Der inkonsistente Universalist

War Immanuel Kant ein Rassist? Einiges spricht dafür. Doch der Philosoph widerrief seine Position, weil es eine Revolution gab

  • Von Jakob Hayner
  • Lesedauer: 6 Min.
Rosa Farbe ist auf der Statue des deutschen Philosophen Immanuel Kant
Rosa Farbe ist auf der Statue des deutschen Philosophen Immanuel Kant

Die Philosophie Immanuel Kants war lange Zeit kein Gegenstand öffentlicher Debatten gewesen. Doch mit dem neu erwachten Interesse daran, auf welch dunklem Grund die westlichen Gesellschaften errichtet wurden, womöglich auch, weil sie sich derzeit im kaum zu leugnenden Niedergang befinden, wird auch das Werk des Königsberger Philosophen wieder diskutiert. Die in zahlreichen Feuilletonbeiträgen erörterte Frage lautet, ob Kant ein Rassist war, womöglich gar ein Vordenker der Ideologien und Verbrechen des 19. und 20 Jahrhunderts. Kant, der philosophische »Alleszermalmer«, bietet Angriffsfläche - als einer der bekanntesten Protagonisten der deutschsprachigen bürgerlichen Aufklärung und Begründer einer universalen Morallehre.

Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW), die die Neuedition, Revision und Abschluss der Werke Kants betreut, hat unter dem Titel »Kant - ein Rassist?« zur interdisziplinären Diskussionsreihe geladen. Die einzelnen Veranstaltungen sind aufgezeichnet worden und lassen sich auf der Internetseite der BBAW besichtigen - eine profunde Einführung in ein diskursives Schlachtfeld. Problemlos lassen sich die Frontverläufe ausmachen: Auf der einen Seite die an postkolonialer Theorie geschulten Attacken, munitioniert mit für sich selbst sprechenden Zitaten, die das Denken Kants als solches diskreditieren sollen. Und auf der anderen Seite die Versuche, den moralischen Universalismus zu verteidigen, auch mit dem Hinweis, Kants Bemerkungen über Menschenrassen seien in seinem Werk nur randständig, was im Vergleich beispielsweise zu Arthur de Gobineau - dem Verfasser des berüchtigten »Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen« - und Houston Stewart Chamberlain zweifelsfrei zutreffend ist. Außerdem ließen sich bei Kant auch gegenteilige, also rassismuskritische Äußerungen finden. Wem soll man bei dieser widersprüchlichen Ausgangslage also Glauben schenken?

Das Problem liegt in der Sache selbst. Das ist zumindest die These von Pauline Kleingeld, die auch an der BBAW vorgetragen hat. Kleingeld ist eine renommierte Kant-Forscherin, Professorin für Philosophie der Universität Groningen und Mitglied der Kant-Kommission der BBAW. Früher war sie die Präsidentin der North American Kant Society, vor ein paar Jahren hat sie ein Buch über Kant und den Kosmopolitismus veröffentlicht. Kleingeld untersucht Kants Denken ab 1781, dem Beginn der sogenannten kritischen Periode. Erwacht aus dem »dogmatischen Schlummer«, wie Kant es selbst nennt, widmet er sich nun den Fragen der Zeit. In »Bestimmung des Begriffs einer Menschenrace« (1785) schreibt er über Vererbungslehre, lange vor den bahnbrechenden Arbeiten von Gregor Johann Mendel und Charles Darwin. Ein Bezugspunkt war der bekannte Anthropologe und Zoologe Johann Friedrich Blumenbach, der immerhin im Unterschied zu anderen Vertretern seiner Zunft eine Hierarchisierung von »Menschenrassen« ablehnte und von einem gemeinsamen Ursprung ausging. Kant unterscheidet zwischen »Varietäten«, »Gattung« und »Rassen«. »Physische Eigenschaften, die notwendigerweise vererbt werden, die aber keine Merkmale der gesamten Gattung sind, definieren verschiedene Rassen«, paraphrasiert Kleingeld. Darunter fällt Hautfarbe. Wenn Kant hier »Rasse« sagt, so bezieht er sich auf die Vererbbarkeit dieses biologischen Merkmals. Alle »Rassen« gehören für ihn aber fraglos zur gleichen menschlichen Gattung, unter anderem weil sich alle Menschen untereinander fortpflanzen können. Das ist nach Kleingeld die Ebene der Physiologie bei Kant.

Es gibt aber auch noch eine weitere Ebene - und die ist weitaus weniger wissenschaftlich inspiriert. In »Über den Gebrauch teleologischer Prinzipien in der Philosophie« (1788) beruft sich Kant auf eine Hierarchie der »Rassen«, um die europäische Kolonialherrschaft zu rechtfertigen. Drastische Formulierungen diesbezüglich lassen sich auch in seiner »Physischen Geographie« finden, wobei es sich dabei um die Veröffentlichung von weitaus früheren Vorlesungsnotizen handelt, zudem nicht von Kant selbst ediert. Doch es ist unstrittig: Wenn Kant beispielsweise über die Zuckerinseln - Kuba oder Haiti - schreibt, nimmt er die Perspektive der Sklavenhalter ein und legitimiert diese, indem er schwarze Menschen herabwürdigt. Eine solche moralische Interpretation einer biologischen Differenz ist nicht anders als rassistisch zu nennen. Doch zugleich ist das schwer mit seiner Formulierung aus der »Grundlegung der Metaphysik der Sitten« (1785) zusammenzubringen: »Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.« Sklaverei wäre damit unvereinbar.

Dann aber passiert etwas, das Kleingeld als »Kants innere Revolution« ab 1794 bezeichnet. Unter dem Eindruck der Französischen und Haitianischen Revolution habe Kant in den 1790er Jahren ernsthaft an einer Rechts- und politischen Philosophie zu arbeiten begonnen. Freiheit und Gleichheit waren seine neuen Ideale. Er verzichtete fortan auf jegliche Rassenhierarchie und entsprechende Äußerungen. Doch nicht nur das: »Er hat auch eingesehen, dass die wirkliche Überwindung des Rassismus in seiner Philosophie mehr erforderte als nur die Streichung der Hierarchie: Zum Beispiel hat er die neue Kategorie des Weltbürgerrechts eingeführt und den Kolonialismus aktiv und explizit verurteilt«, so Kleingeld. Das Weltbürgerrecht garantiert nach Kant jedem »Erdbürger« die gleichen Rechte. Und in seiner Schrift »Zum ewigen Frieden« (1795) heißt es über die Zuckerinseln: »Das Ärgste hiebei (oder, aus dem Standpunkte eines moralischen Richters betrachtet, das Beste) ist, daß sie dieser Gewaltthätigkeit nicht einmal froh werden, daß alle diese Handlungsgesellschaften auf dem Punkte des nahen Umsturzes stehen, daß die Zuckerinseln, dieser Sitz der allergrausamsten und ausgedachtesten Sklaverei, keinen wahren Ertrag abwerfen.« Für den Bürger, der Kant nun einmal war, wird das Verbrechen noch grausamer, indem es sich nicht einmal mehr lohnt. Aber auch abseits davon spricht aus diesen Zeilen eine deutliche Verurteilung der Sklaverei. Den Kolonialismus erklärte er für mit dem Weltbürgerrecht unvereinbar - also zum Verbrechen.

Kant verändert seine Haltung zu Sklaverei und Kolonialismus sowie der dies rechtfertigenden Hierarchisierung von vermeintlichen Menschenrassen deutlich. Das erklärt zum einen die verhärteten Fronten im argumentativen Stellungskrieg mit wechselseitigen Zitatbeschuss, denn jede Seite wird je nach Schaffensphase Formulierungen finden, welche die eigene Sicht unterstützen. Es ist aber zum anderen - und das ist weitaus wichtiger - ein Hinweis darauf, dass das beste Mittel gegen rassistisches Denken noch immer eine soziale Revolution sein dürfte, die einer solchen Ideologie die materielle Grundlage entzieht. Kant kommt am Ende seines Lebens und seines philosophischen Denkens zu einem politischen und rechtlichen Universalismus. Der ist aber keinesfalls unproblematisch. Kleingeld verweist darauf, dass eine ähnliche innere Revolution bei ihm bezüglich der vergeschlechtlichten Arbeitsteilung ausgeblieben sei. Sie bezeichnet Kant als einen »inkonsistenten Universalisten«. Diese Inkonsistenzen aber, so sollte und muss man es wohl verstehen, sind eine Herausforderung für jedes neue universalistische Denken. Immerhin kamen nach Kant dann Hegel, Marx und Lenin.

Der Widerspruch in Kants Schriften sollte nicht dazu verführen, ihn in Gänze zu verwerfen. Denn Kants Werk vermittelt, so Marcus Willaschek, Professor für Philosophie der Neuzeit an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Vorsitzender der Kant-Kommission der BBAW, »trotz seiner rassistischen und anderen Fehlurteile das Bild eines Autors, der sich ernsthaft und aufrichtig bemühte, mit seinem Werk einen Beitrag zum ›Fortschreiten des menschlichen Geschlechts zum Besseren‹ zu leisten.« Und dass Kants Morallehre auch heute noch Grundlage anregender Relektüren sein kann, hat die slowenische Philosophin Alenka Zupančič mit »Das Reale einer Illusion« gezeigt - einem großartigen Essay über die revolutionäre Idee des moralischen Gesetzes. Abschließend gefragt: War Kant also ein Rassist? Ja, auch. Aber nicht nur. Er kam eben zu einer Selbstkorrektur seines Denkens, die über einen Verzicht auf rassistische Sprache hinausging: Er versuchte sich an einer philosophisch-politischen Überwindung der Abgründe, in die er selbst geraten war. Er war also ebenso auch Antirassist, indem er eine geistige Grundlage für die Kritik antiuniversalistischer Praxis schuf. Eine solche über sich hinaus weisende Selbstkritik könnte auch der Maßstab für einen heutigen Universalismus sein.

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