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Verkohlte Bäume sprießen wieder

Nach den Bränden im vergangenen Herbst ziehen Betroffene in der syrischen Provinz Latakia Bilanz

  • Von Karin Leukefeld, Latakia
  • Lesedauer: 7 Min.
Nach den Bränden sieht es fast überall noch trostlos aus.
Nach den Bränden sieht es fast überall noch trostlos aus.

»Es war Anfang Oktober. Früh am Morgen schreckten wir von einem Alarm auf und fanden uns von Feuer umringt. Alles, was wir tun konnten, war, die Menschen zu retten und den Flammen den Weg in die Dörfer zu versperren.«

Fadi Salah ist Bürgermeister von Al-Haffah, einem kleinen Ort in den östlichen Bergen der Provinz Latakia, die sich am Mittelmeer entlangzieht. Der Ort hat rund 10 000 Einwohner oder 2000 Familien, wie man in Syrien rechnet. Die Mehrheit der Bevölkerung in der Region lebt in Dörfern und Weilern, die rund um Al-Haffah in Tälern und auf den Bergen verstreut liegen und meist nur über schmale, oft unbefestigte Straßen erreichbar sind.

Salah ist Ingenieur und koordinierte an diesem Oktobermorgen mit der Armee und der Feuerwehr die hektischen Hilfsmaßnahmen. »Das Feuer bedrohte sieben Dörfer«, erinnert er sich. »Die Brände sind alle zur gleichen Zeit ausgebrochen, das hat die Löscharbeiten erschwert. Zehn Tage sind alle rund um die Uhr im Einsatz gewesen, um die Feuer unter Kontrolle zu bringen.« Hilfe sei schließlich auch von der syrischen Armee und vom Iran gekommen. Von dort seien Hubschrauber geschickt worden, um das Löschen aus der Luft zu unterstützen.

Die Schäden waren groß, nicht zuletzt, weil der Boden sehr trocken war und heftiger Wind die Ausbreitung der Feuer unterstützte. Staatliche wie private Ländereien sind verbrannt, besonders im Tal von Al-Haffah hat es die Oliven- und Zitronenbäume getroffen. »Zum Glück sind die Häuser in den Dörfern nicht zu Schaden gekommen, sodass die Menschen nicht evakuiert werden mussten. Allerdings kam ein Bauer ums Leben«, sagt Salah. »Er wollte sein brennendes Land nicht verlassen.«

Von vielen Seiten gab es Unterstützung für Al-Haffah. »Der Gouverneur von Latakia, die Stadtverwaltung und lokale Hilfsorganisationen haben geholfen. Der Präsident Baschar Al-Assad ist mit seiner Frau gekommen, um die Schäden zu sehen.« Er hörte den Betroffenen zu und ordnete Unterstützung an: »Wir haben Lebensmittel an die Betroffenen weitergereicht und Baumsetzlinge verteilt, um die verbrannten Bäume zu ersetzen. Die Leute haben außerdem Geld für ihren Ernteausfall erhalten.«

Auf die Frage, ob es sich bei den gleichzeitig aufgetretenen Feuern um Brandstiftung gehandelt haben könnte, weicht der Bürgermeister aus. »Wir wissen nur, dass einige Personen festgenommen wurden, doch das zu ermitteln ist Sache der Polizei«, sagt er knapp.

Im Tal von Al-Haffah blühen jetzt die Wiesen wieder. Aber die verbrannten Bäume klaffen noch immer wie Wunden aus dem satten Grün hervor. An einem Hügel steht eine verbrannte Reihe von Bäumen, etwas weiter ist ein ganzes Stück Wald abgebrannt. Die schwarzen Stämme lasse man erst einmal stehen, erklärt der Bürgermeister. Erstens gebe es ein Gesetz in Syrien, wonach Bäume nicht gefällt werden dürften. Zweitens warteten die Bauern, ob sich aus dem verbrannten Stamm wieder neues Leben entwickle. Falls kein neues Grün sprieße, werde die Landwirtschaftsbehörde entscheiden, was zu tun sei, erklärt der Bürgermeister.

Das schlimmste Jahr seit dem Krieg

Monzer Kheirbek ist der Leiter der Behörde. Er hat einen Überblick über die Zerstörung: In Latakia sind demnach 1,6 Millionen Olivenbäume und 280 000 Zitronenbäume verbrannt. Das sind sieben Prozent aller Bäume in dem Gouvernement. Wassermangel habe das Löschen noch zusätzlich erschwert, erzählt er. Zudem seien die Feuer in abgelegenen Gebieten ausgebrochen, die man nur schwer erreichen konnte. »Früher hatten wir jedes Jahr kleinere Feuer, die aber schnell gelöscht werden konnten. Aber das, was wir im letzten Jahr erlebt haben, geschah nach einem Plan«, ist er sich sicher. »Sonst hätten die Feuer nicht an 96 Orten gleichzeitig ausbrechen können.« Insgesamt sind 19 000 Menschen von den Feuern betroffen gewesen, einige haben ihre einzige Einkommensquelle verloren. Ihnen habe der Staat geholfen, erklärt Kheirbek. Den Bauern sei der Wert einer Jahresernte ausgezahlt worden.

Die verheerenden Brände hat die Krise, in der sich die Bauern ohnehin befinden, noch verstärkt. Alle im Land spüren den Rückgang der Agrarproduktion. Vor dem Krieg hat Syrien exportieren können, doch jetzt ist der gesamte Handel noch vom Krieg und von den Sanktionen gegen den syrischen Staat beeinträchtigt. »Wir brauchen neue Energiequellen und versuchen lokale Alternativen zu finden«, sagt Kheirbek. »Dafür benötigen wir technische Unterstützung bei der Bewässerung und dem Anlegen von Wasserspeichern.« Internationale Organisationen wie die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) haben früher strategische landwirtschaftliche Projekte in Syrien unterstützt. Aber diese Hilfe ist zum Erliegen gekommen.

Wie eine Mondlandschaft

Zwei Agraringenieure begleiten die Autorin zum Balouran-Stausee. Die kleine Kolonne fährt zügig in die Berge nach Norden. Der See liegt an der Straße, die zum einzigen von Syrien kontrollierten Grenzübergang in die Türkei bei Kasab führt.

Der See zieht viele Besucher an, die sich früher in den kleinen Restaurants oberhalb des Ufers vergnügten. Heute fehlt den Familien oft das Geld für eine Mahlzeit, und so stehen auf den Tischen meist nur Kaffee- oder Teetassen, für die Kinder eine Limonade und die Nargile, die Wasserpfeife, deren süßer Geschmack von Frauen und Männer gleichermaßen genossen wird.

Kurz vor dem Stausee biegen wir auf eine schmale Straße ab, die sich hoch in die Berge hinaufwindet. Immer kleiner wird der See, bis er schließlich hinter einer Kuppe verschwindet. Die Berge um den See waren einst dicht bewaldet, heute gleichen sie teilweise einer Mondlandschaft. Nach einer Haarnadelkurve geht es weiter über einen unbefestigten Weg, der durch Gärten und vorbei an kleinen Häusern, Olivenhainen und Grabstätten führt. Frischer Tabak ist zum Trocknen aufgehängt, zahlreiche verbrannte Olivenbäume sprießen wieder. Blühende Oleanderzweige schlagen gegen die Scheiben.

Ganz oben auf einem Plateau lebt der Bauer Kamal Karaali. Als im Oktober das Feuer ausbrach, ist er mit seiner Frau und den drei Kindern ins nächste Dorf geflohen. Niemand sei verletzt worden, erzählt er. Und zum Glück habe auch das Haus keinen Schaden genommen. Doch die 100 Olivenbäume, die er hier oben gepflanzt hatte und ihm gute Erträge sicherte, sind verbrannt. »30 Jahre waren sie alt, nun müssen neue Bäume wachsen, und wir werden lange keine Ernte einbringen.« Der 42-Jährige hat auch Zitronen- und Feigenbäume auf dem trockenen und steinigen Boden angepflanzt - und er baut Wein an sowie Gemüse der Saison. Wo seine Olivenbäume verbrannt sind, ranken jetzt Gurkenpflanzen über den Boden. Unter den dichten Blättern hängen die kleinen Gurken dicht an dicht. Von den versprochenen 100 Olivenbaumsetzlingen hat er zwar nur 50 erhalten, doch er ist froh darüber. »Die neuen Bäume habe ich eng an die alten Stämme gesetzt. Wenn die wieder grünen sollten, werden sie zusammenwachsen können.«

Karaali will bleiben

Ans Wegziehen hat Karaali indes nie gedacht. »Wohin sollte ich gehen? Mein Land ist hier, meine Bäume sind hier, meine Arbeit ist hier.« Sein Haus und sein Land liegen hoch über den Tälern, hier ist immer gute Luft. »Als die Bäume brannten, habe ich auch gebrannt«, beschreibt Karaali den Tag des Feuers. »Doch wir sind wie unsere Bäume: Unsere Wurzeln reichen tief.«

Die Feuerwehrleute am Stützpunkt Kastel Maaf, oberhalb des Balouran-Sees, mussten beim Brand schwerste Arbeit leisten. In drei Schichten arbeiten hier rund um die Uhr je 25 Männer, erklärt der Einsatzleiter Tarek Hadab. 38 Überwachungstürme gibt es in der Region, die bis an die Grenze zur Türkei reicht, aber nur elf dieser Türme seien der Feuerwehr geblieben. »Die anderen wurden zerstört oder sind heute unter Kontrolle der Terroristen, die von der Türkei gegen unser Land unterstützt werden«, sagt Hadab. Die Beobachtungsposten verständigen sich untereinander mit altmodischen Walkie-Talkies, deren Reichweite drei Kilometer beträgt. »Unsere Ausrüstung ist alt, wir haben kein satellitenunterstütztes GPS, keine genauen Karten. Auch unsere Geräte und Fahrzeuge sind nicht auf dem neuesten Stand.« Die Sanktionen der Europäischen Union und der USA verhindern, dass die syrische Feuerwehr auf dem internationalen Markt mit modernen Geräten versorgt wird. Ein Blick über den Hof des Feuerwehrzentrums zeigt einen alten Löschzug, einige Jeeps sowie ein Fahrzeug mit einem Wassertank. Insgesamt stehen in der Provinz Latakia nur zehn moderne Löschfahrzeuge zur Verfügung.

Der kräftige und oft wechselnde Wind hat die Arbeit beim Brand zusätzlich erschwert, und wegen fehlender Feuerschneisen ist es schwierig gewesen, an die Brandherde zu gelangen. »Trotzdem haben wir es geschafft, das Feuer zu löschen«, erzählt Hadab stolz. »Und wir haben keinen von unseren Leuten verloren.«

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