Gediegener Dad-Metal

Plattenbau

  • Von Benjamin Moldenhauer
  • Lesedauer: 3 Min.

Heavy Metal ist eines der heimeligsten Genres. Man findet sich zurecht, alles hat seine Ordnung und ist klar definiert, bis ins die feingliedrigste Subgenre-Verästelung hinein. Das gilt auch für die Musik selbst: zusammengesetzt aus ohne Weiteres abgrenzbaren Klangblöcken und Mustern, nichts fließt oder schwimmt gar ineinander. Im Falle von »Fortitude«, dem siebten Album der französischen Avant-Death-Metal-Band Gojira, groovt sie immer wieder sehr massiv, mit in einer Schwere, die an Sepultura zu Zeiten des »Roots Bloody Roots«-Album erinnert, was ja nicht der schlechteste Anknüpfungspunkt ist.

Bei Sepultura kippten der Sound und, vor allem, der Gesang immer wieder ins Extremistische. Gojira wollten auf ihren frühen Alben noch ähnliche Energien freisetzen. Der Song »Flying Whales« beispielsweise, zu finden auf dem 2005 erschienenen Album »From Mars to Sirius«. Der Mensch ist von Übel, alles macht er kaputt, aber irgendwann wird sich sein Verbrechen an der Natur rächen und ihm alles um die Ohren fliegen: »Beneath the seas, I searched and had a different view / Of us, on Earth, the sinking ship of men«. Die gesungene Drohung wird von Gitarre und Schlagzeug gewaltig unterstrichen. »Flying Whales« kulminiert in einer Phantasie von fliegenden Walfischen im die Natur erlösenden Licht. Zu dem mystisch aufgeladenen, der eigenen Gattung nicht gerade freundlich zugetanen Geschimpfe dreschen alle Instrumente sehr komplexe Rhythmen und Läufe. Gojira spielten damals einen technisch versierten, progressiven Metal, hin und wieder tatsächlich polyrhythmisch und breaklastig und vor allem niemals langweilig.

Beides, die musikalische Komplexität und der umweltschützerisch aufgepeitschte Hass auf die Gattung sind inzwischen, nach zwanzig Jahren Bandgeschichte, ziemlich runtergedimmt. Das kündigte sich auf dem Vorgänger »Magma« bereits an, »Fortitude« ist jetzt so eine Art Dad-Metal-Album geworden. Songs wie »The Chant«, »New Found« und »Another World« wumpern im gediegenen Midtempo vor sich hin, mit gemeinschaftsstiftenden Mitsingchor, wie für die großen Stadien geschrieben, in denen Gojira inzwischen ja auch spielen. Bei den ersten Stücken, »Born for One Thing« und »Amazonia« schimmert noch etwas Hass durch. »The greatest miracle / Is burning to the ground«, singt Sänger Joe Duplantier, und man möchte beim Hören jedem, der seine profitgierige Hand an einen Regenwaldbaum legt, mit der Luftgitarre zusammenschlagen.

Alles in allem aber ist »Fortitude« doch vergleichsweise gediegen geraten, womit wir wieder beim Anfang wären: Das Paradoxe am Heavy Metal ist, dass er so überschießend und extremistisch daherkommt, bei gleichzeitig strukturierendem und stabilisierendem Potenzial. Musik, die Ordnung schafft, für einen Moment. Sollte dann doch einmal alles real über Kopp gehen, wenn die Meere über die Ufer treten, Wale durch die Luft fliegen und die Durchschnittstemperatur bei vierzig Grad oder so liegt, empfiehlt Duplantier im »Visions«-Magazin eh das Messer statt der Gitarre: »Mit einer Gitarre könnte ich mich nicht verteidigen, kein Holz bearbeiten.« Das ist natürlich völlig richtig und ein guter Rat. Bis es so weit ist, kann man es sich mit der Musik von Gojira noch ein bisschen gemütlich machen.

Gojira: »Fortitude« (Roadrunner Records /WMG )

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