Ein Hufeisen weist den Weg

Camí de Cavalls: Auf Menorca wurde ein alter Pferdeweg wiederbelebt, um Wanderer und Radler anzulocken

  • Von Christian Schreiber
  • Lesedauer: 6 Min.
Manchmal dauert die Radtour länger als geplant: Die schönen Buchten Menorcas laden zum Baden und Verweilen ein.
Manchmal dauert die Radtour länger als geplant: Die schönen Buchten Menorcas laden zum Baden und Verweilen ein.

José und Jorge sind nackt. Sie schwimmen langsam durch die Bucht von Cala del Pilar. Badehosen haben sie nicht in den Rucksack gepackt, als sie heute Morgen mit dem Mountainbike aufgebrochen sind. »Die Schwimmsachen waren zu schwer«, scherzt Jorge. Dabei dürfen die beiden Spanier das, was sie sich vorgenommen haben, tatsächlich nicht auf die leichte Schulter nehmen. Sie wollen Menorca auf dem historischen »Camí de Cavalls« umrunden, dem historischen Pferdeweg, der unter großen Anstrengungen in den vergangenen Jahren wiederbelebt wurde. Pferde sieht man bei der Tour kaum. Dafür umso mehr Wanderer. Offiziell sind es 20 Abschnitte mit rund 185 Kilometern. Selbst wer zügig unterwegs ist, muss eine gute Woche planen, um Menorca zu Fuß zu umrunden. Deswegen kommen nun immer mehr Mountainbiker. Sie schaffen die Tour in drei Tagen, da bleibt noch genügend Zeit für Sonne und Strand oder die Hunderte Kilometer zusätzlicher Wege, die auf Menorca autofrei sind.

Die beiden Freunde sind zwischenzeitlich aus dem Wasser gestiegen und haben ihre engen Radhosen übergestreift. Vor ihnen liegt einer der spektakulärsten Wegabschnitte im Norden von Els Alocs nach Cala Morell mit steilen Klippen, grandiosen Aussichtstürmen aus rotem Fels und blauen Wellen, die über den gelbsandigen Strand lecken.

Der Pferdeweg ist nah am Wasser gebaut. Nur wenn es ein hoher Berg oder ein tief eingeschnittener Canyon verlangen, geht er einen Kompromiss ein und weicht ins Landesinnere aus. Für Wanderer sind keine großartigen Schwierigkeiten dabei. José und Jorge hingegen kommen gelegentlich an knifflige Stellen für Radfahrer, wo sie absteigen und schieben. »Das gehört dazu. Auch in der Sierra Nevada müssen wir unsere Bikes schon mal schultern«, sagt José. Der unermüdliche Tramuntana-Wind und das salzige Meerwasser haben im Norden Menorcas eine raue Landschaft geformt. Es halten sich nur tapfere Gesellen wie Meerlavendel, Meerfenchel und Heidebüsche auf den kargen Felsen. Sie vertragen die salzige Luft. Der kräftige Geruch von Beifuß und Rosmarin begleitet die beiden Mountainbiker, die schon nach kurzer Zeit wieder rote Waden haben. Schuld ist nicht die Sonne, sondern das korallenhaltige Gestein, das munter vor sich hin staubt.

Zum Ende hin wendet sich der Weg von Meer und Sanddünen ab und führt zwischen Steppenhügeln hindurch in einen Steineichenwald, in dem sich kräftige Anstiege und zackige Abfahrten aneinander reihen. Auf dem Fahrrad kann sich das Szenario innerhalb von Sekunden wandeln. Der größte Unterschied wird aber deutlich, wenn man den Süden Menorcas erreicht hat. Der Wind ist freundlicher, die Landschaft flacher - wenngleich der »Camí de Cavalls« ein ständiges Auf und Ab bleibt. Abfahrt bedeutet oft, dass man in einer geschützten Badebucht landet. Zwischen hohen Felsen breitet sich ein weißer Sandteppich aus, auf dem meistens nur wenige Sonnenanbeter schlummern, weil der nächste Parkplatz stets einige Kilometer entfernt ist. Auf der zehn Kilometer langen Passage zwischen Son Saura und Cala Galdana passieren José und Jorge fünf Buchten. Heute haben sie ihre Badehosen eingepackt und brauchen deutlich länger für die Etappe als sie eingeplant haben. »Es ist jedes Mal so schön, dass man einfach ins Wasser muss«, sagt José.

Bei der kompletten Umrundung Menorcas kommt man nur an einzelnen Strandbars vorbei, ansonsten befindet man sich weitab der Zivilisation - sieht man einmal von den beiden Städten Ciutadella de Menorca und Mahón sowie den Ferienanlagen im Südosten der Insel ab. Aber die Infrastruktur und Angebote rund um den ehemaligen Pferdeweg haben sich deutlich verbessert. Die Beschilderung ist sogar übertrieben gut: Alle 50 bis 70 Meter weist ein Holzpfosten mit Hufeisen-Logo den Weg. Mittlerweile gibt es auch einen Service für Gepäcktransport, den Ronald Fritz mit seinen Mitstreitern der »Coordinadora del Camí de Cavalls« vorangetrieben hat.

Menorca: Ein Hufeisen weist den Weg

Der Österreicher, der vor mehr als drei Jahrzehnten auf die Insel kam, schloss sich der Bürgerbewegung Menorca an und kämpfte dafür, dass Touristen den Weg wieder lückenlos bewandern können. Die ersten Etappen waren noch einfach zu meistern. Es genügte, zu den Bauern zu marschieren und sie um Erlaubnis zu bitten, über ihr Grundstück laufen zu dürfen. Wenngleich sie sich herrlich über die Wanderer um Fritz amüsierten. »Als wir weiterzogen, haben sie über uns gelacht und sich an den Kopf gelangt, dass jemand freiwillig, ohne Grund, läuft.«

Die Bürgerbewegung setzte ein Puzzlestück an das andere, aber der Gegenwind wurde immer heftiger. Es gab Demonstrationen, juristische Auseinandersetzungen, am Ende sogar Enteignungen. Letztlich ging es um ein historisches Erbe, dass man Touristen zugänglich machen wollte. Die Wurzeln des Pferdeweges reichen laut der »Coordinadora del Camí de Cavalls« bis ins 13. Jahrhundert zurück, als die Spanier den Mauren die Insel abjagten. In der Folge hätten sie bewaffnete Reiter eingesetzt, die die Insel im Galopp umrundeten, um angreifende Schiffe frühzeitig zu entdecken.

Mittlerweile ist der Pferdeweg einer der Hauptattraktionen Menorcas, das ohnehin schon stark auf Naturtourismus setzt und seine Landschaftsschutzgebiete vorbildlich hütet. »Wir wollen und brauchen touristischen Erfolg, aber nicht wie auf Mallorca«, sagt Fritz und deutet gen Westen, wo sich die Silhouette der großen Schwester abzeichnet. 43 Prozent der Landoberfläche Menorcas stehen unter Naturschutz, an der Küste sind es gar 70 Prozent. Es gibt 60 Buchten, 80 Prozent von ihnen sind unberührt geblieben. Deswegen kann es leicht passieren, dass aus einer dreitägigen Inselumrundung mit dem Mountainbike eine viertägige wird. Auch José und Jorge kommen später an als geplant. Sie haben sich fest vorgenommen, den morgigen Tag in der Hotelanlage zu nutzen, um im Pool zu schwimmen und in der Sonne zu entspannen. Zum Abschied sagt Jorge: »Aber übermorgen geht es wieder aufs Rad. Es gibt ja noch so viele Routen auf Menorca.«

Tipps

Anreise: Direktflüge z. B. mit Easyjet ab Berlin nach Menorca. Retourticket zum Teil unter 100 €. www.easyjet.com Pauschal: Der Veranstalter Rhomberg hat einen eigenen Menorca-Katalog aufgelegt. Flüge u. a. ab Berlin nach Menorca. Zahlreiche Hotels/Appartements und Ferienhäuser stehen zur Wahl. Eine Woche (Flug, Transfers, Unterkunft) ab etwa 800 €. www.rhomberg-reisen.com

Unterkunft: Hotel »Artiem Audax« (Cala Galdana): umfangreiche Buffets, sehr gutes Biker-Frühstück, großzügige Zimmer, Mountainbike-Verleih im Haus. Geführte Touren und Aktivitäten. DZ ab rund 120 €/Nacht. www.artiemhotels.com Unterkünfte entlang der Strecke Torre de Fornells (Ses Salinas): www.hostalportfornells.com Sethotels (»Ciutadella« und »Mahon«): www.sethotels.com; Hamilton (S+anto Tomas): www.hamiltoncourt.com

Touren, Gepäcktransport, Wanderungen, Kajak und Trailrunning: www.camidecavalls360.com

Reiten auf dem Camí de Cavalls: www.cavallssonangel.com

Die Recherche wurde unterstützt von Rhomberg Reisen.

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