Eigenschaften ist es, Muslim zu sein. Es ist wichtig, Vorbilder wie ihn zu haben: Die durch ihren Charakter auffallen, ohne große Reden zu halten.«

In Deutschland galt der muslimische Nationalspieler Mesut Özil lange als Symbolfigur für Multikulturalismus. Bis er 2018 für ein Foto mit dem türkischen Staatspräsidenten Erdoğan posierte und kurz danach mit dem deutschen Nationalteam bei der WM in Russland früh scheiterte. Özil wurde von vielen Seiten kritisiert - und rassistisch beleidigt. »Es ist fatal, die Akzeptanz von muslimischen Spielern an Erfolgsversprechen zu knüpfen«, sagt der Forscher Özgür Özvatan und verweist auch auf die Gremien des Fußballs: »Wir haben eine klaffende Repräsentationslücke. In Vereinen und Verbänden sind Menschen mit Migrationshintergrund klar unterrepräsentiert.« Muslimische Profifußballer schaffen eine Öffentlichkeit für die vielschichtigen Normen des Islam. Doch es wird wohl noch eine Weile dauern, bis sich das auch in den Strukturen bemerkbar macht.

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