Kontrolliert toleriert

Vom Leben in Pekings ältestem Muslimen-Viertel

  • Von Fabian Kretschmer, Peking
  • Lesedauer: 5 Min.

Wer in Pekings größter Moschee zum Festtagsgebet möchte, muss zunächst einen Metalldetektor passieren und eine Leibesvisitation hinter sich bringen. Mehrere uniformierte Bereitschaftspolizisten überblicken das Geschehen, zudem haben sich einige Beamte in Zivil, leicht an ihren verkabelten Ohrsteckern zu erkennen, in die Menschenmenge gemischt. Nach dem Sicherheits-Checkpoint führt ein labyrinthartiger Gang in den steinernen Innenhof der Niujie-Moschee, auf dessen grünen Gebetsteppichen bereits Hunderte Gläubige Platz genommen haben. »Salam Aleikum«, tönt eine männliche Stimme aus den übersteuerten Lautsprecheranlagen. Keine fünf Kilometer vom kommunistischen Regierungsviertel entfernt feiern Pekings Muslime das Ende des Fastenmonats Ramadan.

Wenn es in den Medien um den Islam in China geht, dann sind meist die Uiguren in Xinjiang gemeint, wo Hunderttausende Muslime in Umerziehungs- und Straflagern interniert sind. Doch die zahlenmäßig größte Gruppe an Gläubigen genießt ungleich größere Freiheiten: Knapp elf Millionen Chinesen zählen sich zur sogenannten Hui-Minderheit. Sie praktizieren einen vom Sufismus geprägten Islam und essen kein Schweinefleisch, ansonsten allerdings sind sie kulturell weitgehend assimiliert. Dennoch hat Xi Jinping, Chinas mächtigster Staatschef seit Mao Zedong, die staatliche Kontrolle in sämtliche Bereiche des sozialen Lebens grundlegend verschärft. Wie frei also sieht muslimischer Alltag im China der Gegenwart aus?

Es ist ein sonniger Maitag im Niujie-Viertel, chinesisch für »Rindergasse«. Über 1000 Jahre, nachdem sich unweit des Pekinger Stadtzentrums erstmals Gläubige niedergelassen haben, erinnert die Gegend vor allem an touristische Folklore: Reisegruppen stehen Schlange vor Halal-Restaurants, die Lammspieße und Nudelsuppen anbieten. In den Metzgereien hängen Männer mit weißen Gebetskappen riesige Rinder an Fleischhaken auf. Aus den schnörkellosen Häuserfassaden ragen geschwungene Dachsparren hinaus, offenbar um ihnen zumindest den Anschein von Historizität zu verleihen.

Zur Normalität im Niujie-Viertel gehört auch die Überwachung: Wer die weiträumig umzäunte Moschee passiert, wird von einem Dutzend Kameras erfasst. Eine mobile Polizeistation ist einen Steinwurf vom Eingang an der Straßenkreuzung geparkt. Weniger sichtbar, aber wirksamer ist jedoch die verinnerlichte Selbstzensur der Einwohner. Auch harmlose Fragen zum muslimischen Alltag im Viertel werden von zunächst freundlichen Gesprächspartnern harsch zurückgewiesen: »Nein, nein nein«, sagt ein Ladeninhaber, der gerade auf einem Plastikstuhl am Gehsteig Mittagspause hält: »Alles, was mit ethnischen Minderheiten zu tun hat, ist ein sensibles Thema.« Nachdem er sich eine schwarze Schutzmaske übers Gesicht hochgezogen hat, fügt er vage hinzu: »Wer kann schon sagen, ob die Situation gut oder schlecht ist. Ich rate euch, mit niemandem hier im Viertel zu sprechen.«

Wer kritisch äußern kann, sitzt zumeist im Ausland. »Aus der kommunistischen Perspektive ist Religion immer eine Bedrohung«, sagt Historiker Ma Haiyun, der an der US-amerikanischen Frostburg Universität zum Islam in China forscht. »Sie wollen jede soziale Bewegung zerstören, die die Leute mobilisieren kann.« Den Parteikadern in Peking gelte die katholische Kirche in der Volksrepublik Polen als ein mahnendes Beispiel, denn sie habe mit zum Sturz der kommunistischen Regierung beigetragen.

Dabei gab es auch in der Volksrepublik China ein Zeitfenster beachtlicher religiöser Freiheit. Ma Haiyun, der in den frühen 1970er Jahren in der nordwestlichen Provinz Qinghai geboren ist, hat sie während seines Anthropologie-Studiums in Peking miterlebt: Auf dem Universitätscampus durften die Studierenden noch offen beten und fasten. Mit dem Amtsantritt Xi Jinpings hingegen habe ein »radikaler Umbau« begonnen.

Dieser schlägt sich auch im Stadtbild nieder. Wo einst Pekings wichtigster islamischer Buchladen stand, hat sich mittlerweile ein schickes Co-Working-Space eingerichtet. Der Inhaber der »Qingzhen« Buchhandlung, der Publizist Ma Yinglong, wurde vor vier Jahren verhaftet und soll seither in Xinjiang interniert sein. Nur einen Steinwurf von dem ehemaligen Buchladen entfernt ragt nach wie vor ein Kirchturm in den strahlend blauen Himmel. Bei genauerem Hinsehen ein befremdlicher Anblick: Rostige Gitterstäbe versperren den Eingang, stattdessen hat sich im Erdgeschoss eine Café-Filiale eingenistet. Wie zur Machtdemonstration steht ein riesiger Mast mit China-Flagge vor dem Gebäude.

Staatschef Xi Jinping bezeichnet dies stolz als »Sinisierung« der Religionen. Auch in der Niujie-Mosche hat die Kommunistische Partei eine Glasvitrine mit Propaganda-Postern aufgestellt, in der stolz über die Bemühungen berichtet wird, den Islam »chinesischer« zu machen. Eines der Fotos zeigt Imame in einem Klassenzimmer, darunter prangt der Schriftzug: »Die Verfassung und die Gesetzgebung erhalten Einzug in die Moschee«.

Wer dem langen Arm der Partei entkommen möchte, muss im Niujie-Viertel unauffällige Hintereingänge nutzen. Nicht sichtbar für die Passanten auf der Straße, werden hier in versteckten Läden bei orientalischer Musik Korane und Hijabs verkauft, islamische Keramik und Wandkalender mit Bildern der Mekka- Wahlfahrt.

An einem der Hauseingänge sitzt Frau Wang in ihrem spartanischen Immobilienbüro und empfängt Gäste mit grünem Tee und einem freundlichen Lächeln. Die Enddreißigerin mit dem zartrosa Kopftuch lebt seit der Jahrtausendwende im Viertel, ihre Familie ist bereits seit Generationen muslimisch. »Meine Tochter ist zunächst auch auf eine muslimische Grundschule gegangen, doch mittlerweile ist sie zu einer säkularen Mittelschule gewechselt«, sagt sie, »die Ausbildung dort ist einfach besser.« Probleme in der Nachbarschaft gebe es eigentlich keine, nur beim Verzehr von Schweinefleisch komme es manchmal zu Konflikten mit Han-Chinesen.

Obgleich unser Gespräch keine »sensiblen« Themen streift, betritt schon bald ein Arbeitskollege von Frau Wang das Büro. Er flüstert ihr leise ins Ohr, den Gästen nicht allzu viel zu erzählen. Frau Wang lächelt verlegen, doch einer solchen Mahnung hätte es ohnehin nicht bedurft: Im China der Gegenwart weiß jeder, worüber man besser nicht redet.

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