Waffendeals von Nazis mit der Mafia

Spuren von Geschäften an der Costa del Sol führen in das niedersächsische Barsinghausen

  • Von David Speier
  • Lesedauer: 4 Min.
Funde von Waffen und Nazi-Devotionalien in Spanien
Funde von Waffen und Nazi-Devotionalien in Spanien

Vor dem Landgericht Hannover muss sich derzeit Eveline W. wegen des Verdachts des gewerbsmäßigen Verstoßes gegen das Waffengesetz verantworten. Nach einem Waffenfund auf ihrem Grundstück in Barsinghausen in der Nähe der niedersächsischen Landeshauptstadt wurde sie von den deutschen Behörden am Hamburger Flughafen verhaftet. Der Fall steht im Zusammenhang mit einer Bande, die an der spanischen Costa del Sol Waffen an Mitglieder der organisierten Kriminalität verkauft haben soll.

Der leitende Ermittler schilderte in dem Prozess die Durchsuchung der Waldhütte in Barsinghausen im Oktober 2019. Hinter der alten Holzfassade hatten Eveline W. und ihr 70-jähriger Ehemann Winfried W. die kleine Hütte erweitert und die Fenster mit schweren Stahlplatten gesichert. Die Polizei fand zunächst eine Vielzahl an Waffenteilen und Zubehör, unter anderem auch ein leeres Panzerfaustgeschoss. Diese dürfen jedoch legal besessen werden oder bedeuten lediglich kleinere Verstöße gegen das Waffenrecht.

Am dritten Tag der Durchsuchung ließ der erfahrene Ermittler das Gelände noch einmal auf »unkonventionelle Art« durchsuchen. Hinter einer Baustellentoilette und einer provisorischen Mauer fanden sie gut versteckt zwei Plastikfässer. Der Inhalt: 55 Schnellfeuergewehre, neun halbautomatische Waffen rund 1570 Schuss Munition und eine Granate.

An der Costa del Sol in der südlichen Region Andalusien stieß die spanische Polizei im Dezember 2020 ebenfalls auf ein großes Waffen- und Munitionslager. Insgesamt 121 Pistolen, 22 Sturmgewehre, acht Maschinenpistolen, 9976 Schuss Munition, acht Schalldämpfer und 273 Magazine wurden sichergestellt. Die Waffen sollen Winfried W. und Tilo K. gehortet und über einen Engländer an Drogenbanden verkauft haben. Die drei Ausländer wurden festgenommen. Bei Razzien im Drogenmilieu waren zuvor aufbereitete Maschinengewehre des Typs Zastava M70 aufgefallen, bei denen die Seriennummer entfernt worden war. Diese Spur führte die Behörden zu der Bande, der nun in Spanien die Bildung einer kriminellen Vereinigung, Waffen-, Munitions- und Drogenschmuggel sowie Urkundenfälschung vorgeworfen wird.

Bei dem Deutschen Tilo K. fand die spanische Polizei ein »Museum« mit Nazi-Uniformen, Orden, Fahnen und anderen Devotionalien. K. betrieb einen Internetversand für andalusische Produkte. Das Logo des Versandhandels zeigt neben einem Stier und der spanischen Flagge eine schwarze Sonne, ein bei Neonazis beliebtes Symbol. Er sammelte offenbar nicht nur NS-Devotionalien und Waffen, sondern nahm auch an Veranstaltungen teil, bei denen Schlachten des Zweiten Weltkriegs nachgestellt wurden. Ein Bild zeigt ihn in einer Uniform des Afrikakorps, lässig grinsend im Schatten liegend. Er posierte auf einer Internetseite auch als Mitglied einer Sonderformation der Wehrmacht und nannte sich »Grenadier Adolf K. (Tilo)«. Zudem behauptete er, der Enkel des Chauffeurs von Adolf Hitler zu sein.

Winfried W. und Eveline W. waren bereits 1999 und 2004 wegen illegalen Waffenbesitzes und Waffenverkaufs in Deutschland verurteilt worden. Damals hatte die Polizei die Waffen in versteckten Erddepots auf dem Grundstück in Barsinghausen und in dem Friseursalon von Eveline W. sichergestellt. Im Jahr 2013 waren beide in die andalusische Kleinstadt Coín ausgewandert. Einen Teil seines dortigen Hauses hat der gelernte Büchsenmacher in eine Werkstatt umgebaut, in der er die Zastava M70 Maschinengewehre aus Osteuropa wieder schussbereit gemacht haben soll, so die spanischen Ermittler. Er habe die Waffen für rund 500 Euro über das Internet gekauft und reaktiviert für bis zu 8000 Euro auf dem Schwarzmarkt weiterverkauft.

Eine eindeutig rechte Gesinnung will eine Ermittlerin Eveline W. vor Gericht allerdings nicht attestieren. Die Auswertung der Datenträger habe keine Verbindungen in die extrem rechte Szene ergeben. Das wirft einige Fragen auf. Denn auf Facebook hat W. Seiten wie »Wir wollen keinen Islam in Deutschland und Österreich« mit »gefällt mir« markiert und bei ihr ist ein Hakenkreuzaufkleber gefunden worden.

Staatsanwalt Tim Stoll war in seinem Plädoyer davon überzeugt, dass Eveline W. von den illegalen Waffenteilen in der Waldhütte wusste. Auf ihrem Grundstück, das sie zwei- bis dreimal im Jahr besuchte, habe sich ein massiv ausgebauter Bunker, vollgestopft mit Waffenteilen, befunden. W. sei daher wegen des Verstoßes gegen das Waffengesetz zu drei Jahren und sechs Monaten Haft zu verurteilen. Für einen gewerbsmäßigen Handel seien die Beweise jedoch nicht ausreichend. Verteidiger Sascha Gramm hingegen forderte einen Freispruch. Seine Mandantin sei davon ausgegangen, dass die Waffenteile in der Waldhütte erlaubnisfrei sind. »Aus meiner Sicht sind das keine Beweise, sondern Indizien« so Gramm. Das Urteil im Verfahren gegen Eveline W. soll am 18. Mai fallen.

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