Der Armenprediger

Reverend William Barber wandelt mit seiner »Poor Peoples Campaign« auf den Spuren von Martin Luther King

  • Von Johanna Soll
  • Lesedauer: 5 Min.

Reverend Dr. William J. Barber II lächelt oder lacht kaum in der Öffentlichkeit. Das mag daran liegen, dass er aufgrund seiner Mission, für die er sich starkmacht, nichts zu lachen hat. Der 57-jährige afroamerikanische evangelische Pastor ist zugleich Geistlicher und leidenschaftlicher Kämpfer für soziale Gerechtigkeit und Bürgerrechte. Während in den USA oftmals strikt zwischen der Benachteiligung aufgrund von ethnischer Herkunft und Klasse unterschieden wird, begreift William Barber beides als miteinander verzahnte Ungerechtigkeiten. Dazu zitiert er gegenüber der US-Online-Zeitung »The Root« Martin Luther King, den bekanntesten schwarzen Bürgerrechtler, Aktivisten und Pastor einer vergangenen Ära: »Das Ziel von Unterdrückung war immer schon, die Massen der armen Menschen - schwarz, braun und weiß - davon abzuhalten, zusammenzukommen und so zu wählen, dass die wirtschaftliche Struktur der Nation verändert wird.«

Doch William Barber zitiert Martin Luther King nicht nur, er setzt auch dessen Bewegung des friedlichen Protests fort: Barber ist unter anderem Co-Vorsitzender der Poor People’s Campaign (Arme-Menschen-Kampagne), die King 1968 ins Leben rief. 2018 wurde die Bewegung mitunter von Barber wiederbelebt. Der Reverend benennt fünf miteinander verbundene Ungerechtigkeiten in den USA: systemischen Rassismus, systemische Armut, die Kriegswirtschaft und Militarismus, ökologische Zerstörung und die Versagung von Krankenversorgung sowie das falsche moralische Narrativ des christlichen Nationalismus. Diese prangert er nicht nur in Reden und TV-Auftritten an, er mobilisiert außerdem Betroffene und Verbündete zu gewaltfreien Protestmärschen und marschiert auch selbst mit. Schon mehrfach wurde Barber dabei verhaftet, so wie seinerzeit in den 50er und 60er Jahren Martin Luther King.

Barber stellt ganz konkrete Forderungen, da er aktuell die Demokratie in den USA in Gefahr sieht - wie eigentlich alle linken US-Politiker*innen und Aktivist*innen. Deswegen macht er in diesen Tagen gegen den Filibuster mobil, jene Senatsregel, die für die Verabschiedung von Gesetzen keine einfache Mehrheit, sondern 60 Stimmen vorsieht. Parteilinke und Aktivisten bei den Demokraten fordern seine Abschaffung oder zumindest eine Reform. Seinen Auftritt in einer Nachrichtensendung des US-Fernsehsenders MSNBC fasst Barber auf Twitter so zusammen: »Jeder, der sagt, es brauche keine sofortige Abschaffung des Filibusters und Gesetze zum Schutz des Wahlrechts, einen existenzsichernden Mindestlohn sowie Massenproteste genau jetzt, ist ein Irreführer, kein Anführer.«

Barber wurde dagegen schon früh zur Führungsfigur: als Sohn einer Sekretärin und eines Physiklehrers in North Carolina aufgewachsen, bekleidete Barber bereits während seiner Schulzeit Führungsämter in der Schülervertretung und dem Ortsverband der Bürgerrechtsorganisation National Association for the Advancement of Colored People (NAACP).

Das derzeit größte Hindernis bei der Verabschiedung von Gesetzen im US-Kongress, die den Menschen in den USA helfen, indem die Probleme gelöst werden, die Barber benennt, sind nicht etwa die oppositionellen Republikaner. Mit ihrer rechtsnationalen, neoliberalen Agenda ist eine Zusammenarbeit, etwa zur Erhöhung des Mindestlohns, ohnehin aussichtslos. Vielmehr kommt die Blockade aus den eigenen Reihen der regierenden Demokraten. So sind es vor allem ein paar konservative demokratische Senator*innen - allen voran Joe Manchin aus West Virginia und Kyrsten Sinema aus Arizona, welche die entsprechenden Gesetzentwürfe mit ihren Gegenstimmen verhindern.

Da Parteikolleg*innen die beiden bisher nicht von ihrer Blockadehaltung abzubringen vermochten, werden Barber und die Poor People’s Campaign Maßnahmen nun aktiv. Sie organisieren Demonstrationen in den Heimatbundesstaaten von Sinema und Manchin, um Druck auf diese auszuüben. Zwar haben arme Menschen in der US-Politik keine Lobby, aber die Poor People’s Campaign verhilft ihnen zu mehr Sichtbarkeit.

Obwohl Barber stets die Notwendigkeit einer multiethnischen Koalition armer Menschen betont und ethnische Herkunft und Klasse oftmals in einem Atemzug nennt, unterscheidet er beides dennoch aufgrund von Zahlen und Fakten. So galten vor der Coronavirus-Pandemie von den über 331 Millionen Menschen in den USA 144 Millionen als arm, darunter 66 Millionen Weiße und 26 Millionen Schwarze. Da Schwarze nur circa 13 Prozent der US-Bevölkerung ausmachen, sind 60 Prozent von ihnen von Armut betroffen, während es bei den Weißen 30 Prozent sind. »Dies geschieht in einem Land, in dem es nicht so sein muss«, sagt William Barber gegenüber »The Root«. »Uns fehlt es nicht an Geld. Uns fehlt es nicht an Ideen. Uns mangelt es an moralischem Mut und deshalb verbindet unsere Bewegung diese ineinandergreifenden Ungerechtigkeiten, denen wir sowohl mit einer intersektionalen als auch mit einer moralischen Reaktion begegnen müssen.«

Eine weitere dieser Reaktionen auf Ungerechtigkeit haben Barber und die Poor People’s Campaign bereits geplant: ein »massenmoralischer Autokorso« am 26. August in West Virginia. Der soll Senator Joe Manchin zum Einlenken in der Frage des Filibusters und zur Verabschiedung des »For The People«-Wahlrechtsreformgesetzes der Demokraten sowie einer Erhöhung des Mindestlohns auf 15 Dollar bewegen. Der Aufruf der Poor Peoples Campaign nimmt auch Bezug auf einen symbolischen Jahrestag im Bundesstaat. Vor 100 Jahren, gegen Ende August 1921 eskalierten in den Bergen um Blair Mountain die jahrelangen Auseinandersetzungen zwischen Gewerkschaftsbewegung und der Kapitalseite. 10 000 streikende Arbeiter lieferten sich fünf Tage lang Gefechte mit einer 3000 Mann starken Privatmiliz der Minenbesitzer der Region.

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