Der Trend zum Rot

AOK-Report: Klimawandel gefährdet vor allem die Gesundheit von Älteren - und die von schlecht Informierten

  • Von Ulrike Henning
  • Lesedauer: 3 Min.
Klimawandel und Gesundheit: Der Trend zum Rot

Die globale Erwärmung schreitet voran. Sehr gut ersichtlich ist das an einer Grafik, in der nebeneinanderliegende Streifen je nach Mitteltemperatur des jeweiligen Jahres eingefärbt sind. Die Abbildung erfasst die Jahre 1881 bis 2019. Auf der Webseite https://showyourstripes.info kann der Verlauf nach Kontinenten, Staaten sowie weltweit betrachtet werden. Für Deutschland ist das linke Drittel der Grafik noch kühl blau-weiß gefärbt, in der Mitte kommen Blassrosa und Orange ins Spiel, rechts dann überwiegen die Rottöne. Neun der zehn wärmsten Jahre seit 1881 in Deutschland sind nach dem Jahr 2000 aufgetreten, erklärt Alexandra Schneider, Meteorologin und Epidemiologin vom Helmholtz-Zentrum München. Sie ist Mitherausgeberin des Versorgungs-Reports »Klima und Gesundheit« des Wissenschaftlichen Institutes Wido der AOK. Vorgestellt wurde der fast 300 Seiten starke Band am Dienstag in Berlin.

Der Trend zum Rot bedeutet laut Schneider für unsere Region: intensivere Hitzeperioden, mehr Waldbrände, Dürrezeiten, weniger Frost und Schnee im Winter, mehr kurzfristige Temperaturschwankungen. Alle diese Erscheinungen haben Einfluss unter anderem auf die kardivaskuläre und mentale Gesundheit, nicht zu vergessen jene der Atemwege. Ablesbar ist das schon an bestimmten Versorgungsdaten oder der Zahl der hitzebedingten Todesfälle. Letztere wurde im »Lancet Countdown 2020« für das Hitzejahr 2018 in Deutschland mit 20 200 angegeben, bezogen auf Verstorbene im Alter von über 65 Jahren. Damit lag die Bundesrepulik weltweit auf Platz drei, wie die Wissenschaftlerin berichtet, hinter China und Indien und noch vor den USA mit fast 19 000 hitzebedingten Todesfällen im genannten Jahr.

Aber: Es wird nicht nur wärmer und immer häufiger auch heiß. Neben höheren Temperaturen, auch mit länger andauernden Hitzewellen als bisher gewohnt, können sich bestimmte krankheitsübertragende Insekten weiter ausbreiten; der Pollenflug wird ebenfalls stärker und setzt früher ein. Effekte von Feinstaub und bodennahen Emissionen kommen hinzu. Für die Verstärkung all dieser Faktoren sind Anpassungsmaßnahmen zu entwickeln, fordert Schneider, unter anderem Ärzte sieht sie in der Verantwortung.

Der Klimawandel führt nach Untersuchungen von Nicolas Koch, Forschungsleiter am Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change vor allem für Ältere zu mehr »Hitzestress« und damit zu erhöhten Patientenzahlen in den deutschen Kliniken. Demnach sind durch Hitzefolgen an jedem extrem heißen Tag 40 zusätzliche Klinikeinweisungen pro eine Million über 65-jähriger Patienten zu erwarten. Im Schnitt werden sonst täglich 1350 Personen stationär aufgenommen. »Rund drei Prozent der klinisch versorgten Personen gehen an heißen Tagen auf das Konto von Hitzestress«, so Koch. Die Daten zeigten auch, dass ein Viertel der rund 18 Millionen über 65-Jährigen in Deutschland überdurchschnittlich hitzegefährdet ist.

Zu den Risikofaktoren gehören neben dem höheren Alter, auch bestimmte Krankheitsbilder. Demenzerkrankte etwa sind nur eingeschränkt zum Selbstschutz in der Lage; bei ihnen kommt es häufiger zu lebensgefährlichen Dehydrierungen durch zu geringe Trinkmengen. Zu den ökonomischen Risikofaktoren zählt die Qualität der Wohngebiete: Wenn dort eine höhere Altersarmut herrscht, weniger professionelles Pflegepersonal im Einsatz ist, wird offenbar der Gefährdung durch Hitze weniger ernst genommen.

Demnach gibt es Nachholbedarf bei der Verbreitung entsprechender Informationen, einschließlich der Schutzmöglichkeiten, wie eine Wido-Umfrage zeigte. Bei Umweltereignissen wie Hitze oder Unwetter zeigt fast ein Drittel der Befragten klaren Informationsbedarf. Noch deutlicher zeigen sich Defizite bei Umweltereignissen, deren Auswirkungen durch den Klimawandel verstärkt werden, wie erhöhte Belastung durch Luftverschmutzung, Pollenallergene oder durch Wasser und Lebensmittel übertragene Krankheitserreger. 40 bis 50 Prozent der Befragten geben an, hierzu zu wenig zu wissen; ein sehr großer Teil macht sich auch Sorgen deshalb. Entsprechende Warn- und Informationsdienste würden hingegen kaum genutzt, bis zu 87 Prozent der Befragten kannten sie gar nicht und waren auch nicht an deren Nutzung interessiert. In Sachen Aufklärung und Kommunikation gibt es also noch Reserven.

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