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Urlaub machen, wo andere nur durchfahren

Slowenien hat 46 Kilometer Mittelmeerküste, die venezianisch geprägten Städte sind einen Besuch wert

  • Von Stefan Weißenborn
  • Lesedauer: 6 Min.

Als vor 119 Jahren in Venedig der Markusturm kollabierte, war Piran die Rettung. Alte Baupläne, die in Venedig nicht mehr greifbar waren, lagerten in der slowenischen Küstenstadt noch im Archiv. Denn dort hatte man Anfang des 17. Jahrhunderts eine der zahlreichen Replica der Campanile die San Marco fertiggestellt, den Turm der St.-Georg-Kirche. So konnte das architektonische Vorbild, der berühmte Glockenturm des Markusdoms, der 1902 im Zuge stümperhafter Modernisierungsarbeiten in sich zusammengebrochen war, mit Hilfe aus Piran wieder aufgebaut werden.

Mit einem gewissen Stolz erzählt Irena Fonda diese Geschichte, während sie dem Skipper ihres Bootes gerade Anweisung gibt, loszufahren. Der wirft den Motor an. Wir sind auf einer Fischfarm-Tour auf dem Weg zur Bucht von Piran.

Koper, Piran, der Kurort Portorož, für viele Urlauber sind das nur Ortsnamen, die sie auf der Durchreise nach Kroatien von Straßenschildern oder Navidisplay ablesen. Dabei hat der slowenische Teil Istriens für Besucher viel zu bieten. Das Leben am Wasser - der Küstenabschnitt des Landes ist nur 46 Kilometer lang - tickt etwas anders, als im Rest der adriatischen Halbinsel. Nicht minder interessant sind die touristischen Angebote. »Nur hat sich Kroatien bislang viel besser vermarktet«, sagt Fonda. Wer an Istrien denkt, denke oft nur an das Nachbarland.

Das Boot fährt einen Kanal entlang, der von den Ausläufern von Portorož in die Adria führt. »Der Kanal heißt übrigens Canale Grande«, sagt Fonda. Ja, man könnte einen Vortrag über die Spuren Venetiens in dieser Gegend halten, aber wir wollen Fische sehen. In der Bucht nimmt der Wellengang zu, dann kommen Kreise auf dem Wasser in Sicht, die Fischbecken, daneben ein Floß, auf dem ein Wohnwagen scheinbar deplatziert steht. »Dort hält sich der Nachtwächter auf«, sagt Fonda. Fischdiebstahl, oft durch frustrierte Fischer, sei ein Problem.

Fonda Fish - in der Gastroszene hat Irena Fondas Firma nach über zwölf Jahren einen Namen. Die größte Herausforderung sei es gewesen, Gastrokritiker und Kunden zu überzeugen, ja überhaupt dem Zuchtfisch ein positives Image zu geben. Mittlerweile findet sich Fisch von Fonda - man liefert frisch und verzichtet bei der Zucht auf jegliche Pestizide oder Herbizide - nicht nur auf den Karten von Gourmetrestaurants. Die Firma ist auch in den Tourismus eingestiegen.

Gäste wie wir fahren zu den Rundbecken, in denen sich massenhaft Wolfsbarsche und Doraden tummeln. Sie bekommen erzählt, dass die Fischzucht ein Mittel gegen die weltweite Überfischung der Meere sein könnte und können zusehen, wenn Fonda oder einer ihrer Mitarbeiter füttert. Kaum wirft Fonda eine Handvoll ins Becken, beginnt das Wasser zu kochen. Dutzende Fischmäuler, Flossen, glatte Rücken durchbrechen die Oberfläche. Ein Kampf ums Fressen. »Kultivieren lassen sich aber längst nicht alle beliebten Speisefische«, sagt sie, »Thunfisch zum Beispiel.«

Neben den Fahrten zur Farm im Meer, die später an Land mit einer kleinen Degustation, oft gibt es Fisch-Carpaccio, abgeschlossen werden, kann man in Begleitung zu den 9,5 Meter hinabreichenden Netzen auch tauchen. Die Tauchgänge unternimmt Fondas Bruder, um sich davon zu überzeugen, dass die Fische nicht in Stress sind. 25 000 Doraden lebten zum Beispiel in dem zwölf Meter breiten Rundnetz vor uns. »Damit haben wir 12 Kilo Fisch pro Kubikmeter, 15 Kilo wäre die Vorgabe für eine Bio-Zertifizierung.« Auf die man jedoch verzichte, um den Kilopreis für Endkunden von 18 Euro halten zu können.

Während der Unterwasserbesuch bei den Zuchtfischen wegen der Strömungen nur etwas für Erfahrene ist, kann man in der Altstadt von Piran eine ganz normale Tauchschule aufsuchen. Wie die Hafenstadt mit und vom Wasser lebt, das ist schon interessant. Im Sommer kann man den Massen kaum entgehen, jeder Quadratzentimeter, wie auch am kurzen Rest der slowenischen Riviera, werden genutzt. Leib an Leib liegt auf der Betonplattform, die die Altstadt im Rund zum Meer abgrenzt und bei Strom schon mal unter Wasser steht. Doch zieht man nicht romantische Vergleiche heran, lässt sich der Atmosphäre etwas Alltägliches abgewinnen: So leben die Menschen hier eben, und es gibt keine Extrazonen für die Touristen. Manchmal wird sich da gesonnt, wo keine drei Meter entfernt die Autos auf einem der Parkplätze stehen, denn die Stadt soll weitgehend autofrei gehalten werden.

So mischt sich auch manch komische Gestalt unters Bikini- und Badehosenvolk, darunter immer wieder Marjan Markuc, wenn er in Neopren und mit Flasche auf dem Rücken seine Tauchgäste zur Metallleiter führt und von dort durch die Planschenden hindurch in die Ruhe abtaucht. Ein Tauchgang in der Bucht von Piran lässt sich natürlich nicht mit den Gewässern in der Karibik oder vor den Philippinen vergleichen, wo Markuc überall seine über 5000 Tauchgänge gesammelt hat. Aber er ist lehrreich, was das adriatische Unterwasserleben betrifft.

Das Kap Madona mit seinem Riff, ein geschütztes Stück Adria, ist artenreich. »Der beste Tauch-Spot Sloweniens«, wird Markuc später sagen, aber das sagt angesichts der kurzen Riviera natürlich erst mal nichts. Aber: Delfine und Thunfische können einem begegnen, wenn auch selten, Steinkorallen, Skorpionfische und Seepferdchen öfter, und es sind die kleinen Dinge, die verblüffen. Unter Wasser zeigt Markuc die Höhle eines Hummers, und in sechs Metern Tiefe winkt der Piraner wieder zu sich heran, an den sandigen Grund und zeigt auf einen Schwamm. Er hebt ihn an, und siehe da, es ist ein Krebs der sich den Schwamm zur Tarnung auf den Panzer gepackt hat. Ohnehin ist es fantastisch, sich mitten in einem Schwarm kleiner Fische wiederzufinden, in diesem Fall der Art Gelbstriemenbrasse, auch Boops boops genannt, es müssen nicht immer Papageienfische oder Barrakudas sein. Selten lustig ist das Auftauchen zum Ende des Gangs - dann sieht man wieder die Planschenden, beziehungsweise ihre gegenüber den angestammten Meeresbewohnern unbeholfen paddelnden, seltsam bleichen Extremitäten, bevor es wieder laut wird.

Wer nach dem Trubel Pirans die Ruhe sucht, ist bei Leda Braskin an der richtigen Adresse. Die Frau um die 60 rackert sich den ganzen Tag ab. Sie trägt Wäsche hin und her, empfängt neue Gäste, hat Schweißperlen auf der Nase und immer ein Funkeln in den Augen, und sie hat aus der Not eine Tugend gemacht. Eine Gästeunterkunft direkt am Meer hochzuziehen kam nicht infrage - kein Flecken frei oder superteuer. So dachte sie sich: Ich lasse meine Gäste auf der eigenen Kirschplantage in den Hügeln über Portorož zur Saison im Mai die Früchte miternten und in Jurten schlafen. Fünf der mongolischen Rundzelte hat sie im Jahr 2018 eröffnet, mit teilverglastem Kuppeldach für die Sternenbeobachtung aus dem Bett. Sie stehen inmitten der weitläufigen Farm. Nachts hört man die Grillen zirpen oder auch mal einen Hirsch tief röhren und sonst nichts. Braskin vermarktet ihr Kleinod zeitgeistpassend als Glamping und will »mitten in der Natur den Komfort einer Hotelsuite« bieten. Das schafft sie allein ohne weitere Belegschaft natürlich nicht. Und kochen oder grillen muss man selbst.

Aber was gibt es Schöneres als mit einem guten Glas lokalem Malvazija-Wein und Grillfisch auf dem Teller vom Pool aufs entfernte Meer zu schauen? Man erahnt St. Georg und denkt vielleicht an Campanile die San Marco im ewig überfüllten Venedig. Glamping, betont Braskin, komme von Glamour und schließe Menschenmassen aus. Und wer will, fährt doch mal schnell runter zur schönen Moon Bay im Landschaftspark Strunjan, ein imposantes sichelförmiges Stück Steilküste, das man als Transitreisender nie kennenlernen würde.

Weiterführende Informationen:

www.portoroz.si/en

www.slovenia.info/en

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