Korruption und Brutalität

Über den Zusammenbruch des afghanischen Militärs

  • Von Cyrus Salimi-Asl
  • Lesedauer: 6 Min.

Waren die Soldaten der afghanischen Regierungsarmee schlecht ausgebildet? Hatten sie Angst vor den Taliban? War die häufig kolportierte Truppenstärke viel kleiner? Oder haben sie nur darauf gewartet, sich den islamistischen Milizen anzuschließen, weil sie schon immer mit ihnen sympathisierten? Viele haben darauf Antworten, Afghanistan-Experten, inoffizielle Taliban-Versteher, und Geopolitik-Strategen. Und viele widersprechen sich: Wage derjenige aufzustehen, der die ultimative Erklärung für den Showdown in Kabul hat. Klar ist, dass die Taliban erneut die Macht in Afghanistan haben und künftig die politische Marschrichtung vorgeben. Nur wie sind sie so schnell an dahin gekommen? In nur wenigen Tagen war offenbar nichts mehr übrig von den angeblich über 300 000 afghanischen Sicherheitskräften. Eine monokausale Erklärung verbietet sich, Kriege kennen selten einfache Wahrheiten.

Lange gingen Beobachter davon aus, dass die afghanische Armee den Taliban-Milizen haushoch überlegen sei. Dabei stützten sich alle auf Angaben, die aus den USA stammten. Demnach zählten die afghanischen Streitkräfte Ende April mehr als 307 000 Soldaten und Mitarbeiter, darunter Armee, Spezialeinheiten, Luftwaffe, Polizei und Geheimdienste. Diese Zahl geht aus dem Ende Juli veröffentlichten Bericht der US-Generalinspektion für den Wiederaufbau Afghanistans (Sigar) hervor. Für Kampfeinsätze hätten pro Tag rund 180 000 Soldaten zur Verfügung gestanden, wie Jonathan Schroden vom Institut für Militärforschung CNA schätzt. Heute weiß man jedoch, dass offensichtlich viele Soldaten und Polizisten als sogenannte Geisterkämpfer auf Gehaltslisten standen und tatsächlich gar nicht im Einsatz waren – und jemand anders sackte den Sold ein. Diese Korruption blieb vielen nicht verborgen. Sie sorgte mit Sicherheit nicht dafür, eine gegenüber dem Staat loyale Armee heranzubilden.

Zahl der Kämpfer und Soldaten

In die afghanischen Streitkräfte flossen Unsummen an Geld: Mehr als 83 Milliarden US-Dollar gaben allein die USA für Waffen, Ausrüstung und Training für die Afghanischen Nationalarmee (ANA) aus, schreibt die »New York Times«. Auch deshalb erscheint es verwunderlich, dass sie so schnell zusammengebrochen ist und praktisch keinen Widerstand geleistet hat.

Die Zahl der afghanischen Spezialkräfte ist geheim. Nach Informationen aus Sicherheitskreisen gibt es 40 000 Spezialkräfte in der Armee, 8000 bei der Polizei und weitere 8000 in den Geheimdiensten. Über wie viele Kämpfer die Taliban verfügen, war nie genau bekannt. Da die islamistischen Milizen keine stehende Armee hätten, seien alle Zahlen dazu mit Vorsicht zu behandeln, sagte Thomas Ruttig dem »nd«, der als Ko-Direktor von Berlin aus das Afghanistan Analysts Network (AAN) leitet. Die meisten Quellen sprechen deshalb korrekterweise auch nur von Schätzungen und Beobachtungen. Laut UN-Sicherheitsrat soll die radikalislamische Miliz im vergangenen Jahr zwischen 55 000 und 85 000 Kämpfer unter Waffen gehabt haben.

Der Unterschied in der Durchschlagskraft der beiden Seiten lag sicher nicht allein an der Truppenstärke oder den Waffen, die den Kampfverbänden zur Verfügung standen. Immer wieder wurde bemängelt, dass es den afghanischen Soldaten an Kampfmoral fehle. Selbst US-Präsident Joe Biden hat erst vor wenigen Tagen die Verantwortung für das militärische Debakel mit eben dieser Erklärung von sich gewiesen. »Die politischen Anführer Afghanistans haben aufgegeben und sind aus dem Land geflohen«, sagte er. »Das afghanische Militär ist zusammengebrochen, manchmal ohne zu versuchen zu kämpfen.« Wenn die Afghanen ihr Land selbst nicht verteidigen wollten, so Biden, warum sollten das dann die Amerikaner tun?

Die Taliban wurden unterschätzt

Diese Erklärung ist bedenklich nahe an orientalistischen bis rassistischen Erklärungen: Der Afghane kann nicht kämpfen, weil er ein verweichlichter Orientale ist. Außerdem verstehe er die moderne, westliche Waffentechnik nicht. Hier müssen sich auch diejenigen Fragen gefallen lassen, die die afghanischen Soldaten jahrelang für den Einsatz der Waffentechnik geschult haben. Haben die »Schüler« den Unterricht geschwänzt und hat das niemand mitbekommen?

Die Fähigkeiten der afghanischen Armee seien gnadenlos überschätzt worden, sagte John Sopko, US-Generalinspekteur für den Wiederaufbau Afghanistans. Das habe die US-Armee gewusst. Laut Sopkos letztem Bericht für den US-Kongress gingen »die hochentwickelten Waffensysteme, Fahrzeuge und Logistik des westlichen Militärs über die Fähigkeiten der in weiten Teilen analphabetischen und schlecht ausgebildeten afghanischen Streitkräfte hinaus«. Die tatsächliche Truppenstärke lag nach Einschätzung des Anti-Terror-Zentrums an der US-Militärakademie von West Point bei rund 96 000 Kräften.

Richtig ist, dass es mit der Kampfmoral der Regierungstruppen nicht zum Besten bestellt war, bestätigte im Juli gegenüber dem »nd« Ali Yawar Adili. Er arbeitet in Kabul als Country Director des Afghanistan Analysts Network. Mit dem Truppenabzug brach auch ihre bis dahin gekannte Taktik der Kriegsführung plötzlich zusammen. »Vorher konnten sie sich auf die Luftunterstützung durch die Nato und die US-Armee verlassen, auf logistische Unterstützung durch US-Auftragnehmer«, das alles war auf einmal weg und die Soldaten mussten sehen, wie sie alleine zurechtkommen.

Unterschätzt wurde sicher andererseits die Kampftaktik der Taliban-Milizen. Mehr als 25 Jahre sind mittlerweile vergangen, nachdem es die Taliban erstmals in westliche Medien schafften. Seitdem haben sie dazugelernt, auch in der Kriegsführung, bei der sie sich elektronischer Alltagsinstrumente bedienen können wie Mobiltelefone, die seinerzeit schlicht noch nicht in Gebrauch waren.

Im »New York Magazine« beschreibt der Journalist Chas Danner, wie die Taliban in den vergangenen Wochen und Monaten vorgegangen sind, nachdem US-Präsident Biden im April den Rückzug der Armee aus Afghanistan angekündigt hatte. Nach Danners Einschätzung erzielten die Taliban erhebliche Erfolge in ländlichen Gebieten und unterbrachen die Nachschubwege zu den afghanischen Militärstützpunkten. Dagegen mieden sie anfangs Gefechte um die Städte, da diese stärker verteidigt wurden. Mitte Juni begannen die afghanischen Sicherheitskräfte in abgelegenen Gebieten, die ohne Unterstützung der weit entfernten afghanischen Regierung operierten, ihre Posten aufzugeben. Viele beklagten sich, dass ihnen die Lebensmittel ausgegangen waren.

Tatsächlich ist der große Gegensatz zwischen Stadt und Land eine Konstante in der jüngeren afghanischen Geschichte und erklärt zum Teil auch, warum sich das Land so entwickelt hat. Während die Städte in jeder Hinsicht einen gewissen Entwicklungsstand erreicht haben und es in der Hauptstadt Kabul Dienstleistungen gibt, wie man sie aus den meisten Städten dieser Welt kennt, ist die Rückständigkeit der ländlichen Gebiete unübersehbar.

Diese Unterschiede machen sich auch bemerkbar beim Bildungsstand der Bevölkerung, bei ihrer Einstellung zu Neuerungen und den sozio-kulturellen Normen. Grob gesagt steht der aufgeschlosseneren Moderne der afghanischen Stadt ein eher konservatives Dorf gegenüber, das sich an traditionellen Verhaltens- und Denkmustern orientiert. Wenn man sich dann deutlich macht, dass schätzungsweise 80 Prozent der Afghan*innen auf dem Land leben, bekommt man eine Vorstellung von den Dimensionen dieses Phänomens.

Vielleicht ist die Erklärung für das kampflose Aufgeben der Regierungssoldaten auch banal: Wenn es zutrifft, wie Michael Lüders im »Freitag« schreibt, dass ein Soldat für 50 bis 60 Euro im Monat seinen Kopf hinhalten sollte für ein notorisch korruptes politisches System, dann muss man sich kaum wundern, dass der Großteil aufgibt. Hinzu kommt die Brutalität der Taliban bei ihrem Vorgehen. Jack Watling, Forscher für Militärwissenschaften am Royal United Services Institute in London, beschrieb auf CNBC, wie sie Schlüsselpersonen ermordeten, zum Beispiel Piloten, und die Familien von Kommandeuren bedrohten mit der Ansage: »Wenn ihr kapituliert, rettet ihr eure Familie.«

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