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Gesund aufwachsen und lernen

Brandenburg bangt um seine 18 Schulkrankenschwestern - die Linke fordert eine Regelfinanzierung für das Modellprojekt

  • Von Andreas Fritsche und Wilfried Neiße
  • Lesedauer: 6 Min.

Der Landtagsabgeordnete Ronny Kretschmer (Linke) hat mit den Krankenschwestern und den Schulleitern gesprochen. In Neuruppin an der Wilhelm-Gentz-Grundschule und der Puschkin-Oberschule ebenso wie in Perleberg an der Geschwister-Scholl-Grundschule. »Unisono«, sagt er am Freitag nach dem Besuch in Perleberg zu »nd«, gebe es dasselbe Stimmungsbild. Die beiden Schulleiterinnen in Neuruppin etwa hätten sich gewünscht, dass die ihnen zugeteilte Krankenschwester nicht nur 20 Stunden pro Woche dort sei, sondern in Vollzeit.

Tatsächlich droht eventuell aber das glatte Gegenteil. Im Februar 2017 gingen die ersten zehn extra dafür eingestellten Gesundheitsfachkräfte an ausgewählte brandenburgische Schulen. 20 Einrichtungen mit zusammen rund 5800 Schülern hatten sie abzudecken. Das von der damaligen Gesundheitsministerin Diana Golze (Linke) gestartete Modellprojekt war zunächst bis 2018 angelegt, bewährte sich und wurde verlängert.

Inzwischen sind 18 Gesundheitsfachkräfte im Einsatz - oder besser gesagt: immer noch 18. Denn bereits im vergangenen Jahr stand das Projekt auf der Kippe, wurde aber dann doch verlängert, wobei zugleich aber der Zuschuss gekürzt wurde. Im Zuge der Verhandlungen über den Landeshaushalt 2022 drohe dem Vernehmen nach nun erneut die Streichung der Mittel, bedauert der Oppositionsabgeordnete Kretschmer, der von Beruf Krankenpfleger ist. Als die Schulkrankenschwestern vor über vier Jahren eingeführt wurden, begründete Ministerin Golze den Schritt kurz und bündig: »Kinder sollen gesund aufwachsen.« Kleine Wunden versorgen oder bei ernsteren Beschwerden entscheiden, ob ein Notarzt gerufen werden muss: Das sollte zum Aufgabenspektrum gehören.

Wie Politiker Ronny Kretschmer bei seinen Gesprächen erfahren hat, sind die Krankenschwestern auch Vertrauenspersonen geworden, mit denen Mädchen und Jungen über ihre Probleme sprechen. Gerade angesichts psychischer Belastungen in der Coronakrise sei es gut gewesen, die Gesundheitsfachkräfte zu haben. Langfristiges Ziel müsste es sein, dass jede Schule eine solche Fachkraft zugeteilt bekommt, findet Kretschmer. Kurzfristig gehe es seiner Linksfraktion darum, den 18 schon aktiven Frauen endlich unbefristete Arbeitsverträge zu gönnen. Das Argument, dass Schulkrankenschwestern zwar eine gute Sache seien, Krankenschwestern angesichts des Pflegenotstands in Kliniken und Seniorenheimen allerdings sehr viel nötiger gebraucht werden, lässt Kretschmer nicht gelten. Es habe sich gezeigt, dass es an den Schulen mit einer Schwester deutlich weniger Notarzteinsätze gegeben habe. »Die Frauen entlasten also das Gesundheitssystem«, sagt der Landtagsabgeordnete.

Immer wieder berichten Lehrkräfte, dass sie zwar Erste-Hilfe-Kurse belegen und ihre Kenntnisse regelmäßig auffrischen müssen. Im Fall der Fälle seien sie aber mitunter unsicher und rufen lieber zu oft die Rettungskräfte als einmal zu wenig. In solchen Situationen könne eine Krankenschwester einfach besser einschätzen, was getan werden muss. Eine solche Fachkraft sei Gold wert.

Mit Pflastern kleben sei es ja nicht getan, sagt die Landtagsabgeordnete Kathrin Dannenberg (Linke) zu dem Programm, das die Schwestern an den Schulen zu absolvieren haben: Sehtests, Erste-Hilfe-Kurse schon für die Kleinsten, Betreuung von Kindern mit Diabetes, Anleitung zu Zahnpflege und gesunder Ernährung. All das läuft mit dem Projekt im Dezember aus, sofern es nicht verlängert wird. »Die Frauen haben jetzt mehrfach immer wieder nur befristete Arbeitsverträge erhalten«, bedauert Dannenberg, die von Hause aus Lehrerin ist. Sonst würden sich die Fachkräfte über kurz oder lang etwas anderes suchen. »Endlich Nägel mit Köpfen machen«, fordert Dannenberg. Es brauche endlich eine Regelfinanzierung, wie es sie in Hessen bereits seit 2019 gibt.

Es gebe immer höhere Anforderungen an das System Schule, die nicht mehr nur allein durch die Lehrkräfte bewältigt werden können, erklärt Gabriel Hesse, Sprecher von Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne). Es habe sich gezeigt, dass die Krankenschwestern unterstützen können. Aus diesem Grund habe das Gesundheitsministerium das Bildungsministerium gebeten zu prüfen, ob im Rahmen des Aktionsprogramms »Aufholen nach Corona für Kinder und Jugendliche« auch Schulgesundheitsfachkräfte beschäftigt werden können.

Brandenburg sei »die Wiege der Schulgesundheitsfachkraft«, betont Angela Schweers, die Vorsitzende des Bezirksverbandes Potsdam der Arbeiterwohlfahrt (Awo), die sich in einigen Modellregionen um das Projekt kümmert. Hier wurde die Idee ab 2009 entwickelt. Selbst wenn das Projekt in Brandenburg abgewickelt wird, wäre es ja noch nicht am Ende, sagt Schweers. So wird es in Hessen und Bremen weiterhin entsprechende Fachkräfte geben, Berlin, Stuttgart und Mainz möchten überdies in das Projekt einsteigen. Aber natürlich wäre das Aus in der Mark sehr bedauerlich.

Am kommenden Mittwoch stellt die Awo die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Überprüfung des Projekts im Gesundheitsausschuss des Brandenburger Landtags vor. Es sind umfangreiche positive Ergebnisse, wie Projektleiterin Gudrun Braksch deutlich macht. So habe sich herausgestellt, dass 87 Prozent der Schüler, die eine der Krankenschwestern aufsuchten, danach in den Unterricht zurückkehren konnten.

Warum die Krankenschwestern eine so große Hilfe sind? Wenn an diesem Montag in Brandenburg das neue Schuljahr beginnt, sind nicht wenige Kollegen schon für ihre klassische Lehrtätigkeit nicht ausreichend qualifiziert - Tendenz steigend. 1256 Lehrkräfte habe das Land Brandenburg unbefristet neu eingestellt, nur 894 seien voll ausgebildet, sagt Günther Fuchs. Dazu kämen noch die fast 400 Seiteneinsteiger, die bereits da waren, rechnet der Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) vor. 120 offene Stellen seien im Moment immer noch nicht besetzt, und man könne davon ausgehen, dass dafür nun nur noch Quereinsteiger gefunden werden können. Zusätzlich seien unter den über 400 befristet eingestellten Lehrern 350 ebenfalls Seiteneinsteiger. So kommt Fuchs bei den Neueinstellungen auf eine Quereinsteigerquote von fast 45 Prozent. Im vergangenen Schuljahr seien es noch 43 Prozent gewesen.

Die Misere sei entstanden, weil es Brandenburg - wie andere Bundesländer auch - versäumt habe, rechtzeitig genug Nachwuchs für die vielen in Pension gehenden Kollegen auszubilden. Nun bleibe nichts anderes übrig, als Hochschulabsolventen zu nehmen, die zwar ein Fach studiert, aber keine Ahnung von Pädagogik und Didaktik hätten. An Gymnasien, wo das Problem nicht ganz so ausgeprägt ist, gibt es erst 2,7 Prozent Quereinsteiger, an den übrigen Schulen aber schon 20 Prozent. Fuchs sagt: »Individuelle Förderkonzepte zu erstellen, ist die hohe Kunst der Pädagogik. Das kann kein Seiteneinsteiger.« Dazu komme, dass Lehrer für Fächer eingesetzt werden, die sie gar nicht studiert haben. Der GEW-Chef meint, Brandenburg bräuchte 400 Lehrer mehr, als es tatsächlich hat. »Als Lehre aus der Pandemie müsste man die Klassen kleiner machen. Wir machen sie größer«, kritisiert er.

Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) sieht das anders. Ihr zufolge stehen genug Lehrer für die fast 300 000 Kinder und Jugendlichen zur Verfügung, die nun zum Präsenzunterricht in volle Klassenräume zurückkehren. Um auszugleichen, was in den vergangenen anderthalb Jahren an Unterricht versäumt wurde, erhalten die 923 Schulen im Bundesland zusammen 200 zusätzliche Vollzeitstellen und jede Schule pauschal 3000 Euro zur eigenverantwortlichen Verwendung.

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