Die Bosheit der Regionalzüge

Notizen aus Venedig 1

  • Gunnar Decker
  • Lesedauer: 5 Min.
Ich träumte fremde Ankünfte, das ganze vergangene Jahr lang. August von Platen ging von Triest mit dem Boot kommend, am 7. September 1824 in Venedig an Land, wenn auch »nicht ohne Furcht und Zagen«. In seinen »Sonetten aus Venedig« lese ich: »Da glänzt der Markusplatz im Licht der Sonne, / Soll ich ihn wirklich zu betreten wagen?« Es klingt nach Erstbesteigung eines für allzu hoch gehaltenen Gipfels.
Die Sonetten-Frage eines schauspielernden Dichters, der einen Auftritt mit Effekt sucht? Erst Furcht und Zagen, dann der mannhafte Entschluss. Und heute? Sonst kamen sie zuverlässig alle hierher: sich zur Schau stellende Virtuosen, Streiter gegen den Untergang, Solisten, die ihren Traumschutt kollektiv abladen. Natürlich auch die gelangweilten Vielfraße des Massentourismus, die alles mitnehmen.
Aber im letzten Jahr nicht, da war Venedig eine Geisterstadt, Corona-leer. Hat diese Erfahrung die reflexartig den Touristen an allem die Schuld gebenden Rest-Venezianer demütiger gemacht? Die Gelegenheit dazu haben sie hier allerdings schon immer verpasst. Selbst die Cholera schaffte das nicht, man ignorierte sie einfach.
In Platens Sonetten vibriert jedoch seit 200 Jahren ein schwermütiger Ton. So klingt eine Stadt im Niedergang. Denn der Dogenrepublik war nicht lange zuvor von Napoleon ein unrühmliches Ende bereitet worden. Sie lag – seit 1797 – in Scherben zerbrochen am Boden, und niemand war willens sie aufzuheben und zu einem neuen Ganzen zusammenzufügen. Schließlich machten die Österreicher die bis eben so stolze Dogenstadt zum großen Kaffeehaus. Dann kamen Garibaldi und die nationale Euphorie und schließlich die Touristen.
Es bleibt eine alles durchdringende Orientierungslosigkeit. Die höhere Bedeutung ist Venedig abhanden gekommen, bis heute, so scheint mir. Viel und laut klagen und nebenbei Geld einsammeln, ist das schon eine Identität? In Zeiten eines virtuell gewordenen Kapitalismus (der moderne Kapitalismus wurde schließlich in Venedig erfunden) unbedingt. Welch Anachronismus in einer Stadt unter der Käseglocke der Zeit. Napoleon wollte hier als erstes die Kanäle zuschütten lassen und da er ein Mann schneller Taten war, kann man die Anfänge dieses Unterfangens anhand der Via Garibaldi besichtigen. Spätere planten eine U-Bahn zum Markusplatz, aber ohne einen wie Napoleon wurde daraus natürlich nichts. Gibt es hier noch so etwas wie ein elementares Prinzip, ein Kontinuum, tief eingesenkt in die Fundamente der Stadt?
Das Zugleich von fest und flüssig hat Platen besungen, mit sicherem Sinn dafür, dass das Inkommensurable Venedigs, um nicht gleich von Geheimnis zu sprechen, etwas ist, das zu seinem ursprünglichen Bauplan gehört: »Die Labyrinthe von Brücken und von Gassen, / Die tausendfach sich ineinander schlingen, / Wie wird hindurchzugehen mir je gelingen? / Wie werd’ ich je dies große Räthsel fassen?«
Und schon zeigt sich in Goethes Zeitgenossen eine nachgoethische Perspektive, die ins romantische Terrain des Traums, auch das des nächtlich Abgründigen weist. Die Bündigkeit, mit der Platen dies formuliert, leitet südlich gestimmte Arkadien-Anbeter auf fast schon schroffe Weise auf eine andere Wirklichkeitsebene um: »Venedig liegt mir noch im Land der Träume / Und wirft nur Schatten her aus alten Tagen, / Es liegt der Leu der Republik erschlagen, / Und öde feiern seines Kerkers Räume.«
Kerkers Räume, die öde feiern? Welch böses Bild von Venedig. Stimmt es noch oder wieder in Post-Corona-Zeiten? Schon fahre ich über die 1846 gebaute Eisenbahnbrücke von Mestre hinüber nach Venedig Santa Lucia. Auf diesen Augenblick warte ich, seit der Hochgeschwindigkeitszug Frecciarossa (»Roter Pfeil«) aus Mailand abgefahren ist. Von einem einst chaotischen Bahnhof, wo man seine Koffer automatisch dichter an sich zog, ist er zu einer streng kontrollierten Sicherheitszone mutiert. Einchecken wie auf dem Flughafen! Natürlich dient das alles nur der eigenen Sicherheit, auch dass man am Schalter beim Fahrkartenkauf den Ausweis vorlegen muss und diese dann auf den Namen ausgestellt wird. Anonym reisen war gestern!
Der erste Blick des Ankommenden ist bekanntlich durch keinen zweiten zu ersetzen. Über die Autobrücke rechts, die im überdimensionierten Parkhaus am Piazzale Roma endet, muss man hinwegblicken, aber links wird gleich die Silhouette der Stadt aus der Lagune auftauchen wie vor allen Bahnreisenden seit 170 Jahren. Lange bin ich schon nicht mehr mit dem Zug hierher gefahren, einen ganzen Tag lang – fast noch in Echtzeit des Reisens und nicht turbobeschleunigt per Billigflieger in Einerstundezehn ab Berlin.
Mitten in den Schweizer Bergen aus dem Gotthardtunnel nach einer schieren Ewigkeit auf der anderen Seite der Alpen auftauchend, war ich nun endlich wieder im Süden mit Palmen, Zitronen und Skorpionen. Ich spürte den Klimawechsel trotz der wie immer viel zu stark eingestellten Klimaanlage, die frösteln machte. Den Süden mit allen Sinnen suchen! Diesem Ruf folgte schon der Wanderer Seume, der 1801 in vier Monaten vom sächsischen Grimma nach Syrakus auf Sizilien zu Fuß ging. Erhabene Gefühle brauchen Zeit.
Das Reiseziel Venedig zu verschleiern, hat eine erstaunlich lange Tradition. Nach Venedig zu fahren, galt noch nie als originell. Franziska zu Reventlow etwa formulierte es in »Von Paul zu Pedro« so: »Wenn ich nach Italien gehe, will ich regelmäßig nicht nach Venedig und komme regelmäßig doch hin.« Solche Unentschiedenheit versteht kein Buchungssystem. Also der klare Entschluss: wieder nach Venedig, nach einem Jahr Abstinenz. Das Corona-Virus hat der Stadt eine Tourismus-Atempause verschafft. Eine Stadt fast ohne echte Einwohner mehr, bevölkert – normalerweise – von Millionen Touristen im Jahr, von denen die reichsten sich nebenbei auch mit Immobilien eindecken, war plötzlich gestorben. Niemand mehr da?
Es entwickelte sich etwas, was man sich hier noch kurz zuvor nicht vorstellen konnte: Sehnsucht nach dem Touristen. Denn ohne diesen kann das künstlich konservierte Stadtgebilde nicht mehr existieren. Die Stadt lebt längst nicht mehr aus sich selbst heraus, sondern wird von außen künstlich belebt. Venedig, eine Simulation?
Inzwischen hat der Frecciarossa die postindustriell vermüllte Scheußlichkeit Mestre (das seinen Bahnhof immerhin schon seit 1842 hat) hinter sich gelassen. Vor mir liegt das zeitlose Traumbild einer Stadt schlechthin. Diesen Blick kann mir keiner nehmen! Aber wie das so ist mit den schon sicher geglaubten Privilegien: Kaum ergriffen, lösen sie sich auch schon in Luft auf. Ein hässlicher, schmutziger Vorortzug auf dem Nachbargleis, den ich gar nicht beachtet hatte, beschleunigt ächzend und schiebt sich dem Frecciarossa vor die Lagunen-Aussicht. Abgefangen auf der Ziellinie der Sehnsüchte von einem unterschätzten Gegner. Natürlich aus purem Neid, die Bosheit der Regionalzüge!
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