Werbung

Erfolge und Nöte im Großstadtformat

Bezirksserie zur Berliner Wahl Teil 6: Pankow wächst und baut dem Bedarf bei Wohnungen und Infrastruktur hinterher

  • Von Tomas Morgenstern
  • Lesedauer: 6 Min.

Wie wenig es bringt, im Vergleich der Berliner Bezirke Superlative zu bemühen, zeigt sich, wenn man die Größe als Maßstab wählt. Da könnte neben Pankow beispielsweise auch der Bezirk Treptow-Köpenick auftrumpfen. Der hat nämlich mit einer Fläche von 168 Quadratkilometern die Nase vorn. Pankow, nur etwas über 103 Quadratkilometer groß, hat aber mit Abstand die meisten Einwohner. Und da kann keiner der anderen Bezirke mithalten, zumal es immer mehr Menschen in die, wegen ihrer ruhigen Randlage mit kurzen Wegen, ins Umland beliebten Quartiere im Norden zieht. Um mehr als 13.000 ist die Zahl der Pankowerinnen und Pankower in den vergangenen fünf Jahren gewachsen.

Dass es so viele Leute in den Bezirk zieht, der 2001 aus dem Zusammenschluss der damals kaum angesagten Stadtbezirke Pankow und Weißensee mit dem hippen Prenzlauer Berg entstand, ist an sich erfreulich. Allerdings lässt das die Nachfrage nach - zumal für Normalverdiener bezahlbaren - Wohnungen in die Höhe schnellen. Ein Bedarf, den man kurzfristig nicht befriedigen kann.

»Es gibt nicht viele große Städte in Deutschland, die so groß wie der Bezirk Pankow sind und die dann auch mit solchen Wachstumsschmerzen wie Pankow zu tun haben«, sagt Udo Wolf zu »nd«. Der ehemalige Co-Vorsitzende der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus will bei den Wahlen im September im Bezirk das Direktmandat für den Bundestag holen. Pankow sei mittlerweile nicht nur der einwohnerstärkste Bezirk in Berlin, sondern auch der am schnellsten wachsende, so der Linke-Politiker.

Gebaut wird augenscheinlich überall und in jedem Ortsteil. Zum Beispiel im Winsviertel in Prenzlauer Berg, wo seit 2019 anstelle eines alten Supermarktes an der Winsstrasse/Ecke Marienburger Straße ein »stylisches Wohn- und Geschäftshaus« entsteht. Ein Sechsgeschosser mit 187 Mietwohnungen, einem neuen Verbrauchermarkt im Erdgeschoss und weiteren Gewerbeflächen und Tiefgaragen. Oder an der Prenzlauer Allee/ Ecke Erich-Weinert-Straße, wo sich gleich mehrere Kräne drehen. Bis 2018 hatte ein großer Autoverleiher auf dem riesigen Gelände an der hektischen Ausfallstraße Richtung Norden eine Filiale betrieben. Nun wird hier ein gewaltiger Mehrzweckbau mit Läden, vielen Büros und 110 Wohnungen hochgezogen.

Sören Benn (Linke), der seit 2016 als Bezirksbürgermeister mit seinem Rathausteam die Geschicke von Pankow lenkt, kann gerade auch im Wohnungsbau zum Ende der Legislaturperiode eine stattliche Bilanz vorweisen. »Unser Bauamt hat von 2017 bis 2019 insgesamt 1658 Genehmigungen für 8282 Wohnungen mit einer Fläche von 622 900 Quadratmetern ausgestellt«, schreibt er in der jüngsten Ausgabe der vom Bezirksamt herausgegebenen »Pankow News«. Insgesamt 5933 Wohnungen in 1307 Objekten mit 477 800 Quadratmetern seien im gleichen Zeitraum fertiggestellt worden.

»Da ist in den letzten Jahren wirklich ziemlich viel passiert«, sagt Sören Benn zu »nd«. »Ich glaube, wir sind da immer noch in der Spitzengruppe der Berliner Bezirke, mit Lichtenberg und anderen, was die Fertigstellung von Wohnungen angeht.«

Anerkennung kommt in dieser Hinsicht auch aus der Senatsverwaltung. »Pankow hat unbestritten enorme Wohnbaupotenziale. Der Bezirk liefert auch bei den Themen Baugenehmigungen und Umsetzungen«, sagt Stadtentwicklungssenator Sebastian Scheel (Linke). »Ob beim Neubau und bei den größeren Stadtquartieren alle vorhandenen Potenziale optimal ausgenutzt werden, darüber sind wir miteinander im Gespräch. Hier wollen wir die Entscheidungen partizipativ, vor allem im Diskurs mit den Bürgerinnen und Bürgern, vorantreiben.« In der Vergangenheit seien - etwa beim Wohnungsbauvorhaben Blankenburger Süden - eben durchaus auch Fehler gemacht worden, die es künftig zu vermeiden gelte.

In der Tat geht es bei den geplanten Großsiedlungen eher stockend voran, kommt es zu ärgerlichen Verzögerungen und auch Rückschlägen. Mit dem Blankenburger Süden, Berlins derzeit größtem Neubauprojekt, etwa soll zwischen Blankenburg und Heinersdorf ein neues Stadtquartier mit bis zu 6000 Wohnungen, Schulen, Kitas, Grünflächen und Gewerbe entstehen. Allerdings war die Nachbarschaft kaum in die Planungen einbezogen, gibt es bis heute kein schlüssiges Verkehrskonzept. Als die zuständige Senatsverwaltung unter Scheels Vorgängerin Katrin Lompscher (Linke) 2018 quasi über Nacht eine faktische Verdopplung der Wohnungszahl ins Gespräch brachte, wurde bei den Anwohnern viel Porzellan zerschlagen. Die ersten Wohnungen sollen erst 2030 bezugsfertig sein.

Beim zentraler gelegenen Quartier Pankower Tor will der Bezirk dagegen aufs Tempo drücken. Das rund 34 Hektar große Areal des 1996 stillgelegten Güter- und Rangierbahnhofs entlang der Bahntrasse zwischen den S-Bahnhöfen Pankow und Pankow-Heinersdorf hatte der Möbelhändler Krieger 2010 für die Errichtung eines kompletten neuen Wohnviertels erworben. Dass er dort auch ein Möbelhaus vorsieht, hat nicht jedem gepasst. Neben rund 2000 Wohnungen sollen in dem künftigen Quartier mehrere Kitas in Holzbauweise, Schulen, Kultureinrichtungen, Geschäfte, eine Straßenbahnstrecke mit vier Haltestellen und zwei Kilometer des Radschnellwegs Panke Trail entstehen. Nach einem zehnjährigen Planungsprozess und ausgiebiger Bürgerbeteiligung hat zuletzt der Naturschutzbund im Interesse einer Kolonie geschützter Kreuzkröten Widerstand angekündigt. Sören Benn sagt: »Ich hoffe, dass wir mit dem Pankower Tor nun endlich mal zu Potte kommen. Am 12. August ist die letzte Runde im Wettbewerbsverfahren mit den verbliebenen zwei Büros.« Der Siegerentwurf werde am 13. August präsentiert. »Wir wollen dort so schnell wie möglich die Schule haben. Und wir wollen die Verkehrssituation am S- und U-Bahnhof Pankow verändern, Bus- und Straßenbahnverkehr neu sortieren und das Fahrrad-Parkhaus haben. Vielleicht geht es da los.« Vielleicht wird 2024 gebaut.

Am meisten gebaut werde übrigens im Lückenschluss, so der Bürgermeister. Vorhaben nach Paragraf 34 des Baugesetzbuches, also ohne Bebauungsplan, die der Bezirk genehmigen müsse, ohne die Bauherren zu weiteren Investitionen in die Infrastruktur verpflichten zu können. »In Pankow sehen Sie überall Lückenschlüsse. Und es wird an Stellen gebaut, wo ich es selbst nicht für möglich gehalten hätte.« Wie am Mirbachplatz in Weißensee, wo der Autohändler Dinnebier unter Einbeziehung des Turms der kriegszerstörten Bethanienkirche und unter dessen Geläut exklusive Wohnungen bauen will. Er frage sich schon, wer wohl freiwillig auf einer solchen Verkehrsinsel wohnen will, sagt Benn.

Streit gab es im Frühjahr beim Thema Nachverdichtung in bestehenden Wohnanlagen. Da hatte die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Gesobau mit ihrem Bauvorhaben Grüner Kiez in der Kavalierstraße nahe dem Pankower Schlosspark den Widerstand der Anwohner herausgefordert. Es ging um den Erhalt bestehender grüner Erholungsräume. »Da sind wir mit unserem Bezirksbürgermeister ziemlich gut aufgestellt«, sagt Linke-Kandidat Udo Wolf. »Weil der tatsächlich ein gutes Gespür und die Bereitschaft hat, in Diskussionen auch die eigene Ausgangsposition immer wieder zu überprüfen und gegebenenfalls auch wieder zu ändern, wenn andere ein besseres Argument haben.«

Dass die Verwaltung unter Sören Benn den Bezirk in Bewegung gebracht hat, hängt damit zusammen, dass sie dem Bürger heute viel respektvoller begegnet, dem Dialog immer mehr Raum einräumt. Möglich war das auch, weil die Belegschaft seit 2017 nach Jahren des Abbaus um 273 Stellen auf nunmehr 2529 Mitarbeitende aufgestockt werden konnte.

Was aktuell geht, zeigen beispielsweise die Erfolge im Rahmen der Berliner Schulbauoffensive. »Beim Schulneubau sind wir gut aufgestellt. Da haben wir alle Grundstücke gesichert, die wir brauchen für die 24 neuen Schulen«, sagt Benn. »Da sind wir weitgehend im Zeitplan und bauen trotzdem immer den Bedarfen hinterher.« Eine Einschätzung, die er wohl so oder so ähnlich bei vielen weiteren Themen treffen würde.

»Ich finde, dass wir bei allen Wachstumsschmerzen das Wachstum selbst ganz gut bewältigt bekommen - sowohl verwaltungsseitig als auch bürger*innenseitig«, sagt er. »Auf der anderen Seite ist es natürlich so, dass wir bei allem, was die Verkehre angeht, was den Schulneubau, die Qualität des öffentlichen Grüns angeht, durch die jahrelange Vernachlässigung nach wie vor enormen Nachholbedarf haben. Darauf müssen wir uns in der nächsten Legislaturperiode weiter fokussieren.« Sören Benn tritt im Herbst wieder an.

Weitere Berlin-Themen:

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung
0
Beiträge gelesen

Hilf mit bei einer solidarischen Finanzierung und kaufe eine virtuelle Ausgabe des »nd«

0
Beiträge auf nd-aktuell gelesen

Hilf mit, die Seiten zu füllen!

Zahlungsmethode