Gefangene der Vergangenheit

Wenn Traumatisierte unter Flashbacks und Albträumen leiden, ist professionelle Hilfe gefragt

  • Von Renate Wolf-Götz
  • Lesedauer: 5 Min.
Traumata: Gefangene der Vergangenheit

Bei vielen Betroffenen klingt eine Corona-Erkrankung nach einigen Tagen Unwohlsein ab. In manchen Fällen sind aber auch Monate nach einer akuten Infektion noch Symptome spürbar, vor allem psychische. Ein Viertel der schwer an Covid-19 Erkrankten leidet etwa drei Monate nach der körperlichen Genesung an einer seelischen Trauma-Symptomatik, einer sogenannten posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Zu diesem Ergebnis kamen Forscher der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen, die über ein Jahr (April 2020 bis März 2021) in einer umfassenden Studie die psychischen Auswirkungen der Corona-Pandemie untersucht haben.

Dabei war es nicht wichtig, dass die Krankheit zu extremen körperlichen Symptomen geführt hatte. Auch Erkrankte mit einem milden Covid-Verlauf empfanden ähnlich starke psychische Belastungen wie schwerer Betroffene, berichtet Trauma-Expertin und Psychotherapeutin Marion Koll-Krüsmann von ihren Gesprächen mit Patienten. »Das mag zunächst überraschen«, sagt die Therapeutin, die vor über 20 Jahren die Trauma-Ambulanz an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München mit aufgebaut hat. Schon die Ungewissheit nach der Diagnose und das Gefühl des Verlassensseins während der Quarantäne könnten selbst bei leichten physischen Symptomen Ängste auslösen. »Traumafolgestörungen treten nach Ereignissen ein, bei denen es um Leben oder Tod gegangen ist«, erklärt Koll-Krüsmann. Weil Covid-19 bedrohlich erscheint, könne die Infektion solche Reaktionen auslösen.

Im klinischen Sinne ist ein Trauma ein Schockerlebnis, dem eine extreme Stressbelastung folgt, sagt Willi Butollo. »Das oft lebensbedrohliche Ereignis liegt außerhalb dessen, was man üblicherweise an schwierigen Erfahrungen zu verkraften hat«, so der Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Münchner LMU. Erwartbare Ereignisse wie Trennungen in Partnerschaften klammert der Traumaforscher dabei zunächst aus. Das seien zwar auch belastende Vorfälle, die zu ähnlichen Symptomen wie bei einer posttraumatischen Belastungsstörung führen könnten, aber eben keine Traumata nach klinischem Verständnis.

»Bei einem Trauma denken wir etwa an eine extreme Gewalterfahrung oder an einen Unfall mit schweren Folgen«, so Butollo. Bei Naturkatastrophen wie Erdbeben treten häufig kollektive Traumata auf. Seit Längerem behandelt der Therapeut auch Kriegstraumatisierte in seinem Münchner Institut für Traumatherapie. Im Balkan-Krieg hatte der gebürtige Österreicher bereits Trainingseinheiten für einheimische Ärzte in Bosnien organisiert, um Behandlungen vor Ort zu ermöglichen. Gleichzeitig hat sich der Institutsleiter auf Traumatisierungen spezialisiert, die im Zuge von Migration geschehen. Neben Existenzverlust oder Folter in ihrer Heimat müssten die Betroffenen auf der Flucht Todesängste in überfüllten Schlauchbooten verarbeiten. Hinzu kommt die anhaltende Ungewissheit, nach ihrer Ankunft zurückgeschickt zu werden. »Das löst ein hohes Maß an Dauerstress aus«, betont Butollo.

Chronische Erregungszustände gehören zu den Leitsymptomen der Traumafolgestörung, sind sich die Experten einig. In seiner Vorstellung leidet der Betroffene meist zusätzlich unter der zwanghaften Wiederholung belastender Ereignisse, sogenannten Flashbacks. Versuche, diese Bilder zu verdrängen, kosten psychisch viel Kraft, bleiben aber erfolglos. »Traumatisierte sind Gefangene ihrer Vergangenheit«, so Butollo. Eine Traumareaktion sei sowohl eine Warnung als auch eine Aufforderung, sich bei ähnlichen Katastrophen besser zu schützen. Bei schwer Traumatisierten sei diese Warnung aus dem Gleis geraten und wird ohne akute Bedrohung zum ständigen Begleiter.

Aus seiner Praxis weiß Butollo, dass sich viele Betroffene nach einem belastenden Ereignis oft Freunden oder Angehörigen anvertrauen. Aber eine familiäre oder freundschaftliche Beziehung sollte keine therapeutische sein, zumal ein Partner oder eine Freundin schnell die Geduld verlieren kann. Betroffene machen sich dann oft Vorwürfe, kapseln sich ab mit ihren Ängsten und zögern, sich fachliche Unterstützung zu suchen. »Viele sehen darin eine Schwäche. Aber die Bereitschaft, sich helfen zu lassen, zeugt eher von Stärke«, sagt Butollo.

Nicht zwangsläufig muss ein dramatisches Erlebnis Traumafolgen auslösen. Am Beispiel einer Joggerin, die nahezu gelassen vor Gericht beschreiben konnte, wie sie überfallen und derart gewürgt wurde, dass sie nur knapp dem Tod entging, zeigt sich, dass es offenbar gelingen kann, einen Teil des Erlebten abzuspalten und zur Tagesordnung überzugehen. Doch selbst dann könne sich das Ereignis nach einiger Zeit aus dem Unterbewusstsein in Form von Albträumen mit Todesangst wieder melden. Spätestens dann sollte man professionelle Hilfe suchen.

Vor Beginn der Therapie, die meist aus mehreren Phasen besteht, werden die Patienten über mögliche Traumafolgen informiert. »Es muss klar sein, dass im Laufe der Behandlung normale Reaktionen auf abnorme Erfahrungen treffen«, erklärt Butollo. In weiteren Phasen werden Traumatisierte ermutigt, sich mit dem Geschehen zu konfrontieren und dabei im Gesprächskontakt mit dem Therapeuten zu bleiben. Die Traumageschichte soll in ihren Einzelheiten erzählt und die dabei auftretenden Gefühle zugelassen werden. Das kann Angst sein, Aufregung, Trauer, begleitet von Weinen und Wut. In dieser Phase müssten die Betroffenen immer wieder aufgefordert werden, weiterzureden. Letztendlich sollen sie erkennen, dass die eigenen Reaktionen, gemessen am Erlebten, normal sind und dass das Erlebte Teil ihrer Biografie ist. »Eine elaborierte Traumatherapie hat nie das Löschen von schmerzhaften Erinnerungen zum Ziel, sondern die Linderung des Schmerzes«, betont Butollo.

Marion Koll-Krüsmann hat Verständnis, wenn eine Auseinandersetzung mit einem belastenden Erlebnis zunächst vermieden wird. »Viele Betroffene möchten erst einmal innerlich auf Abstand zum Erlebten gehen, um sich zu beruhigen«, erklärt sie. Betroffene sollten jedoch nicht zu lange mit der Aufarbeitung warten. Wenn sich die bedrohlichen Gefühle festsetzen, warnt die Medizinerin, könnte sich der verdrängte emotionale Schmerz mit psychosomatischen Reaktionen im Körper ausbreiten. Dabei könne es zu Kopf- und Rückenschmerzen unklarer Ursache kommen, zu Störungen im Herz-Kreislauf-System oder in Verdauungsorganen.

Bei lange vergangenen Traumata zeigt sich Jahrzehnte später eine größere Therapieresistenz. »Dann müssen wir die Therapieziele bescheidener formulieren«, sagt Butollo. Gleiches gilt bei Menschen, die bereits mehr als ein unverarbeitetes Trauma belastet. Ein Trambahnfahrer etwa, der viermal miterlebt hatte, wie sich ein Lebensmüder vor seinen Zug warf, konnte seinen Beruf nicht mehr ausüben. Demgegenüber sprechen die Therapeuten von einem posttraumatischen Wachstum, wenn Betroffene nach einem bedrohlichen Ereignis eine stärkere Persönlichkeit entwickeln. »Solche positiven Modelle der Bewältigung schlimmer Erfahrungen sind ermutigende Erfolge, auch für andere Betroffene«, ist sich Butollo sicher.

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