Werbung

Bittere Preise für süße Bananen

Ecuadors Bauern wehren sich gegen Dumpingpraktiken und prekäre Arbeitsbedingungen

  • Von Knut Henkel
  • Lesedauer: 6 Min.

Edwin Benito Ordoñez schultert ein Bananenbüschel und schleppt die noch grünen Früchte vorsichtig zur Verpackungsstation auf seiner rund sieben Hektar großen Farm. Kunststoffpolster auf den Schultern und zwischen den Bananenhänden, den einzelnen Fruchtständen am Büschel, schützen die Früchte, die wenig später im Wasserbecken landen. Danach werden sie sortiert, gewogen und verpackt. Jeder Pappkarton mit dem bunten Logo des Abnehmers wiegt 18,14 Kilogramm. Bananen sind die wichtigste Einnahmequelle für den Biobauern. Neben den Bananenstauden, deren große Blätter im Licht der Morgensonne feucht schimmern, baut er Kakao an und auch ein paar Obstbäume stehen auf seiner kleinen, schmucken Farm. Das Obst ist in erster Linie für den eigenen Bedarf und für den der Nachbarn, die wie Ordoñez von der Banane leben.

Der 44-Jährige lebt in einem Weiler in der Region von Machala im Süden Ecuadors. Über den Hafen der Stadt gehen die Kühlcontainer mit den Früchten vor allem auf die Reise nach Europa. Einmal pro Woche werden die krummen Südfrüchte bei Ordoñez geerntet. Dann ist die gesamte Familie im Einsatz und manchmal holt sich Ordoñez auch Hilfe, um die rund 200 Kisten, die im Wochenschnitt mit den noch grünen Früchten gefüllt werden, zu packen. Doch in jüngster Zeit seltener, denn wie vielen kleinen Bananenbauern in Ecuador geht es Ordoñez nicht gut. »Der Preisdruck hat in den vergangenen Jahren extrem zugenommen. Wer keine festen Abnehmer hat, hat ein Problem«, sagt der kräftige Mann, der Jura studiert und mehrere Jahre die Kleinbauernorganisation UROCAL geleitet hat.

Bis vor drei, vier Jahren hatten die Bauern, alle genossenschaftlich organisiert, einen festen Abnehmer in Deutschland. Doch nach der Abspaltung mehrerer Genossenschaften ist das Geschichte und damit auch die gesicherte Abnahme, stöhnt Ordoñez. »Wir verkaufen seitdem unsere Bio-Bananen, die Fair Trade zertifiziert sind, an einen anderen Importeur und verdienen deutlich weniger.« Deutlich weniger, das heißt sechs US-Dollar pro Kiste à 18,14 Kilogramm. Manchmal müssen die Bauern ihr wichtigstes Produkt sogar noch darunter verkaufen und das, obwohl es eigentlich einen staatlichen Mindestpreis pro Kiste von 6,25 US-Dollar gibt. Doch in der Realität wird er regelmäßig unterlaufen. Lasche Kontrollen machen es möglich und versetzen die Importeure in die komfortable Lage, die Bauern unter Druck zu setzen, pro forma Verträge zum Mindestpreis zu unterschreiben, aber de facto unter dem Tisch Geld zurückzuzahlen. Miese Praktiken, die Ordoñez aus eigener Erfahrung kennt. Bananen sind eine schnell verderbliche Ware, so dass langes Verhandeln keine Option ist. Die Aufkäufer sitzen am längeren Hebel.

Dass die Dumpingpreise überhand nehmen, hat mehrere Ursachen. Zum einen drängt die Konkurrenz aus Kolumbien, Costa Rica und Co. auf den Markt, zum anderen ordern Supermarktketten und Discounter längst direkt bei den Produzenten und setzen ihre Markmacht ein, um Preise zu drücken. Jüngstes Beispiel ist Aldi. Der Discounter kündigte im November 2020 an, den Abnahmepreis pro Kiste um rund einen Euro zu senken. Das hat in den Bananen produzierenden Ländern der Region für viel Kritik gesorgt. Das werde Entlassungen, den Verlust erworbener Rechte und von Sozialleistungen zur Folge haben, mahnte damals die lateinamerikanische Koordination der Bananen- und Agroindustriegewerkschaften COLSIBA. In Ecuador scheint sich die Prognose trotz steigender Exportzahlen im Jahr 2020 zu bewahrheiten.

Die Kleinbauern wehren sich. Am 12. Juli dieses Jahres blockierten sie Straßen, um die am 24. Mai vereidigte neoliberale Regierung von Präsident Guillermo Lasso auf die Einhaltung von Mindestpreisen zu verpflichten. Leidlich erfolgreich, denn es gab zumindest Verhandlungen, so die Expertin Anahí Macaroff. Sie hat mit ihrem Kollegen Stalin Herrera vom Institut für ecuadorianische Studien (IEE) 2019 eine Studie über die Arbeitsbedingungen im ecuadorianischen Bananensektor verfasst. »Die gewerkschaftlichen Organisationsrechte werden genauso wenig respektiert wie die Sozialversicherungspflicht. Wer im Bananensektor Ecuadors arbeitet, ist oft nicht sozialversichert. Bei Berufserkrankungen hervorgerufen zum Beispiel durch Pestizide sind die Menschen nicht abgesichert«, erklärt die argentinische Wissenschaftlerin. All das ist mit den Gesetzen in Ecuador zwar nicht vereinbar, aber die Lobby der Bananeros, wie die großen Plantagenbesitzer genannt werden, ist politisch überaus einflussreich. Arbeiter*innen, die sich organisieren, einen Betriebsrat auf der Plantage gründen, werden immer wieder wenig später entlassen - ohne dass das Arbeitsministerium einschreitet. Deshalb spricht Stalin Herrera von einem »gewerkschaftlichen Vakuum« im Bananensektor des Landes.

Unterstützung haben die Kleinbauern von der Justiz erhalten. Das Urteil eines Gerichts in Quito vom 26. Mai dieses Jahres könnte zum Meilenstein werden. Das Urteil mit der Nummer 17981202002407 weist das Arbeitsministerium an, nicht nur die Gewerkschaft ASTAC anzuerkennen und offiziell zu registrieren, sondern sich für das langjährige systematische Ignorieren der Gewerkschaft zu entschuldigen und das Urteil auf der Homepage des Ministeriums zu veröffentlichen. Dabei beziehen sich die drei Richter direkt auf die Internationale Arbeitsorganisation (ILO), die den Umgang der Behörden mit der 2007 gegründeten ASTAC mehrfach kritisierte. Darauf basierend haben ASTAC-Koordinator Jorge Acosta und Rechtsanwältin Silvia Bonilla Klage eingereicht.

Dieses Urteil könnte der Gewerkschaftsbewegung in Ecuador Auftrieb geben, meint Anahí Macaroff. »Die Tatsache, dass Branchengewerkschaften nun registriert und anerkannt werden müssen, öffnet die Türen für neue gewerkschaftliche Organisationen.« Bisher war es de facto so, dass in Ecuador Gewerkschaften auf einzelne Betriebe beschränkt waren und eine Mindestzahl von 30 Arbeiter*innen mit Namen vorweisen mussten. Das ist nun Makulatur und laut Jorge Acosta, hat es bereits Anfragen bei der ASTAC gegeben, um sich bei der Gründung neuer Organisationen beraten zu lassen. Rund 200 000 Menschen arbeiten im ecuadorianischen Bananensektor - oft unter prekären Bedingungen.

Bisher lässt sich das Arbeitsministerium Zeit, das Urteil umzusetzen. Dabei ist die gerichtlich festgesetzte Frist von dreißig Tagen längst abgelaufen. Das kann der Tatsache geschuldet sein, dass die neue Regierung von Guillermo Lasso sich erst einarbeiten muss, aber auch auf den Einfluss der Lobby der Bananeros hindeuten, die zur neuen konservativen Regierung gute Beziehungen pflegt.

Relevant sind das Urteil und seine Umsetzung auch für die deutschen Importeure. Denn es bestätigt, dass Gewerkschaftsrechte auf Plantagen, die auch die großen Vier des deutschen Lebensmittelhandels, Rewe, Edeka, Aldi und Lidl, belieferten, verletzt wurden. Das könnte im Kontext des vom Bundestag gerade verabschiedeten Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes Folgen haben. Darin sind als mögliche Risiken, auf die Unternehmen achten müssen, auch die beiden Punkte angemessener Lohn und Verstöße gegen die Vereinigungsfreiheit genannt. Die werden bisher verletzt, so die ecuadorianischen Experten.

»Unternehmen, die ihrer Sorgfaltsplicht nicht nachkommen, müssen mit empfindlichen Geldstrafen rechnen«, so Bundesminister Hubertus Heil auf Anfrage des »nd«. Der Minister für Arbeit und Soziales kennt den ASTAC-Fall und ist gewillt auf Regierungsebene die Menschenrechtslage in Ecuador auf bilateraler, europäischer und internationaler Ebene anzusprechen. Zudem unterstützt er die laufende Initiative der Europäischen Kommission im Rahmen des Nachhaltigkeitsartikels des EU-Freihandelsabkommens mit Ecuador, eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen im Bananensektor und die Legalisierung von Branchengewerkschaften zu erreichen.

Für Jorge Acosta und die ASTAC sind das gute Nachrichten. Vielleicht auch für kleine Produzenten wie Edwin Benito Ordoñez. Der Druck der Importeure auf niedrige Einkaufpreise könnte gemildert werden. Für Ordoñez wäre das eine gute Nachricht, denn die Kleinbauernorganisation UROCAL steht kurz vor der Pleite.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung