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Doppelte Donauwellen

Wo einst ein warmes Meer lag, lässt sich heute die Schwäbische Alb erkunden. Auf Wanderwegen durch Karstgestein, auf dem Rad - oder im Boot

  • Von Carsten Heinke, Tuttlingen
  • Lesedauer: 5 Min.

Nicht weit von ihrem Quellgebiet zwischen dem Hochplateau der Baar und dem südlichen Schwarzwald fließt die Donau viele Monate im Jahr durch unterirdisches Karstgestein. »Versinkung« nennt man dieses Phänomen. Im Luftkurort Möhringen, wo der Fluss wieder zum Vorschein kommt, wird er neu belebt durch Wasser aus den Bächen Krähenbach und Elta sowie einem Umleitungskanal. Schnell nimmt er im weiteren Verlauf an Größe zu.

In Tuttlingen kann man ihn bereits vom Strandcafé aus betrachten - am besten stilgerecht im Liegestuhl bei einem Stückchen Donauwelle. Den gleichen Namen wie der prominente Kuchen tragen mittlerweile auch die attraktivsten Wanderwege im Naturpark Oberes Donautal, der sich zwischen Immendingen und Ertingen erstreckt.

Während das junge Flüsschen gemütlich weiter Richtung Osten plätschert, erheben sich ringsum die zauberhaften Berge der südwestlichen Schwäbischen Alb. Zwischen dem satten Grün der reichen Pflanzenwelt strahlt der leuchtend weiße Kalkstein ihrer rauen Felsen.

Versteinerte Korallenriffe

»Das fossile Erbe jahrmillionenalter Muschel- und Korallenriffe«, kommentiert Anita Schmidt. Kaum ein größerer Stein hier, den die schwäbische Natur- und Wanderfreundin nicht kennt. Als Tourismusmitarbeiterin hat sie unter anderem die Donauwellen-Premiumwanderwege mitentwickelt. Zu den beliebtesten zählt neben Eichfelsen-Panorama, Klippeneck-Steig und Kraftstein-Runde die Donaufelsen-Tour.

»Kaum vorstellbar, dass sich hier einmal ein warmes Meer befand«, sagt Anita, vom Knopfmacherfelsen in die Weite blickend. Wären die Urzeitwassertiere noch am Leben, müssten sie sich ganz schön drängen in der schmalen Donau. So unscheinbar diese heute wirkt, traut man ihr gar nicht zu, dass sie sich im Laufe der Erdgeschichte bis zu 200 Meter tief durch den weichen Stein gegraben hat. Das Ergebnis ist ein unvergleichlich schönes Durchbruchstal.

Wie eine riesengroße Schale, ausgepolstert mit dem dicken grünen Samt der Wiesen, Wälder und Wacholderheiden, lässt es seine Schätze wie Edelsteine darin funkeln. Leuchtend hell und ungeschliffen: die schroffen Kalksteintürme. Hier und da verteilt die Kronjuwelen - von Meisterhand geschaffen: Fürstenschlösser, Ritterburgen und die Erzabtei St. Martin zu Beuron. Die Geschichte des berühmten Benediktinerklosters mit den barocken Fassaden reicht bis ins elfte Jahrhundert zurück.

Unweit der protzigen Sakralbauten steht ein vergleichsweise schlichtes, zunächst eher unscheinbares und doch bemerkenswertes Bauwerk: die Beuroner Donau-Holzbrücke. Die 73 Meter lange, oben und seitlich komplett geschlossene Donau-Überquerung wurde anno 1801 in Betrieb genommen. Bereits ihre historische Vorgängerin war überdacht. Bis zur Ablösung durch eine moderne Stahlbetonbrücke im Jahre 1975 etwa 100 Meter flussabwärts rollte über sie - oder besser gesagt durch sie hindurch - der ganz normale Straßenverkehr. Inzwischen mehrfach restauriert und renoviert, dürfen sie heute nur noch Fußgänger und Fahrradfahrer nutzen.

Wieder oben auf den Felsen, blickt man fast verliebt ins Tal. Bescheiden, ja scheu, stiehlt sich die schwarze oder blaue Donau mittendurch - je nach Licht und Himmelsfarbe glitzernd oder matt. Sie ist das Schleifenband, das diese wunderbare Landschaft heimlich zum Geschenk verpackt.

Wer es beim Wandern, Radeln oder Paddeln öffnet, macht sich damit selber eine Freude - und zwar nicht nur der weiten Blicke wegen. Auch der Mikrokosmos jedes Waldstücks, jeder Felsenformation ist ein Fundus unzählbarer kleiner Wunder. Da wachsen wilde Orchideen wie Bienen-, Hummelragwurz, Knabenkraut und Frauenschuh, oder andere florale Raritäten wie Arnika und Enzian, Knöllchenknöterich und Bleiche Weide.

Schlängelnde Eidechsen

Zu den tierischen Bewohnern des Naturparks zählen Biber, Uhu, Luchs und Gämse. Allesamt nicht sehr erpicht auf menschliche Kontakte, halten sie sich meistens gut versteckt. Immerhin lassen sich bei dieser Donaufelsen-Tour recht viele Greifvögel blicken. In eleganten Schleifen kreisen sie oft selbstbewusst, vielleicht auch neugierig, verhältnismäßig dicht über den Köpfen der Menschen.

Dank ihrer sehr markanten Schwanzform und der deutlich zu erkennenden Gefiederfarbe besteht kein Zweifel: Es sind Rotmilane. Die auch Gabel- oder Königsweihe genannten Vögel leben überwiegend im mittleren Europa, mehr als die Hälfte des Gesamtbestands in Deutschland. Eine ihrer höchsten Populationsdichten verzeichnet dabei der Naturpark Obere Donau, denn hier finden die fliegenden Jäger ideale Lebensbedingungen.

Kurz vor dem Eichfelsen schneidet den Wanderern eine Blindschleiche den Weg ab. In kunstvollen Schlängellinien windet sich die flinke, beinlose Eidechse über den Waldboden. Ihr biegsamer, graziler Körper glänzt kupfern in der Abendsonne.

Kalksteinbrocken, Wälder, grüne Auen und mittendrin die Donau, so lieblich und so wild zugleich - ein Landschaftsbild, das wie von Künstlerhand geschaffen scheint. Das Durchbruchstal in der Schwäbischen Alb ist so bezaubernd, dass man es von allen Seiten sehen möchte. Neben den »Donauwellen« bietet der Donau-Berglandweg dazu prima Gelegenheit. Als einer der schönsten Wanderwege Europas wurde er schon vielfach ausgezeichnet.

Am höchsten Gipfel der Alb, dem 1015 Meter hohen Lemberg, beginnt die 60 Kilometer lange Strecke. Fast die Hälfte verläuft auf naturnahen Wegen und Fußpfaden mit schönen Landschaftsblicken und »Bänkles«, Schwäbisch für Bänke, für die Rast. Mindestens alle zwei bis drei Kilometer erwartet die Wanderer ein Aussichtspunkt oder eine Sehenswürdigkeit. Unterteilt ist der komplette Weg in vier Einzeletappen von jeweils 15 bis 20 Kilometern. Die vierte und letzte führt durch das Durchbruchstal.

Start ist in Fridingen, am Skihang Antoni. Man folgt den Schildern Richtung Beuron. Zu den markantesten Punkten der Route gehören die Ruine Kallenberg, Schloss Bronnen sowie die Bronner- und die Jägerhaushöhle. Nach einer Stärkung im Gasthof »Jägerhaus« ist es nicht mehr weit bis zum Ziel, dem Kloster Beuron. Knapp fünf Stunden sollte man dafür einplanen - die gleiche Zeit, die man als Wasserwanderer direkt auf der Donau mit dem Kajak von Hausen im Tal nach Sigmaringen braucht.

Mögen andere deutsche Fürstenresidenzen, bedingt durch amerikanisches Kinomarketing, in der Welt bekannter sein, erfüllt das Hohenzollernschloss in Sigmaringen doch wohl die besten Anforderungen an den Prototypen eines Märchenschlosses aus dem Bilderbuch. Durch die erhöhte Lage auf dem Fels und die majestätisch in den Himmel ragenden Türme wirkt der ohnehin schon korpulente Bau noch weitaus mächtiger. Das Spiegelbild der jungen Donau vorm Amphitheater verdoppelt die Frontalansicht und komplettiert die Inszenierung. Was für ein feudales Schauspiel.

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