Wenn der Meeresspiegel steigt

Die globale Klimaerwärmung hat nicht nur für unmittelbare Küstenregionen dramatische Folgen

  • Von Nick Reimer, Toralf Staud
  • Lesedauer: 9 Min.
Ein höherer Meeresspiegel birgt die Gefahr intensiverer Sturmfluten: Reste eines Imbisskiosks am Steilufer von Zempin auf der Ostseeinsel Usedom nach einer Sturmflut im Januar 2017
Ein höherer Meeresspiegel birgt die Gefahr intensiverer Sturmfluten: Reste eines Imbisskiosks am Steilufer von Zempin auf der Ostseeinsel Usedom nach einer Sturmflut im Januar 2017

List an der Nordspitze Sylts, die nördlichste Gemeinde Deutschlands, das Festland gegenüber gehört schon zu Dänemark. Gleich neben dem Hafen lädt das »Erlebniszentrum Naturgewalten« Gäste zum Besuch. Seit 2009 zeigt eine Ausstellung, wie der Wind Dünen wandern lässt, wie Küstenschutz funktioniert und was der steigende Meeresspiegel für die Insel bedeutet. Dafür wurde die Insel als Modell nachgebaut, per Knopfdruck können Besucher den Meeresspiegel steigen lassen. »Wir haben drei verschiedene Stufen simuliert«, sagt Matthias Strasser, der Geschäftsführer des Erlebniszentrums. »Ein Meter - und das ist ja das Szenario, was tatsächlich realistisch ist bis zum Ende des Jahrhunderts aber auch drei Meter und fünf Meter, um mal am ganz konkreten Beispiel Sylt zu zeigen, wie viel und welche Bereiche der Insel dann tatsächlich permanent unter Wasser liegen würden.«

Einen Anstieg um wesentlich mehr als die vom IPCC genannten 1,10 Meter kann die Forschung tatsächlich nicht ausschließen - unter anderem, weil sie noch nicht weiß, wie schnell die Eisschilde Grönlands und der Antarktis schwinden werden. Für all jene, die es bisher nicht in die Ausstellung nach List geschafft haben: Von Sylt in seiner heutigen Form wäre dann fast nichts mehr übrig, nach einem Meeresspiegelanstieg von fünf Metern würden nur noch einzelne Inselchen aus den Fluten der Nordsee ragen.

Mehr als 70 Prozent der Erde sind mit Ozeanwasser bedeckt, der Meeresspiegel steht aber nicht überall gleich hoch. Fast an allen Orten schwankt er durch die Gezeiten: Der Tidenhub - verursacht durch die Anziehungskraft des um die Erde kreisenden Mondes - ist je nach lokalen Gegebenheiten sehr unterschiedlich. Großen Einfluss auf die jeweiligen Meeresspiegel haben auch Meeresströmungen, spezielle Winde oder die Dichte im Erdinneren - abhängig von ihr wirken stärkere oder schwächere Anziehungskräfte auf die Wassermassen.

Und dann sind da auch noch Bewegungen der Landmassen. Manche Küstenabschnitte senken sich, etwa, weil die Menschen dort in großen Mengen Grundwasser abpumpen - dadurch wird der Anstieg der lokalen Pegel noch verstärkt. An anderen Küsten wirkt sich noch immer ein Erbe der letzten Eiszeit aus. Einst hatten dort kilometerdicke Eispanzer das Land heruntergedrückt; vor Tausenden Jahren von der Last befreit, heben sie sich bis heute, mancherorts schneller als die Ozeane anschwellen. An solchen Küsten kann deshalb der Pegel sogar sinken. Jedenfalls gibt es weltweit teils erhebliche Unterschiede beim Anstieg des Meeresspiegels.

Um Aussagen über globale und langfristige Veränderungen treffen zu können, bezieht die Wissenschaft eine Vielzahl lokaler Daten und Satellitenmessungen ein. Das Ergebnis ist eindeutig: Weltweit steigt das Wasser, und es steigt immer schneller. Im 20. Jahrhundert betrug die durchschnittliche Rate 1,5 Millimeter pro Jahr, aktuell sind es schon 3,6 Millimeter - also mehr als das Doppelte. Das summiert sich: Mitte unseres Jahrhunderts wird die Nordsee bei Cuxhaven schon bis zu 40 Zentimeter höher stehen als im Durchschnitt der Jahre 1986 bis 2005, gegenüber vorindustriellem Niveau also gut einen halben Meter höher. In der Ostsee am Pegel Travemünde sind es jeweils ein paar Zentimeter weniger.

Und der Anstieg wird sich weiter beschleunigen: Der Grund dafür, dass die Meeresspiegel in den vergangenen Jahrzehnten schneller stiegen als zuvor, ist vor allem, dass die weltweite Eisschmelze immer stärker in Gang gekommen ist. Die Eispanzer etwa in Grönland oder der Antarktis reagieren träge, sie schmelzen erst mit gewisser Verzögerung - dann aber gewaltig. Man kann sich den Meeresspiegelanstieg deshalb vorstellen wie einen Güterzug an einem sanften Abhang: Löst man die Bremsen, rollt er sehr langsam los. Aber dann wird er schneller und schneller und bewegt sich irgendwann mit ungeheurer Energie. Bei ungebremstem Ausstoß von Treibhausgasen werden die Ozeane im Jahr 2100 bereits um 15 Millimeter jährlich steigen, schätzt der IPCC, im 22. Jahrhundert um mehrere Zentimeter pro Jahr und so weiter.

»Noch ist der Meeresspiegelanstieg beherrschbar, zumindest in unseren Breiten«, sagt Jochen Hinkel, einer der Leitautoren des IPCC-Sonderberichts zu Meeren und Eismassen von 2019. Deutschland investiert viel Geld in den Küstenschutz, allein das Bundesland Schleswig-Holstein gab seit 1962 mehr als drei Milliarden Euro aus.

»Ein höherer Meeresspiegel birgt aber zum Beispiel die Gefahr intensiverer Sturmfluten«, sagt Hinkel. Zwar zeigen die Klimamodelle keine Zunahme bei der Häufigkeit, aber wegen des gestiegenen Meeresspiegels laufen künftige Sturmfluten höher auf. Eine Sturmflut, wie sie Anfang dieses Jahrhunderts mit einer Wahrscheinlichkeit von einmal in 50 Jahren aufs Land zuraste, gebe es ab 2050 bereits einmal alle zehn Jahre. Hinkel: »Geht das so weiter, wird eine - heute - schwere Sturmflut Ende des Jahrhunderts fast normal sein, das heißt alle fünf Jahre über uns hereinbrechen.« Der Begriff einer schweren Sturmflut, wie sie natürlich weiterhin in größeren Abständen vorkommen werden, müsse dann neu definiert werden - das wäre dann »ein Extremwetter, von dem wir uns heute noch keine Vorstellung machen können«.

Für die Windflüchter auf dem Fischland ist der Küstenfraß schon jetzt ein Problem. »Vorsicht Abbruchgefahr« steht auf Schildern am Strand bei Ahrenshoop, hier hat sich das Meer mittlerweile 100 Meter tief in die Steilküste vorgearbeitet. Nicht nur viele der imposanten Harfen-Bäume hat die Ostsee mitgerissen, neben den Resten umgestürzter Windflüchter liegen auch alte Militärbunker im Wasser, freigespült von den Wellen. »Steilküste Ahrenshoop, unser Fischland vor dem Ende«, warnt eine Bürgerinitiative, die angefangen hat, Geld zu sammeln, weil die Landesregierung ihrer Meinung nach zu wenig für den Schutz dieses Küstenabschnitts unternimmt. Wenigstens zehn Wellenbrecher aus Stein wollen die Vereinsmitglieder bauen. Dafür brauchen sie mehr als eine Million Euro, gesammelt wird auch bei den Urlaubern.

»Unser gesetzlicher Auftrag ist, bebaute Küste zu schützen«, sagt Lothar Nordmeyer vom Umweltministerium in Schwerin. Niemandem sei verboten, sich privat für den Küstenschutz zu engagieren, »aber das muss im Einklang mit den Landesinteressen geschehen«. Das »Hohe Ufer« zwischen Wustrow und Ahrenshoop sei zweifellos eine sehr schöne Küste - aber eben nicht bebaut. Neue Wellenbrecher dort könnten die Energie der Meeresströmung so verändern, dass sich die Ostsee an einer anderen, bebauten Küstenstelle den Sand holt, den sie will. »Deshalb ist privater Küstenschutz auch ein Genehmigungstatbestand«, wie es Nordmeyer in Beamtendeutsch formuliert. Die Behörden müssten klären, was eine Küstenschutzmaßnahme bewirkt und was sie anrichtet.

Erst kürzlich, erzählt er, seien die Eigentümer einer Wochenendsiedlung gerichtlich dazu verpflichtet worden, einen selbst errichteten Steinwall zum Schutz des Strandes vor der eigenen Haustür wieder zurückzubauen - weil der Wall Wohnsiedlungen anderenorts gefährdet habe.

Aber helfen solche Bauwerke überhaupt, wenn die Pegel weiter steigen? »Im Jahr 2019 betrug die jährliche Eisschmelze allein auf Grönland rund 600 Kubikkilometer«, erklärt Boris Koch, Ozeanograf am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven. Koch, zugleich Professor an der dortigen Hochschule, zeigt mit einem anschaulichen Vergleich, wie gigantisch diese Menge verlorenen Eises ist: »Wenn Sie von Hamburg nach München fahren - Luftlinie rund 600 Kilometer - und sich einen Eisblock vorstellen, der auf dieser Strecke 100 Meter breit ist, so lang wie ein Fußballfeld, dann wäre dieser Block zehn Kilometer hoch.« So hoch, wie Flugzeuge fliegen.

Und was auf Grönland verschwindet, schwappt irgendwann auch an unsere Küsten. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben im Detail simuliert, was steigende Meeresspiegel für einzelne Regionen bedeuten. Die US-Organisation Climate Central zum Beispiel hat sich darauf spezialisiert, Forschungserkenntnisse allgemeinverständlich aufzubereiten. Sie hat eine Vielzahl von Daten und Modellergebnissen zum Meeresspiegel zusammengetragen; auf ihrer Website kann man sich zum Beispiel die deutsche Nord- und Ostseeküste im Jahr 2050 anschauen, flutgefährdete Gebiete sind dort rot markiert: die Perlenkette der ostfriesischen Inseln fast komplett rot. Betroffen wären auch die nordfriesischen Inseln. Auf dem Festland liegen nicht nur Orte direkt an der Küste in den rot markierten Gebieten. Zum Teil ziehen sich die Gebiete, die 2050 von Überflutung bedroht sind, bis weit ins Binnenland.

Auch an der Ostsee zeigt die Zukunftskarte von Climate Central einige rote Gebiete, die allerdings deutlich kleiner sind als an der Nordsee. In Vorpommern ziehen sich einzelne flutgefährdete Streifen bis weit ins Hinterland, entlang der Peeneniederung bis Demmin und Anklam, die Oder hinauf sogar bis hinein nach Brandenburg über Schwedt bis nach Bad Freienwalde. Die Landkarte von Norddeutschland, daran lässt die Simulation keinen Zweifel, verändert sich langfristig völlig - sofern der Hochwasserschutz nicht massiv verstärkt wird.

Die deutsche Nordseeküste ist rund 1300 Kilometer lang, und in der Tat werden dort schon seit Längerem alle Deiche mit Milliardenaufwand erhöht. Auf der Halbinsel Nordstrand direkt gegen-über der Stadt Husum zum Beispiel hat der schleswig-holsteinische Landesbetrieb Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz zwischen 2013 und 2018 den ersten sogenannten Klimadeich gebaut. Die Deichkrone wurde um 70 Zentimeter auf 8,70 Meter erhöht - aber das Besondere an diesem Deich ist sein neues Profil. »Ganz entscheidend ist, dass wir breiter und flacher bauen«, erläutert Dietmar Wienholt vom Landesbetrieb. In den vergangenen Jahrzehnten seien die Deiche nur erhöht worden. »Dieses Mal bauen wir die Deichbasis 20 Meter breiter, flachen die Böschung ab und machen eine doppelt so breite Krone.« Im Notfall kann man diesen breiteren Deich ohne größeren Aufwand noch mal erhöhen. »Ich glaube«, sagt Wienholt, »mit der Art und Weise sind wir für die nächsten 100 Jahre auf der sicheren Seite.«

Was aber dann? Zur Beruhigung wird häufig auf die Niederlande verwiesen - dort mache man ja seit Jahrhunderten vor, wie man der See Land abtrotzen und auch mit steigenden Pegeln gut leben kann. Doch in Holland selbst mehren sich Stimmen, die meinen: Diese Sicherheit sei trügerisch. Das große Vertrauen in den Hochwasserschutz sei ein »Irrglaube«, der auf der Vergangenheit basiere, mahnt etwa Maarten Kleinhans, Professor für Geowissenschaften an der Universität Utrecht. Der bevorstehende Anstieg der Meeresspiegel werde ein beispielloses Tempo und Ausmaß erreichen. »Wir stehen vor etwas Schlimmerem als je zuvor in der Menschheitsgeschichte und vielleicht in der Erdgeschichte.«

Toralf Staud, Jahrgang 1972, ist Journalist und beschäftigt sich vor allem mit den Themen Rechtsextremismus und Klimawandel. Nick Reimer, Jahrgang 1966, war 1989 Mitbegründer einer Umweltzeitung in der DDR, arbeitet ebenfalls als Journalist. Für ihren Blog Klimaluegendetektor.de erhielten sie den Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus. Der hier veröffentlichte Text ist eine leicht gekürzte Passage aus ihrem neuen Buch »Deutschland 2050. Wie der Klimawandel unser Leben verändern wird«.

Nick Reimer, Toralf Staud: Deutschland 2050. Kiepenheuer & Witsch, 374 Seiten, br., 18 Euro.

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