Ungeschützt mit Hygienekonzept

Ein Jahr mit Corona. Zwei Sexarbeiter*innen tauschen sich aus

  • Lesedauer: 7 Min.
Mit der Parole „Rotlicht an“ forderten Sexarbeiter*innen im vergangenen Jahr wieder ihre Arbeit aufnehmen zu dürfen.
Mit der Parole „Rotlicht an“ forderten Sexarbeiter*innen im vergangenen Jahr wieder ihre Arbeit aufnehmen zu dürfen.

16. März 2020:

Ruby: Hey, hast du es schon gehört … wegen Corona sind die Bordelle auf unbestimmte Zeit geschlossen. Und auch Hausbesuche sind gerade nicht wirklich zu empfehlen. Ich blicke gar nicht durch … Wie soll das gehen? Ich habe ausgerechnet: Meine Ersparnisse reichen maximal zwei Monate. Und Hartz IV will ich nicht. Da habe ich Sorge, dass irgendjemand hier auf dem Dorf plaudert und rauskommt, dass ich Sexarbeiterin bin. Vom letzten ungewollten Outing habe ich mich gerade erst erholt … Ich bin wirklich verzweifelt und sehe keine Perspektive. So viele meiner Kolleg*innen sind nicht mal registriert, was sollen sie denn jetzt machen? Ich befürchte, alle werden weiterarbeiten müssen. Aber wie? Manche haben Kinder und müssen jetzt auch Betreuung oder Schule stemmen.

Ana: Ja, ich habe es schon gehört. Und von den Polizeikontrollen auch. Da bekommen Sexarbeiter*innen Bußgelder, weil sie weiterarbeiten. Aber sie arbeiten, weil wir alle Geld brauchen, unter anderem, um jetzt auch noch die Bußgelder abzubezahlen. Es ist absurd! Irgendwie soll das Geld also aus dem Nichts kommen. Harz IV reicht nicht zum Leben. Und was ist mit den Kolleg*innen, die zwar Steuern bezahlen und alle Hürden irgendwie gemeistert haben, aber noch keine fünf Jahre in Deutschland registriert sind? Die bekommen nichts. Absolut nichts. Das ist doch mies. Migrantische und migrantisierte, rassifizierte und marginalisierte Kolleg*innen fallen entweder durch sämtliche Unterstützungsraster oder werden von mehr Kontrollen und Strukturen auch noch vermehrt diskriminiert. So viele sind jetzt so allein. Gefährlich.

20. April 2020:

Ruby: Huhu Ana, verzeih, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe. Aus Angst, dass ich mit meinen wenigen Ersparnissen nicht weit komme, habe ich gejobbt. Für Mindestlohn Regale aufgefüllt. Morgens um 5 Uhr in der Eiseskälte vor der Filiale stehen, dann die schweren Pakete verräumen, ständig Druck und Eile von den Vorgesetzten, ich wusste nicht, wo mir der Kopf steht.

Mir fehlt die Sexarbeit. Da nerven die Kund*innen zwar auch mal, aber ich hatte ganz vergessen, wie sich Fremdbestimmung für ein paar Euro pro Stunde anfühlt. Und mir fehlt die Anerkennung für meine Arbeit.

Apropos Anerkennung: Ich fasse es nicht, dass es wirklich Politiker*innen gibt, die aus dieser Krise und der Not noch eine Verschärfung der Sexarbeitsgesetze fordern. Die üblichen Gesichter, dachte ich erst, aber jetzt haben sie sich aus SPD und CDU zusammengeschlossen und fordern die Einführung der Freierkriminalisierung in Deutschland. Der Brief der 16 … Nicht genug, dass viele Kolleg*innen keine staatliche Unterstützung bekommen, nun versuchen diese Kräfte auch noch Vorteil daraus zu ziehen. Ich weiß gar nicht, ob ich wütend sein soll oder mir langsam die Hoffnung ausgeht?

Ich habe das Gefühl, die Pandemie dreht unsere Zeitrechnung 30 Jahre zurück. Alles wird ins Private und Häusliche verschoben. Weibliche Care-Arbeit wird wieder zur Norm. Gleichzeitig sind doch die meisten Pflegenden, Kassierenden und Lehrenden Frauen? Wie passt das zusammen?

Übrigens werde ich Hartz IV beantragen. Anders komm ich nicht über die Runden.

Ana: Ach Ruby, ich nehme es dir nicht übel. Es weiß doch niemand mehr, wo der Kopf steht. Ich kenne so viele Kolleg*innen, die ohne ihre Arbeit in Armut und schwere Abhängigkeiten in ungesunden Liebesbeziehungen geraten sind. Häusliche Gewalt wird immer noch als »Privatsache« abgetan. Es werden ja nicht einmal ausreichend Daten gesammelt, um zu verstehen, wie wir am besten dagegen ankämpfen können. Horst Seehofer und die FDP waren 1997 noch dagegen, Vergewaltigungen in der Ehe unter Strafe zu stellen. Und dann tun alle so überrascht von der #Metoo-Bewegung und können es gar nicht nachvollziehen. Aber wenn wir dann in der Sexarbeit arbeiten, dann ist sie auf einmal ganz wichtig, unsere vermeintliche Sicherheit. So sehr, dass unsere Arbeit einfach illegalisiert wird, obwohl sie doch unser Überleben sichert. In allen anderen Bereichen sind wir aber so oft so ungeschützt, dass selbst illegalisierte Sexarbeit manchmal die einzige (er-)tragbare Option bleibt. Und dazu übernehmen wir emotionale, Care-, soziale, reproduktive und systemrelevante Arbeit, die uns trotzdem nicht aus der Armut bringt oder eine Altersvorsorge garantiert. Nein, wir werden beschimpft oder ignoriert!

Ich kann dir deine Frage nach Hoffnung nicht beantworten. Ich habe das Gefühl, dass wir alle gerade einfach nur überleben.

Ruby: Du hast ja sooo recht. Was bedeutet denn Sicherheit? Was ist mit meiner Sicherheit, als allein lebende Single-Frau nicht unnötigen psychischen Härten ausgesetzt zu werden? Wenn sich Menschen nur im »engsten« Familienkreis treffen dürfen? Meine Familie habe ich mir selbst ausgesucht, und die ist nicht identisch mit jenen Personen, die der Staat als meine Familie bezeichnen würde. Auch da spüre ich, dass wir gerade die Uhren um mindestens 30 Jahre zurückdrehen.

Andererseits, wenn ich mir vorstelle, dass ich noch mit meinem letzten Partner zusammen wäre? Da läuft es mir eiskalt den Rücken rauf und runter. Das war so eine toxische Beziehung. Und ich bin seit Monaten fast nur zu Hause. Allein. Aber lieber allein, als einem Ansprüche erhebenden, potenziell übergriffigen Partner ausgeliefert zu sein.

Ich freu mich gerade sehr auf den 2. Juni. Zwar bin ich auch unsicher, wie es unter Pandemiebedingungen sein wird, aber ich spüre auch, dass es mir Hoffnung gibt.

2. Juni 2020:

Ana: Ruby! Wie schön dich zu sehen! Ich will zwar fragen, wie es dir geht, aber ich will heute auch einfach die Welt etwas vergessen und uns Sexarbeiter*innen feiern. Wir wissen ja alle, wie es geht. Und wie es heißt, wir seien »Superspreader«! Pah! Wir sind nicht diejenigen, die auf die Kondompflicht lieber verzichten wollen, weil es sich besser anfühlt. Wir wissen viel mehr über sexuelle Gesundheit, Safer Sex, verschiedenste erotische und sexuelle Praktiken und Hygienebestimmungen als die meisten Menschen in unserer Gesellschaft, und das schon vor der Coronakrise! Wir können so gut über Grenzen und Konsens reden, weil es Teil unserer Arbeit ist. Wie viele Menschen können nicht mal ihren Partner*innen sagen, was ihnen wie im Bett Spaß macht?! Wir sind so resilient und kreativ und stark!

Ruby: Ana ... Endlich. Ja, lass uns einfach ein bisschen die düsteren letzten Monate vergessen und die Sonne genießen.

Obwohl, hast du gehört, dass die Tätowierer*innen schon wieder arbeiten dürfen?! Das finde ich schon gewagt, denn ihren Kund*innen kommen sie ja in geschlossenen Räumen doch sehr nahe. Wie siehst du das? Ich weiß gar nicht, ob ich mir derzeit Lockerungen wünschen soll. Ich schwanke zwischen Angst, im Zweifel das Virus weiterzugeben oder selbst zu erkranken, und dem Wunsch, wieder meiner Arbeit nachgehen zu können. Ich habe gehört, dass einige Sexarbeitsorganisationen auch über Demos nachdenken.

Heute gibt es ja auch diese #RotlichtAn!-Aktion in den sozialen Medien. Ehrlich gesagt kann ich mir gerade nicht vorstellen, auf solche Demos zu gehen: Erster Punkt: Ich glaube nicht, dass Hygienekonzepte das Risiko, das Virus weiter in der Bevölkerung zu verbreiten, wirklich minimieren. Ich weiß, dass viele sich das wünschen. Ich ja auch. Aber ich befürchte, die Realität ist anders. Zweitens: Mir grummelt es im Bauch, wenn Arbeiter*innen sich danach verzehren, endlich wieder gegen Geld arbeiten zu dürfen, obwohl die Pandemie ein großes Risiko für uns alle und unsere Lieben darstellt. Ich finde das … mhm, neoliberal. Aber lass uns jetzt einfach ein bisschen den Sommer, die Huren und uns selbst feiern.

3. März 2021:

Ana: Hallo Ruby, ich habe lange über deine Worte nachgedacht. Darüber, dass sich Arbeiter*innen »verzehren«, zu arbeiten. Sexarbeit ist Arbeit. Da stehe ich voll hinter, aber Sexarbeit ist eine andere Art von Arbeit. Für mich wird mein Körper, der sonst so sehr kritisiert und herabgewürdigt wird, in dieser sexistischen Gesellschaft, auf einmal zu so etwas wie einer Oase, die Leben nährt. Und dafür kann ich, zumindest vor Corona, selbstbestimmt leben, ohne jeden Tag »auf die Arbeit« gehen zu müssen. Mein Körper wurde zu etwas, in dem ich wirklich zu Hause bin, und das spiegelt sich auch in meinen privaten Beziehungen und in meiner Verbindung zu mir selbst wider. Statt mir Gedanken zu machen, ob ich »zu dick« oder »zu dünn« bin, weiß ich, wie viel Schönheit und Gutes mein Körper in die Welt bringt. Ich weiß, dass ich aus einer privilegierten Position spreche. Ich vermisse meinen Lebensstil vor der Pandemie und wie sehr ich Menschlichkeit mit meinem Körper leben konnte, nicht das Konzept der produktiven Arbeit, um Profite für Investoren zu erwirtschaften. Ich möchte meinen Körper nicht tagtäglich dazu zwingen, Dinge tun zu müssen, die wir nicht wollen, nur um zu überleben. Deswegen bin ich doch so gerne Sexarbeiterin.

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