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Der Herausforderer

Nach vielen Jahren Dürre gibt es wieder eine russische Radsporthoffnung: Alexander Wlassow ist der zweitstärkste Mann beim Giro d’Italia

  • Von Tom Mustroph, Verona
  • Lesedauer: 4 Min.
Vor zwölf Jahren gewann letztmals ein Russe den Giro d’Italia. Alexander Wlassow will die Dürre beenden. Nur der Kolumbianer Egan Bernal liegt noch vor ihm.
Vor zwölf Jahren gewann letztmals ein Russe den Giro d’Italia. Alexander Wlassow will die Dürre beenden. Nur der Kolumbianer Egan Bernal liegt noch vor ihm.

In Italien zum Radsport ausgebildet zu werden, lohnt sich, wenn man Ambitionen auf den Sieg beim Giro d’Italia hegt. Der Kolumbianer Egan Bernal, derzeit überlegener Gesamtführender der dreiwöchigen Rundfahrt, verbrachte zwei prägende Jahre beim unterklassigen italienischen Rennstall Androni Giocattoli. Alexander Wlassow, derzeit mit 45 Sekunden Rückstand Gesamtzweiter, nahm einen ganz ähnlichen Weg für seine Lehre.

»Mein späteres Profiteam aus Russland brachte mich erst mal bei einem italienischen Juniorenteam unter. Ich war dort drei Jahre lang und musste ziemlich schnell italienisch lernen, um mit den anderen überhaupt reden zu können, aber es war eine wundervolle Erfahrung«, sagt er jetzt in perfektem Italienisch dem »nd«.

Jenes Juniorenteam war in der Nähe von Pavia untergebracht. In der Provinz lebt auch Jewgeni Bersin, einer von bislang drei russischen Giro-Siegern. Interessanterweise stammt Bersin (1994 erfolgreich) wie Wlassow aus Wyborg im Oblast Leningrad. Ein gutes Omen also für den jungen Landsmann? Nicht wirklich, wenn man ihn fragt, denn Wlassow gibt nicht viel auf derlei Zufälle. »Ich weiß natürlich, wer Bersin ist. Aber wir haben uns bisher nie getroffen, weder in Wyborg noch in Italien«, sagt er.

Für den Giro hat er sich dennoch ähnlich große Dinge vorgenommen wie einst Bersin oder die späteren russischen Giro-Sieger Pawel Tonkow und Denis Menschow. »Ich war schon im letzten Jahr mit einer guten Form hier. Dann musste ich aber mit Magenproblemen aussteigen«, blickt Wlassow zurück. Ein paar Wochen später hielt er sich bei der Vuelta schadlos und wurde guter Elfter der Spanienrundfahrt. Besonders als Tageszweiter auf dem gefürchteten Alto de Angliru beeindruckte er alle Experten.

Der Berg in Asturien ist so etwas wie das spanische Pendant zum italienischen Monte Zoncolan. Und genau der muss an diesem Samstag nun beim Giro bezwungen werden. »Ich bin ihn noch nicht selbst gefahren, auch nicht im Training. Aber von den Videos und den Erzählungen der anderen weiß ich, dass es ziemlich steil wird«, sagt Wlassow.

Besondere Ehrfurcht vor dem Gipfel mit teilweise 27-prozentigen Steigungsanteilen lässt der Russe dabei nicht erkennen. Warum auch? Lange und steile Berge liegen ihm. Im vergangenen Sommer triumphierte er auch am Mont Ventoux, einem der legendärsten Radsportgipfel in Frankreich. Beim Eintagesrennen von Vaison la Romaine hinauf zum kahlen Riesen der Provence gewann Wlassow als Solist, bezwang sogar Australiens Richie Porte und den Kolumbianer Nairo Quintana. Beim Giro wählt er stattdessen eine Schattenstrategie. »Ich habe versucht, mich etwas versteckt zu halten. Die Entscheidung beim Giro fällt doch erst in der dritten Woche«, bilanziert er die vergangenen Renntage.

Bisher liegt er voll im Plan, fährt aufmerksam, ist nicht überaktiv. Dass er als Gesamtzweiter hinter dem ein Jahr jüngeren Bernal nun doch stärker im Rampenlicht steht, verdankt er vor allem den Schwächen der anderen. Die handelten sich sowohl auf den bisherigen kurzen und mittleren Rampen teils deutliche Zeitrückstände auf Bernal ein. Und sie kamen - mit Ausnahme des Deutschen Emanuel Buchmann - auch auf dem Schotterbelag wesentlich schlechter zurecht als der Kolumbianer.

Wlassow hingegen ließ Bernal nie sehr weit weg, manchmal war er sogar dessen direkter Schatten am Berg. Auf der Rampe in Sestola auf der vierten Etappe kamen beide zeitgleich an. In San Giacomo zwei Tage später handelte sich Wlassow 17 Sekunden Rückstand ein, bei der Bergankunft in Campo Felice, die Bernal gewann, wurde Wlassow Tagesdritter mit sieben Sekunden Rückstand. Und auf dem Schotter der Toskana war er immerhin Drittbester der Klassementfahrer, 20 Sekunden hinter Buchmann, und 23 hinter Bernal.

Weil er beim Auftaktzeitfahren besser war als der Kolumbianer, kann Wlassow im Gegensatz zu Buchmann auch noch auf das abschließende Zeitfahren in Mailand hoffen. Das ist mehr als drei Mal so lang wie das zum Giro-Beginn. Der junge Russe ist derzeit also gut auf Kurs. Sein Astana-Team ist mit einer spanisch-kolumbianischen Kletterfraktion auch gut besetzt. Die Helfer weisen zwar nicht das Niveau der Ineos-Truppe um Bernal auf, aber in entscheidenden Momenten sollten sie ihren russischen Kapitän ausreichend schützen können.

Welches Potenzial die Fachwelt Wlassow zubilligt, lässt sich auch daran erkennen, dass ausgerechnet Bernals Rennstall Ineos schon länger an seiner Verpflichtung interessiert ist. Er ist gewissermaßen das Gegenbild zum Kolumbianer, der bereits in jungen Jahren als Supertalent herausstach. Wlassow indes betont seine eher langsame, stetige Entwicklung. »Ich habe nie große Sprünge gemacht. Es ging immer Schritt für Schritt, jedes Jahr ein wenig besser. Ich kam auch erst mit 23 Jahren in die Worldtour«, sagte er jüngst dem Branchendienst »Cyclingnews«. Das ist zwar immer noch recht jung. Es war früher auch das klassische Einstiegsjahr ins Profigeschäft. Jungstars wie Bernal oder Tadej Pogacar, die mit 22 oder gar 21 Jahren schon die Tour de France gewannen, haben die Verhältnisse aber mächtig verändert.

An Jahren ist Wlassow älter als die beiden Überflieger, an Erfahrung allerdings jünger. Vielleicht wird ihm die spätere Entwicklung irgendwann aber sogar zum Vorteil gereichen, sollten die anderen Sterne zu früh ausbrennen. Wenn es nach Wlassow geht, würde er aber gern jetzt schon beim Giro seinen ersten großen Sieg einfahren.

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