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Auch in Hamburgs Umland wird es teurer

Eine Studie belegt, dass es in der Hansestadt weiter schwierig ist, bezahlbaren Wohnraum zu finden

  • Von Volker Stahl, Hamburg
  • Lesedauer: 4 Min.

Die alljährlich vom Oberstufen-Geografiekurs des Gymnasium Ohmoor präsentierte Studie zum Hamburger Wohnungsmarkt wartete kürzlich bei der Online-Präsentation mit überraschenden Ergebnissen auf: Während die Angebotsmieten in der Hansestadt durchschnittlich um fünf Cent auf 13,40 pro Quadratmeter sanken, verzeichneten die Umlandkreise einen deutlichen Anstieg um durchschnittlich 2,6 Prozent auf 9,81 Euro. Erstaunlich ist auch, dass die Fläche der in Hamburg inserierten Wohnungen seit 2018 von 85 auf aktuell 70 Quadratmeter abgenommen hat, was dem Trend in Großstadtgesellschaften zu zunehmenden Single-Haushalten geschuldet sein dürfte. In Hamburg gibt es 56 Prozent Ein-Personen-Haushalte, Tendenz steigend.

Die 21 Schülerinnen und Schüler analysierten zuerst Wohnungsinserate auf verschiedenen Immobilienportalen und pflegten die Parameter Ort, Zimmer, Fläche und Mietpreis in einen Tabellenkalkulator ein. Zusammen mit vom Internetportal immowelt.de für die Monate Februar und März 2021 zur Verfügung gestellten weiteren Daten konnten die Elftklässler 7136 Mietpreisangebote nach geografischen Gesichtspunkten auswerten, davon 4283 aus Hamburg.

Bei ihren Untersuchungen kamen die Kursteilnehmer zu einigen interessanten Ergebnissen. Günstiger Wohnraum für weniger als zehn Euro ist in der Hansestadt oft nur noch südlich der Elbe zu finden. Trotz einiger Ausschläge der Mietpreise nach oben seien »die billigen und teuren Quartiere nicht auseinandergedriftet, eine Segregation ist nicht festzustellen«, erklärte Ohmoor-Lehrer Carl-Jürgen Bautsch.

Dennoch warnte Siegmund Chychla, der Vorsitzende des Mietervereins zu Hamburg, vor allzu großer Euphorie: »Die aktuelle Atempause für Hamburgs Mieterhaushalte dürfte überwiegend auf die Corona-Pandemie und das schwindende Zahlungsvermögen der Wohnungsinteressenten zurückzuführen sein.« Einen Grund für Entwarnung gebe es daher nicht, denn aktuell fehlten immer noch rund 30 000 bezahlbare Wohnungen, vornehmlich für Obdachlose, anerkannte Asylbewerber, kinderreiche Familien mit schmalem Einkommen und Geringverdiener.

In Anbetracht der Tatsache, dass ein Drittel der Hamburger Haushalte über ein monatliches Einkommen von höchstens 1600 Euro netto verfügt, forderte Chychla den jährlichen Neubau von 10 000 neuen Wohnungen, davon 50 Prozent im geförderten Segment: »Bei einem so geringen Einkommen muss man eigentlich hungern, um sich die hohe Miete in Hamburg leisten zu können.« Kein Wunder, so der Mietervereinschef, dass sich vor allem Familien seit vier, fünf Jahren wieder verstärkt in Richtung Umland orientieren.

Doch an Hamburger Preise müssen sich langsam auch die Interessenten gewöhnen, die eine Wohnung im Speckgürtel der Elbmetropole suchen. In einigen Landkreisen dieser Region mussten Neumieter zuletzt zwischen 8,67 Euro (Stade) und 10,68 Euro (Storman) pro Quadratmeter bezahlen. Während sich Winsen »nur« um 1,4 Prozent verteuerte, stiegen die Mietpreise in Pinneberg um 2,5 Prozent und in Segeberg um satte 4,5 Prozent.

Kritik an der Studie der Schülerinnen und Schüler äußerte Andreas Breitner, Direktor des Verbands norddeutscher Wohnungsunternehmen (VNW), dessen Mitglieder über 300 000 Wohnungen verfügen: »Die Zahlen aus Ohmoor sind leider nicht repräsentativ und spiegeln nicht die Wirklichkeit des Hamburger Wohnungsmarktes wider, weil sie ausschließlich aus Immobilienangeboten erstellt wurden.« In den vom in Breitners Verband organisierten Unternehmen erstmals vermieteten Neubauwohnungen betrage die monatliche Nettokaltmiete durchschnittlich 9,65 Euro pro Quadratmeter, bei wieder vermieteten Bestandswohnungen 7,65 pro Quadratmeter. Was VNW-Chef Breitner aber nicht erwähnte: Dabei handelt es sich in nicht unerheblichem Maß um mit öffentlichen Mitteln geförderte Genossenschaftswohnungen.

In der vergangenen Woche war bekannt geworden, dass der Hamburger Senat und die Wohnungswirtschaft der Hansestadt ein neues »Bündnis für das Wohnen« geschmiedet haben. Nach der 2016 beschlossenen zweiten Auflage des Bündnisses sollen Baugenehmigungen für mindestens 10 000 Wohneinheiten jährlich ermöglicht werden, 3000 davon sollten geförderte Mietwohnungen mit Mietpreis- und Belegungsbindung für Haushalte mit kleinen und mittleren Einkommen sein. Die Bündnispartner hatten außerdem vereinbart, zusammen Lösungen zu erarbeiten, um den Energieverbrauch der Gebäude zu senken, die Energieeffizienz zu steigern sowie den Anteil erneuerbarer Energien zu erhöhen.

Kleinstadt Klingenthal verkauft kommunale Wohnungen. Die vom demografischen Wandel stark betroffene sächsische Kleinstadt Klingenthal trennt sich von allen städtischen Wohnungen

»Unverändert wird der größte Teil der Neubauwohnungen zum teuren Preissegment gehören«, kritisierte Heike Sudmann, wohnungspolitische Sprecherin der Linksfraktion in der Bürgerschaft. Anstatt mehr Sozialwohnungen für 6,80 Euro/qm nettokalt beim 1. Förderweg zu schaffen, setze der Senat aus SPD und Grünen auch noch verstärkt auf den sogenannten 2. Förderweg, der 8,90 Euro/qm nettokalt bedeutet. Bei rund 40 Prozent der Hamburger Haushalte, die aufgrund ihres geringen Einkommens den 1. Förderweg beanspruchen könnten, sei das ein falscher Weg, meinte Sudmann.

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