Tausende Wohnungen statt Autopiste

Der Protest gegen die Treptower Autobahnverlängerung wird nicht abreißen

  • Bosse Kröger
  • Lesedauer: 3 Min.

»Wir wollen den Schwung aus dem Aktionswochenende mitnehmen«, sagt Katalin Gennburg, Stadtentwicklungspolitikerin der Linken im Abgeordnetenhaus. »Grünflächen, Wohnungsbau, Stadt der kurzen Wege – oder Betonwüste? A100 zurückbauen!«, unter diesem Motto wird am Mittwochabend diskutiert. Die Baustelle der A100-Verlängerung von Neukölln zum Treptower Park ist am vergangenen Wochenende besetzt worden, außerdem gab es große Fahrraddemos. »Das hat mir und vielen Menschen in meinem Wahlkreis in Treptow Hoffnung gegeben«, so Gennburg. Viele hätten wegen der Starrsinnigkeit der Autobahnbefürworter schon lange die Waffen gestreckt. Nun sei frischer Wind in die Sache gekommen.

Um diesen Wind am Wehen zu halten, hat die Parlamentarierin vier Vertreter*innen aus der Berliner Zivilgesellschaft und Klimaszene zum Podiumsgespräch geladen. Sie diskutieren alternative Nutzungen für die bereits versiegelten Flächen entlang der S-Bahn.
Dass der Wind ausreicht, um das Blatt noch zu wenden, hofft Tilmann Heuser von Umweltverband BUND Berlin. Der Kampf gegen einmal beschlossene Bauvorhaben sei oft der Kampf gegen Windmühlen. Bundesweit scheitere man dabei nicht an grundsätzlichen Meinungsverschiedenheiten, sondern an Wahlkreisinteressen einzelner Abgeordneter der Regierungsfraktionen und der Trägheit der Beamten, so der Umweltschützer. Ihm jedoch ist klar: »Es sollte nicht in Autobahnen, sondern in die Zukunft investiert werden.«

Eine Möglichkeit erläutert Tim Lehmann vom Institut für urbane Mobilität. Er schlägt den Bau von bis zu 8800 Wohnungen auf der sechs Kilometer langen Schneise vor. »Mobilität, Klimakrise und Wohnproblematik müssen zusammen gedacht werden.« Angesichts der Baulandknappheit hält er den Autobahnbau für Platzverschwendung. »Bevor über die Bebauung von Flächen wie dem Tempelhofer Feld diskutiert wird, die den Leuten Lebensqualität bieten, nutzen wir doch lieber die Fläche der Autobahn«, so der Stadtplaner.

Dem stimmt auch Brit Beneke von der Initiative »A100 stoppen!« zu. Seit über einem Jahrzehnt engagiert sie sich gegen den Bau. Für sie ist das neue Aktionsbündnis, das die Blockaden organisiert hat, Grund zur Hoffnung. »Das hat den Protest endlich auf breitere Beine gestellt.« Mit einem Protestwochenende sei es jedoch nicht getan. »Wir werden viel Beharrlichkeit und Ausdauer brauchen, wenn wir die nächsten Bauabschnitte noch verhindern wollen«, so Benecke.

Bei diesem Kampf kann sie sich auf ihre Genoss*innen von »Sand im Getriebe« verlassen. Die Anti-Auto-Aktivist*innen kommen aus Klimagruppen wie Ende Gelände und Fridays for Future und fordern ein radikales Umdenken in der Verkehrspolitik. Deren Vertreterin Lara Eckstein stellt am Mittwoch klar, dass die Aktionen vom Wochenende erst der Anfang waren. »Wir freuen uns auf den Herbst, wir werden weiter ungehorsam sein.« Die Klimabewegung habe während der Coronapause nicht geschlafen, sondern Bündnisse und Pläne geschmiedet. Mit einer deutlichen Spitze gegen die bisherige Politik der Linkspartei und Grünen verweist sie auf die Kompromisslosigkeit der Klimakatastrophe. Die kommenden Wahlen seien auch Klimawahlen, so die Aktivistin. »Da dürfen wir uns auf keinen Fall auf faule Kompromisse mit der SPD einlassen«, so Eckstein.

Diesen Freitagnachmittag wird wieder für die Verkehrswende demonstriert. In sechs Bezirken prangert Changing Cities den mangelnden Fortschritt beim Ausbau der Radinfrastruktur an. »Die Berliner*innen werden im September mehrheitlich für die Verkehrswende abstimmen – und diejenigen abstrafen, die diese blockieren«, sagt Ragnhild Sørensen, Sprecherin von Changing Cities.

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