»Dinge ändern, damit sich nichts ändert«

Gibt es in den USA eine multikulturelle Version der weißen Vorherrschaft? Ein Gespräch mit dem Soziologen Ramón Grosfoguel von der Universität in Berkeley, Kalifornien

  • Von Johannes Streeck
  • Lesedauer: 5 Min.
Etwas eindämmen, das man nicht aufhalten kann: Die Grenze zwischen den USA (links) und Mexiko.
Etwas eindämmen, das man nicht aufhalten kann: Die Grenze zwischen den USA (links) und Mexiko.

Sie forschen an der Universität in Berkeley zu Rassismus und zu dem von Ihnen sogenannten Dekolonialismus. Wie virulent ist der Rassismus heute?

Vielen Menschen außerhalb der USA ist nicht klar, dass die USA von 1776 bis 1964 eine Verfassung hatten, die den Rassismus gegenüber der nicht-weißen Bevölkerung legalisiert hat. Sie war ein rassistisches Dokument, bis es 1964 zu den Verfassungszusätzen kam, die durch die Bürgerrechtsbewegung eingeleitet wurden. Seitdem besteht zumindest formal die Gleichheit aller Bürger*innen vor dem Gesetz. Sie durchzusetzen ist es aber noch ein weiter Weg.

Warum ist das so schwierig?

Mitte der 1960er hat sich ein neuer Diskurs entwickelt, den wir heute kulturellen Rassismus nennen. Hier geht es nicht mehr die alten biologischen Argumente, in denen vermeintliche genetische Unterschiede die Grundlage für die Diskriminierung von Menschen afrikanischer Abstammung liefern sollten - eine solche Argumentation war ja nun von Seiten des Gesetzes strafbar. Stattdessen wurde ein kulturalistischer Diskurs erschaffen, um Ausgrenzungen weiter vorzunehmen. Im Privaten, abends am Essenstisch, ging der biologische Rassismus des weißen Amerikas weiter, doch in der Öffentlichkeit musste er sich anders präsentieren. Nun hieß es, die Kultur von Afroamerikanern sei eine minderwertige, problematische Kultur.

Aber bedeutet die Wahl von Biden nicht den Bruch mit der offen artikulierten rassistischen Politik von Trump?

Der kulturelle Rassismus ist nicht nur ein Diskurs, er hat auch eine neue Struktur geschaffen, ich nenne es das multikulturelle liberale Regime. Das bedeutet, dass der weiße Rassismus nun schwarze und braune Gesichter bekommt, ohne dass sich aber die Situation für die afroamerikanische Bevölkerung verbessert. Dies läuft parallel zu einer Militarisierung der Außengrenzen als auch im Inneren zu einer Militarisierung der Nachbarschaften, wenn vornehmlich Schwarze und Latinos von der Polizei getötet werden. Der Rassismus in der Trump-Version lautet einfach: »Lasst uns Amerika wieder weiß machen!« Er bezieht sich auf die vermeintlich »guten alten Tage« der offen rassistischen USA, auch wenn dieses Projekt seit den sechziger Jahren eigentlich gescheitert ist. Biden erweckt den Eindruck, dass die Zeit von Trumps Extremismus vorbei ist, aber das stimmt nicht. Und das ist verwirrend. Denn es gibt diese andere, multikulturelle Version der weißen Vorherrschaft. Ihre Vertreter sagen der nichtweißen Bevölkerung: Wir erkennen eure Identität an und geben euch ein bisschen Geld, um euren Karneval oder euren Feiertag zu feiern, aber stellt nicht in Frage, wer herrscht. Das ist multikultureller Liberalismus: Dinge zu ändern, damit sich nichts ändert. Es ist eine kosmetische Veränderung.

Ihrer Meinung nach verfolgen also beide großen Parteien im in den USA das selbe Ziel?

Die weißen Eliten sind gespalten. Entweder neigen sie der Trump-Version zu oder der des multikulturellen Rassismus. Doch diese Grenze verläuft nicht zwischen Republikanern und Demokraten, wie viele Leute glauben, sondern es gibt Verfechter beider Ideen in beiden Parteien. Die Herausforderung des 21. Jahrhunderts besteht für diese Eliten darin, dass die Minderheiten in den USA bald die demografische Mehrheit bilden werden. Deshalb war die Trump-Regierung auch so besessen von der Mauer an der Grenze zu Mexiko. Man wollte etwas eindämmen, dass man nicht aufhalten kann: die demografische Transformation der USA. Die Trump-Version der weißen Vorherrschaft will die Zeit zurückdrehen. Der multikulturelle Liberalismus ist realistisch, er weiß, dass die Weißen bald die Minderheit bilden werden, möchte aber trotzdem deren Vorherrschaft sichern.

Wie soll man sich das vorstellen?

Während des Wahlkampfes hat Biden gesagt: »Die Polizei sollte nicht auf schwarze Menschen schießen, um sie zu töten, sondern auf ihre Beine zielen.« Das ist eine gute Metapher für seine Politik. Er stellt nicht die Schüsse auf Schwarze in Frage oder die Einstellung der Polizei, jederzeit und überall auf Schwarze und Latinos zu schießen. Er sagt nur: schießt ihnen in die Beine, nicht in den Kopf. Das ist die neue Form der Apartheid.

Aber was war mit Obama als erstem schwarzen Präsidenten? War das für Sie kein Bruch mit der Idee von »White Supremacy«, der weißen Vorherrschaft?

Obama hat mehr Latino-Migranten deportieren lassen, als jeder andere Präsident vorher. Die Kinder in Käfigen, die während der Regierungszeit Trumps zu solch einem Skandal wurden, oder die erzwungene Trennung von Familien, das hatten wir alles auch schon unter Obama. Die Black Lives Matter Bewegung begann unter Obama, nicht unter Trump, da während seiner Amtszeit so viele Morde an Schwarzen durch die Polizei stattfanden.

Gibt es denn in der Außenpolitik Unterschiede zwischen Biden und Trump?

Ich sehe da keine großen Unterschiede. Im ersten Monat seiner Amtszeit hat Biden Syrien bombardiert. Und er hat Juan Guaidó legitimiert, diesen Clown, der von der Trump- Regierung als Präsident von Venezuela installiert werden sollte.

Welche Interessen verfolgt die US-Regierung in Venezuela?

Als sich Juan Guaidó selbst zum Präsidenten von Venezuela erklärte wurde er von den USA und von der EU anerkannt. Er hat den Konzern Citgo, eine Tochtergesellschaft der staatlichen Ölfirma Venezuelas in Texas, für einen Billigpreis an einen Investor aus den USA verkauft. Das ist internationale Piraterie. Und bei diesem Kurs macht auch Biden mit.

Es geht also im Wesentlichen wieder um Ressourcen?

Venezuela ist der ölreichste Staat der Welt, und hat auch eines der größten Goldvorkommen. Außerdem verfügt das Land über viele Mineralien, die für die Militärindustrie wichtig sind. Wenn Venezuela kein Öl hätte, würde sich niemand für das Land interessieren.

Was erwarten Sie in den kommenden Jahren von der amerikanischen Außenpolitik?

Wir haben mit China eine Supermacht, die die Vereinigten Staaten bei ihrem eigenen Spiel schlägt. Kapitalismus, Krieg, Märkte - das ganze Paket. Und wie ist die Reaktion? Die Position der USA war immer das Eintreten für freie Märkte und Wettbewerb. Aber jetzt, da die Konkurrenz von China so stark geworden ist, wollen sie plötzlich keine freien Märkte mehr, sondern Protektionismus und Sanktionen. Sie spielen also nicht mal mehr nach den Regeln ihres eigenen Spiels. Wir haben es hier mit dem Verfall eines Imperiums zu tun.

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